Ausstellung Von der Hirtin zur gefeierten Dichterin: Gleimhaus Halberstadt feiert Anna Louisa Karsch

Das Gleimhaus Halberstadt feiert mit einer Ausstellung eine der interessantesten Dichterinnen des 18. Jahrhunderts: Anna Louisa Karsch. Die Zeitgenössin von Goethe, Lessing und Gleim gilt als die erste Schriftstellerin, die von ihren Gedichten leben konnte. Anlässlich ihres 300. Geburtstages beleuchtet das Gleimhaus ihr literarisches Werk, ebenso wie ihre spektakuläre Biografie: In einfachen Verhältnissen geboren, lernte die Hirtin nur durch Zufall Lesen und Schreiben. Die Ausstellung "Plötzlich Poetin!?" ist bis zum 30. April 2023 zu sehen.

Innen/Quer: Gleimhaus Halberstadt. Ausstellungsbereich mit Portraits/Bildersammlung
Mit der Ausstellung "Plötlich Poetin!?" widmet sich das Gleimhaus Halberstadt einer Autorin des 18. Jahrhunderts, die Dichtern wie Gleim, Lessing und Goethe in nichts nachstand. Bildrechte: MDR/Michael Rosebrock

Wer kennt sie heute noch – Anna Louisa Karsch? Dabei war sie eine der schillerndsten Frauengestalten des 18. Jahrhunderts: 1722 als Gastwirtstochter in ärmliche Verhältnisse hineingeboren, avancierte sie zur ersten deutschen Berufsschriftstellerin.

Eigentlich unvorstellbar, weswegen die Ausstellung im Gleimhaus Halberstadt nicht nur das literarische Werk in Augenschein nimmt, sondern auch die damit eng verbundene spektakuläre Biografie. So lernt Karsch als Rinderhirtin durch Zufall lesen und schreiben, sagt Ute Pott, die als Direktorin des Hauses die Ausstellung kuratiert hat.

Gleimhaus Halberstadt feiert Dichterin

"In dieser absurden Situation, als Karsch als Rinderhirtin arbeitet, lernt sie einen Rinderhirten kennen, der ihr Bücher schenkt. So erweitert sich der Kreis ihrer Lektüre. In der gesamten Ausstellung sieht man die Bücher der jeweiligen Lebensstationen", so Direktorin Ute Pott. Das Lesepensum explodiert 1761, als Karsch ihre erste große Gedichtausgabe publiziert.

Radierung zeigt Anna Louisa Karsch mit Anfang 40 im Halbprofil
Das Gleimhaus Halberstadt widmet der Dichterin Anna Louisa Karsch eine Ausstellung. Bildrechte: Gleimhaus – Museum der deutschen Aufklärung, Halberstadt

Dazwischen liegen allerdings noch zwei unglückliche Ehen. Karsch wurde schon als Jugendliche verheiratet, war dann aber wohl die erste Frau, deren Ehe in Preußen geschieden wurde. Sie hatte etliche Kinder und musste auch deshalb in der zweiten Ehe dazuverdienen. Das habe sie durch Gelegenheitsdichtungen getan, erklärt Pott.

Lyrikerin in Berlin als Naturtalent bewundert

"Wir sehen in der Ausstellung ein Bild eines Spinnrades – an diesem Rad hat Karsch wirklich gesessen, sich Melodien memoriert, auf die im Kopf vorhandenen Melodien gedichtet und dann am Sonntag alles artig aufgeschrieben", erzählt die Kuratorin. Das war ihr erster Schritt zur Berufsschriftstellerin, denn ihre Gebrauchslyrik machte sie zunehmend bekannt und ließ sie 1761 nach Berlin gehen, wo sie als "Naturkind" gefeiert wurde.

In der Ausstellung sind vor allem "die auserlesenen Gedichte" zu sehen: Die Gedichtpublikation, die Anna Louisa Karsch einen Gewinn von über 2.000 Talern eingebracht hat. "Dieses Geld wurde angelegt und Karsch hat dann regelmäßige Zinszahlungen erhalten. Wegen dieser Publikation kann man sie als erste Berufsschriftstellerin bezeichnen, weil sie eine dauerhafte Absicherung durchs Schreiben erhalten hat", erläutert Ute Pott.

Ausstellung in Halberstadt zeigt seltene Porträts

Ihre Popularität spiegelt sich aber auch in einer Fülle von Porträts. Karsch gehörte zu den am häufigsten dargestellten Dichterinnen des mittleren 18. Jahrhunderts, sagt Pott, obwohl sie keine Schönheit war. Das zeigt auch das einzige überlieferte Porträtgemälde.

