Highlights Halberstadt: Das sollten Sie bei der Biennale für zeitgenössische Kunst nicht verpassen

Bereits zum vierten Mal findet die Biennale für zeitgenössische Kunst in Halberstadt statt. Einen Monat lang gibt es Ausstellungen, Lesungen, Vorträge, Performances oder ein begehbares Theaterprojekt in Güterwaggons. Das umfangreiche Programm soll möglichst viele Bürger ansprechen und auch den Stadtraum beleben. MDR KULTUR hat einige Höhepunkte erkundet.

Blick in eine Ausstellungshalle mit Kunstwerken 4 min
Bildrechte: Ilka Leukefeld, Kunst Biennale Halberstadt
4 min

Alle zwei Jahre beleben internationale Künstlerinnen und Künstler Halberstadt und öffnen verloren gegange Orte für die Kunst – in diesem Jahr ein altes Kaufhaus. Ein Beitrag von Sandra Meyer.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 03.09.2022 09:35Uhr 04:10 min

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Es ist schon außergewöhnlich, dass es die Halberstädter Bevölkerung schafft, die 2014 initiierte Biennale aufrechtzuerhalten. Eine Ausstellung alle zwei Jahre mit zeitgenössischer Kunst in einer mittelgroßen Stadt, da braucht es eine besondere Idee. Und die liegt hier in den ungewöhnlichen Ausstellungsorten.

Es seien Orte, die eigentlich der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind, sagt Ilka Leukefeld vom MKH-Kollektiv und gibt Beispiele: "Bei der ersten Biennale hatten wir das alte Schwimmbad, ein altes Jugendstilbad. Und diesmal das alte Stadtcafé, das in den 60er-Jahren gebaut wurde, dann ein Secondhand-Buchladen war und dann lange leer stand."

Drei Männer stehen in einem großen leeren Raum
Im Rahmen der Biennale Halberstadt gibt es auch eine Klanginstallation des IMPULS-Festival für Neue Musik Sachsen-Anhalt, hier ist das Duo Hauptmeier/Recker im Gespräch mit Kay Lautenbach (Mitte) vom CageProjekt Halberstadt. Bildrechte: Dietmar Gubin

Halberstädter Stadtcafé als Kunstort

Dabei ist der Raum in der oberen Etage des Stadtcafés eine echte Offenbarung: Eine riesige Fensterfront leitet den Blick auf die Fußgängermeile mitten im Zentrum. Man ahnt noch, warum die Halberstädter hier gern ihren Kaffee tranken. Doch diese Zeiten seien vorbei, sagt Mike Balster. Er hat die Immobile 2005 für sein Geschäft in der unteren Etage gekauft.

Halberstadt sei vielleicht nicht das richtige Pflaster für so ein Café, sagt Ladeninhaber Balster. Es hätte zwar Anfragen gegeben, jedoch nicht so, dass es sich durchgesetzt hätte, um es wieder richtig in Gang zu bringen. Deswegen hat er die Räume nun für die Kunst zur Verfügung gestellt – die sich in die abgebrochenen Strukturen bestens einfügt, findet Leukefeld.

Ausstellungen mit Materialerkundung

Gerade weil man auf die offengelegten Baustoffe wie Tapeten oder Fliesen schaut, gibt es einen spannenden Zusammenhang zum diesjährigen Thema der Biennale "Material turn". Denn auch in den Kunstwerken geht es um die Verwandlung von Material.

Blick auf ein Kunstwerk an einer Wand einer baufälligen Halle.
Kunst und architektonischer Verfall sind in Halberstadt eng beieinander. Bildrechte: Ilka Leukefeld, Kunst Biennale Halberstadt

Eindrücklich zeigt das die Arbeit von Nadine Adam, das auf merkwürdige Weise an Glasmalerei erinnert. Leukefeld beschreibt: "Was wir hier sehen ist, sind etwa 30x30 Zentimeter große Flächen, die Collagen aus verschiedensten Verpackungsmaterialien sind. Die sind in einem großen rechteckigen Rahmen angeordnet, hängen gegen die Fensterfront, so dass auch das Licht durchscheint. Aber es geht auch um die Materialität selbst: das Bewusstsein der heutigen Zeit, die Müllberge."

Umweltverschmutzung als Thema einer Rauminstallation

Ebenfalls um Umweltverschmutzung geht es in der Arbeit des Wernigeröder Künstlers Stefan Klaube. Seine Rauminstallation nennt er "Öl", das er als Rohstoff für unendlich viele, auch überflüssige Produkte thematisiert. Klaube bemerkt, das "dieser Überfluss in diesen kleinen Raum mit einzelnen Objekten zelebriert wird. Es werden simple Materialien verwendet: Folien, Fliesen, weggeschmissene Artikel wie Müllsäcke. Ich habe daraus was Neues entwickelt. Man soll diese Produkte mehr schätzen."

Eine nutzlose Riesenkanone in Halberstadt

Im Raum daneben werden drei Filme von Alexander Kluge gezeigt. Als gebürtiger Halberstädter und Ehrenbürger der Stadt stellt er bei jeder Biennale Werke zur Verfügung. Im Film mit Helge Schneider geht es um die Kritik des Materials am Menschen, erklärt Leukefeld. "Da geht es um die dicke Bertha, eine Kanone, die 1918 eingesetzt wurde, um Paris zu beschießen. Die wurde später auf der Krim eingesetzt. Dann wurde sie nach Deutschland zurücktransportiert, im Harz versteckt vor den Alliierten. Alexander Kluge sagt: Diese Kanone hat niemandem etwas genützt." Es stellen sich philosophische Fragen wie: Was macht das Material mit uns? Wie behandeln wir das Material?

Historisches Bild: Mörserkanone "Dicke Bertha" mit Besatzung
Die Mörserkanone "Dicke Bertha" regt in Halberstadt zu vielen Gedanken an. Bildrechte: IMAGO / Shotshop

Kunst kann die Sicht auf die Welt verändern

Letztlich geht es um Denkanstöße, aber auch um Erinnerungen, findet Jenny Schütz. Die 50-Jährige arbeitet eigentlich in der Sparkasse und engagiert sich seit einigen Jahren im Verein. Sie betont "Kunst kann die Sicht auf verschiedene Sachen verändern – und dass verschiedene Räume im Stadtgebiet für kurze Zeit mal belebt werden. Und sich viele Leute auch wieder dran erinnern."

Im ehemaligen Stadtcafe gibt es auch noch ein großes Mosaik aus den 60er-Jahren vom Künstlerehepaar Ebeling. Das wird bei vielen Halberstädtern Erinnerungen wachrufen. In diesem Sinn ist auch ein breit angelegtes Rahmenprogramm gedacht: mit Film, Musik, Tanz und einem außergewöhnlichen Theaterprojekt in einem Güterwaggon.

Mehr zum Festival IV. MKH Biennale für zeitgenössische Kunst in Halberstadt

3. September bis 2. Oktober 2022

Öffnungszeiten:
Donnerstag bis Sonntag, jeweils von 11 bis 18 Uhr

Ein Projekt des MKH-Kollektivs, einer Arbeitsgruppe im Kuratorium Stadtkultur e.V.

Redaktionelle Bearbeitung: op

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. September 2022 | 08:15 Uhr

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