Fotoausstellung "Confrontier" Fotoausstellung in Marienborn zeigt Realität an Grenzen

In diesen Tagen jährt sich der Bau der Berliner Mauer zum 60. Mal – Anlass für die Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn bis zum 30. September die Sonderausstellung "Confrontier" von Kai Wiedenhöfer zu zeigen. Die über viele Jahre entstandenen Fotografien dokumentieren neben den Überresten der Berliner Mauer vor allem heutige Grenzen, die das Leben von Millionen Menschen prägen.

Verlassene Zelte vor einem Stacheldrahtzaun
An der griechisch-mazedonischen Grenze: Idomeni, Griechenland 2016 Bildrechte: Kai Wiedenhöfer

Eine Frau beugt sich vorsichtig durch die Lücke einer meterhohen Betonmauer. Wären da nicht ihr schwarzer Schador und einige Schriftzeichen, wüsste man nicht, wo man diese Grenze verorten sollte. Hier ist es Bagdad – ein Bollwerk, das die Wohnsiedlungen der Schiiten von den Sunniten trennen soll, sagt Kai Wiedenhöfer. Doch letztlich stünden seine Fotografien für ein weltweites Phänomen, wie der Fotojournalist ausführt: "Mir geht es darum, dass sich die Lokalität ein bisschen auflöst und man sozusagen die Weltmauer hat: die Mauer als Phänomen, so wie wir das in Berlin am besten erlebt haben", so Wiedenhöfer.

Confrontier - Fotoausstellung Gedenkstätte Marienborn
Blick in die Fotoausstellung "Confrontier" Bildrechte: Sammlungsbestand Gedenkstätte Marienborn

Die Berliner Mauer als eine von vielen

Der Fall der Berliner Mauer war denn auch Ausgangspunkt für seine Arbeit, erzählt der Fotojournalist. Als junger Student aus Essen hatte er das Ereignis mit seiner Kamera festgehalten. Doch die damit verbundene Hoffnung, dass auch andere Mauern fallen würden, verkehrte sich eher ins Gegenteil. Wiedenhöfer erinnert sich: "Ich war 1989 beim Fall der Berliner Mauer dabei und habe dann relativ viel in Nahost gearbeitet. Und als die Israelis 2002 mit dem Mauerbau angefangen haben, war ich doch ein bisschen schockiert, weil wir 1989 gedacht hatten: 'Das ist es jetzt, wir haben die große freie Welt und keine Mauern mehr!' Und das, was wir ja praktisch seit 1989 gesehen haben, ist genau eine Umkehrung von dem, was eigentlich alle erwartet haben."

Frieden beginnt dort, wo Mauern fallen, nicht, wo sie errichtet werden.

Kai Wiedenhöfer, Fotojournalist

Mauern von Belfast bis Bagdad, von Israel bis Korea und Marokko

Doch statt weniger werden es mehr Mauern und zehn davon hat Kai Wiedenhöfer fotografiert: Von Belfast bis Bagdad, von Israel bis Korea und Marokko. Immer ähnliche Bilder: kolossale Mauern, hohe Zäune, Stacheldraht. Und dazwischen Niemandsland: unwirtlich schmutzig und meist menschenleer. Kai Wiedenhöfer ergänzt: "Im Prinzip versucht man ja, eine Grenze so schnell zu durchqueren und hinter sich zu lassen, wie es irgendwie geht. Und niemand lebt gerne an der Grenze. In Europa haben wir da viel geschafft aber an einer amerikanisch-mexikanischen Grenze, dort lebt ja niemand gerne. Und das sind auch dann meistens die ärmeren Leute, die in diesen Gegenden sind. Die Reicheren, die ziehen weg."

Teile von Mauere nebeneinander
Otay Mesa, San Diego, Kalifornien, USA 2018 Bildrechte: Kai Wiedenhöfer

Ästhetische Fotografien eines ambivalenten Phänomens

Teilweise wirken die Fotos aber auch ästhetisch – wenn sich endlose Mauern aus Wellblech, Stahl und Beton durch die Weiten der Landschaft ziehen. Doch auch darin spiegelt sich die Ambivalenz, die dem Grenzgedanken innewohnt. Denkt man zum Beispiel an die Freiheit proklamierende USA und ihre Abschottung gegenüber Mexiko.

Wiedenhöfer erklärt sich diese Ambivalenz so: "Wir begrenzen uns gerne, weil wir wissen, wir brauchen eine Zugehörigkeit für unsere Identifikation. Und dann ist es ja auch immer so – das trifft eigentlich auch auf alle Grenzen zu –: Die, die drinnen sitzen sind immer die Guten und die draußen sind die Bösen. Andererseits ist es natürlich so: Wir haben immer diesen Anspruch auf Freiheit, die möglichst unendlich sein soll. Und das ist auch in der Bibel so: Das Paradies wird als unendlich beschrieben, wobei es auch eine Mauer hat, aber das sind eben Dinge, die ambivalent sind. Und da gibt es auch keine Lösung dazu."

Blick in die Fotoausstellung
Wiedenhöfers Fotografien dokumentieren neben Überresten der Berliner Mauer auch heutige Grenzen, die das Leben von Millionen Menschen prägen Bildrechte: Sammlungsbestand Gedenkstätte Marienborn

Mit Grenzen löst man keine Konflikte

Egal also um was es geht: Abschottungstendenzen ganzer Gesellschaften oder Religionskämpfe. Mit Grenzen löst man keine politischen Konflikte, dazu bedarf es vielmehr Kommunikation, meint Wiedenhöfer: "Das ist ja auch in privaten Beziehungen so: wenn man ein Problem hat und man redet nicht mehr miteinander, kommt man ja auch nicht weiter. Im Gegenteil: desto weniger man redet, desto mehr verfestigen sich die Vorurteile beiderseits."

Ziel der Ausstellung ist es, noch immer vorhandene Mauern, auch in den Köpfen der Menschen, abzubauen und zu einer Verständigung beizutragen.

Stiftungsdirektor Dr. Kai Langer
Luftaufnahme der Gedenkstätte Deutsch-Deutsche Teilung in Marienborn
Luftaufnahme der Gedenkstätte Deutsche Teilung in Marienborn. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

So dokumentieren die Fotografien mit ihren gewaltigen Bauwerken im wahrsten Wortsinn die Ausweglosigkeit jeglicher Konflikte, und dafür habe ihm ein Palästinenser ein einleuchtendes Bild mitgegeben, erzählt Wiedenhöfer: "Er meinte zu mir: Also was den Friedensprozess mit den Israelis betrifft 'you can't shake hands over a nine meter wall.' Das fand ich ein lustiges Gleichnis, sich vorzustellen, dass man sich über eine neun Meter hohe Mauer die Hände reicht. Das geht eben nicht."

Auch diese Erfahrungen spürt man beim Betrachten der Panorama-Fotografien, die auch schon in etlichen Büchern veröffentlicht wurden. Doch am historischen Ort, in der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn, erlangen die Bilder eine doppelte Wirkmacht.

Informationen zur Ausstellung Die Fotoausstellung "Confrontier" kann vom 1. August bis zum 30. September täglich von 10 bis 17 Uhr in der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn besichtigt werden.

Adresse:
An der Bundesautobahn 2 I 39365 Marienborn

Der Eintritt ist frei.

Telefonnummer: 039406 /9209-0
E-Mail: info-marienborn@erinnern.org

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. August 2021 | 07:40 Uhr

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