Portrait von Anna Louisa Karsch als alte Frau
In Halbertstadt präsentiert das Gleimhaus die erste Berufsschriftstellerin im deutschsprachigem Raum: Anna Louisa Karsch Bildrechte: Gleimhaus – Museum der deutschen Aufklärung, Halberstadt

"Karsch war mit diesem Bildnis, was manche Besucher erst erschreckt hat, wenn sie reinkommen, sehr zufrieden", so die Kuratorin. "Sie fand es wunderbar, weil sie wach erscheint, mit der Feder in der Hand, mit geradem Rücken, selbstbewusst als Autorin."

Innige Freundschaft mit Johann Wilhelm Ludwig Gleim

Als großer Unterstützer erwies sich dabei ihr Freund und Gönner Johann Wilhelm Ludwig Gleim. Dem sie auch manch Endreimgedicht widmete. "Dann bring ich Herz und Schmerz und mein und Pein in Reim. Dann ist das dritte Wort der Seufzer: ach, mein Gleim", lautet ein eines ihrer Endreimgedichte aus dem Jahr 1762.

Der Seufzer kam nicht von ungefähr: Denn Karsch hatte Gleim mit Liebesbriefen überhäuft, die alsbald zu Tränenbriefen werden sollten, weil Gleim ihre Liebe nicht erwiderte. Faszinierend zu sehen, wie sie authentisch aber durchaus inszeniert, auf ihre literarischen Zeilen weinte.

Ein tränenverschmierter Brief aus dem Jahr 1761
Briefe an Gleim sind Highlights in der Ausstellung zur Poetin Anna Louisa Karsch in Halberstadt. Bildrechte: Gleimhaus – Museum der deutschen Aufklärung, Halberstadt

Gleimhaus präsentiert Briefe, Gedichte und Texte

In dem berühmten Tränenbrief heißt es: "Du iezt niederfallende Trähne, du gehe hinn und sag Ihm daß ich den ganzen Wehrt Seiner Freundschaft fühle zürnen Sie nicht vortrefflicher Freund, dass ich ihnen diese Trähne nachkommen lasse es sind Kinder meine Liebe", zitiert Direktorin Ute Pott. Auf dem Papier würden sich an dieser Stelle relativ viele Tränen befinden.

Karsch, überließ nichts dem Zufall, mit Akribie feilte sie an ihrem Netzwerk, nutzte aber auch Gleims Sammelleidenschaft, um ihr Werk für die Nachwelt zu sichern. Ebenso selbstbewusst reagiert sie auch auf ihren plötzlichen Ruhm.

Was heutige Schriftstellerinnen mit Karsch verbindet

"Diese Schwierigkeiten der Bedingungen, vom Schreiben zu leben, das ist natürlich etwas, was Autorinnen und Autoren bis die Gegenwart beschäftigt", so Ute Pott. "Alleinerziehend mit Kindern unterwegs zu sein, wie auch Anna Louisa Karsch, abhängig zu sein, manchmal von Gönnern, von Auftraggebern. Was muss man jetzt schreiben, was macht die froh? Das sind so Fragen, die schon bei Anna Louisa Karsch auftauchen."

Genau diese Parallelen zum Heute machen die Ausstellung besonders spannend: Auch Karsch erhob schon Anspruch – wie später Virginia Wolf – auf ein Zimmer für sich allein. Tatsächlich gelang es ihr, eine Audienz beim König von Preußen zu bekommen, der ihr am Ende ein Haus zusprach. Die Ironie des Schicksals: Sie bezog es, obwohl es noch nicht trocken war – und starb 1791 an einer Lungenentzündung.

Angaben zur Ausstellung

"Plötzlich Poetin!? Leben und Werk. Ausstellung zum 300. Geburtstag der Dichterin Anna Louisa Karsch"
2. Dezember 2022 bis 30. April 2023

Gleimhaus Halberstadt
Museum der deutschen Aufklärung
Domplatz 31
38820 Halberstadt

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag von 10 bis 16 Uhr

Zur Ausstellung veröffentlicht das Gleimhaus im Wallstein Verlag eine Edition mit Briefen und Gedichten sowie einen Begleitband mit Aufsätzen und Katalogteil. Beide Bücher sind im Museumsshop erhältlich.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Dezember 2022 | 07:40 Uhr

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