Völkerkunde Sächsische Museen starten Webseite zur Dekolonisierung

Die sächsischen Völkerkundemuseen in Leipzig, Dresden und Herrnhut haben eine Online-Plattform zur Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit gestartet. Léontine Meijer van Mensch, Direktorin der Völkerkundemuseen, erklärt, was die Website leisten soll: zum Beispiel Transparenz und Dialog im ethnologischen Diskurs und auch die Klärung von Begrifflichkeiten. Außerdem wird hier über alle Rückgaben der Museen informiert. Zu finden ist die Plattform auf der Website des Völkerkundemuseums im GRASSI Leipzig.

Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen 7 min
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Die Sächsischen Völkerkundemuseen schalten eine Plattform zur Dekolonisierung frei und laden zum Dialog ein. Wie das funktionieren kann: Direktorin Léontine Meijer van Mensch ist dazu im Gespräch mit Vladimir Balzer.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 10.03.2021 06:00Uhr 06:51 min

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MDR KULTUR: Was wollen Sie mit dieser Plattform zur Dekolonisierung, Restitution und Repatriierung erreichen?

Léontine Meijer-van Mensch: Für mich sind Museen dialogische Orte, beim Dialog geht es vor allem um Sichtbarmachen und Informieren, aber auch um Haltung-Einnehmen. Und Dekolonisierung, Restitution und Repatriierung, das sind natürlich schwierige Begriffe. Wir wollen vor allem eine interessierte Öffentlichkeit informieren, weniger die Fachkollegen, aber auch die Herkunftsgemeinschaften, deshalb ist die Plattform auch auf Englisch. Wir wollen transparent sein: Von der ersten Kontaktaufnahme bis: Wie geht so ein Prozess des Rückgebens?

Auf der Plattform sind Beispiele von Rückgaben zu sehen. Welche Rückgabe war für Sie zentral?

Für mich war die Rückgabe 2019 an mehrere Aborigine-Communitys sehr bewegend, weil wir tatsächlich gemeinsam mehrere Wochen hier im Museum an dieser Rückgabe gearbeitet haben. Das waren bewegende Prozesse. Leider konnte es dann nicht stattfinden wegen Corona, aber wir hoffen, so schnell wie möglich wieder zu starten, vielleicht schon Ende des Jahres.

Die Übergaben sind teilweise mit Ritualen verbunden, in denen die seelische und moralische Bedeutung der Objekte deutlich wird.

Tatsächlich geht es dabei um eine Heilung für beide Seiten, es geht darum, eine Beziehung aufzubauen, die viel mit Vertrauen zu tun hat. Wir wollen auch eine Art von neuer relationaler Ethik mit unseren Herkunftsgemeinschaften. Das geht nicht etwa so: Holen Sie bitte Ihre Vorfahren ab – bitteschön – dankeschön. Es sind lange Prozesse, die auch bei jeder Community anders sind und es braucht Zeit.

Repatriierung ist ein Begriff, der nicht allen geläufig ist, er bedeutet: Übergabe von menschlichen Überresten. Ein Begriff, den Sie ablehnen?

Repatriierung bedeutet das Zurückholen oder Zurückbringen von Kriegs- oder Zivilgefangenen in ihre Herkunftsländer. Im musealen Kontext verstehen wir darunter die Rückgabe menschlicher Überreste an die Hinterbliebenen. Wir möchten den Begriff "menschliche Überreste" nicht mehr benutzen. Wir benutzen lieber "Vorfahren" oder "Menschen", weil die Überreste wieder zu Menschen gemacht werden und zurückgegeben werden.

Rückgabe menschlicher Gebeine nach Australien am 28. November 2019, GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig
Rückgabe menschlicher Gebeine nach Australien am 28. November 2019, GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig Bildrechte: Andreas Wünschirs

Welche Möglichkeiten haben Anspruchsteller, die das Gefühl haben, in Sachsen könnte es Objekte geben, die zurück gegeben werden sollten? Die gehen auf Ihre Seite und stellen einen formlosen Antrag?

Man geht auf unsere Plattform und dann wird bei "Kontakt" gefragt: Was brauchen Sie? Für die informelle Anfrage – können wir uns persönlich oder virtuell treffen? Wir zeigen auf unserer Plattform diesen ganzen Prozess auf, aber letztlich geht es darum, hier vor Ort zusammen zu arbeiten. Weil so ein Rückgabe-Prozess dauert insgesamt so fünf, sechs Jahre, das findet nicht von heute auf morgen statt.

Wie weit ist Deutschland denn beim Thema der Rückgabe von kolonialer Raubkunst?

Deutschland ist ein föderales Land, das hat Vor- und Nachteile. Ich habe das Gefühl, dass es in den letzten Jahren eher Nachteile dadurch gab. Aber jetzt kann jedes Land durch dieses förderale System eigene Entscheidungen treffen und sein eigenes Tempo finden. Da seh ich die Zukunft sehr positiv. Ich denke, da hat Deutschland wahnsinnig nachgeholt. Das gilt auch für Sachsen, und nicht erst, seit ich hier die neue Direktorin bin. Sachsen hat sich in den letzten Jahren sehr gut geäußert, in der Kulturkonferenz zum Beispiel. Und in meiner Zusammenarbeit mit den Ministerien merke ich viel Rückenwind.

Das Gespräch führte Vladimir Balzer für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. März 2021 | 07:10 Uhr

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