Interview Mit Graffiti von Halle nach New York: das Kunstkollektiv KLUB7

Das Kunstkollektiv KLUB7 aus Halle und Berlin hat sich international einen Namen gemacht. Seine Wandgemälde und Illustrationen wurden bereits in Frankreich, Norwegen, Kuba und Israel ausgestellt. Seine künstlerischen Wurzeln hat das Kollektiv in der Urban-Art-Szene. KLUB7-Mitglieder Ingo Albrecht-Hauser und Mike Okay sprechen im Interview mit Schriftsteller Matthias Jügler über ihre Anfänge in der Graffiti- und Hip-Hop-Kultur und wie sie den Sprung nach New York schafften.

MDR KULTUR: Ihr seid aufgewachsen in Halle und sprüht seit der Jugend Graffiti. Gab es damals ein zweites geheimes Leben nachts, von dem eure Eltern nichts wissen durften?

Ingo Albrecht-Hauser, KLUB7: Es war ein geheimes Leben, was ich geführt habe, denn ich hatte noch ein offizielles Leben. Ich war im Jugendblasorchester Halle-Neustadt. Da habe ich schön brav ein Instrument gespielt, gelernt und ernsthaft ausgeübt. Und dann gab es diese parallele Schiene, die war schon immer interessant für mich.

Das Kunstkollektiv KLUB7 posiert in Tel Aviv in einem mit Kreide in schwarz-weiß gestalteten Zimmer.
Auch in Tel Aviv gastierte das Kunstkollektiv KLUB7 aus Halle und Berlin bereits. Bildrechte: KLUB7

Mike Okay, KLUB7: Bei mir gab es wirklich nur das eine, ich hatte kein musikalisches Hobby. Ich habe immer gezeichnet. Und meine Eltern haben das auch unweigerlich mitbekommen, denn in meinem Zimmer waren sämtliche Plakate, "Bravo"-Poster mit Graffitis versehen. Da gab auch schon den einen oder anderen Streit damals.

Für viele ist Graffiti nur eine beschmierte Einfahrt. Offensichtlich ist es aber mehr – abgesehen von der Kunst, die ihr macht. Wie kann man Graffiti erklären?

Mike Okay: In der Zeit, in der ich Graffiti gemacht habe, gab es bei mir beim Übergang von der Kindheit zur Jugend so eine Art Findungsphase, wo ich herausfinden wollte, was bin ich jetzt eigentlich? Und die Graffiti-Kultur hat mir eine Art Zuhause gegeben, in dem ich mich ausleben konnte.

Als ich gemerkt habe, dass es eine relativ große Szene in Halle gibt, die sich um dieses Graffiti- und Hip-Hop-Thema dreht, habe ich mich total Zuhause gefühlt. Es gab Leute in unserem Freundeskreis, die haben gerappt. Es gab Leute, die haben Breakdance gemacht. Wir haben gesprüht. Es ist wie eine kleine Kultur gewesen. Teil davon gewesen zu sein, war für mich als 14-, 15-, 16-Jähriger enorm wichtig. Das hat mir Halt und zu dem Zeitpunkt auch den Lebenssinn gegeben.

Dann erfährt man, wo das alles entstanden ist, nämlich in New York, wo die Szene – genauso wie wir es im kleinen Halle erlebt haben – Ende der 70er-, 80er-Jahre die komplette Stadt aufgemischt hat. Dann ist das auch ein stolzes Gefühl, dass man Teil dieser Geschichte ist.

Ein histroisches Tankstellenhäuschen, das mit bunten Malereien verziert ist.
Neben Halle kommen die Mitglieder von KLUB7 aus Berlin. Hier hat das Kollektiv eine historische Tankstelle in Kunst verwandelt. Bildrechte: imago/PEMAX

Ingo Albrecht-Hauser: Man hat die Zeichen gesehen, die Namen und konnte dann irgendwann zuordnen, wer dahinter steckt. Auch an der Art, wie jemand Bilder gemalt hat, konnte man erkennen: Der verbiegt die Buchstaben derart, das ist der und der. Da einzutauchen, das wahrzunehmen und dann auch von denen, die das ausgeübt hatten, wahrgenommen zu werden. Das war eine große Motivation und die zieht sich eigentlich auch durch bis heute, in die Welt, in der wir uns jetzt befinden.

Aber damals war auf jeden Fall für mich noch dieser Kultfilm "Beat Street" eine große Inspiration. Der kam zu DDR-Zeiten in die Kinos und wurde von der damaligen SED-Regierung geduldet, eher als Kapitalismuskritik angesehen und deshalb gezeigt. Und meine Brüder haben Breakdance gemacht zu DDR-Zeiten, die haben mir das quasi richtig vorgelebt.

Mike und ich, wir sind beide in Halle-Neustadt großgeworden, in so einer Silhouetten-Hochhauswelt, und haben dann mitbekommen, wie Hip-Hop-Kultur, Subkultur funktioniert. Das war super anziehend, und das haben wir nachgelebt.

In Schkeuditz hat das Kunstkollektiv KLUB7 eine Gebäudefront mit Graffiti gestaltet.
Trotz Weltruhm ist die Arbeit des Kunstkollektivs KLUB7 auch in der Region zu finden, wie hier in Schkeuditz. Bildrechte: KLUB7

Ihr seid deutschlandweit bekannt, habt unter anderem in Frankreich, Norwegen, Kuba und Israel ausgestellt. Lasst uns nach New York schauen, was habt ihr dort gemacht?

Ingo Albrecht-Hauser: Wir wollten unbedingt nach New York, weil das für uns eine Art Hip-Hop-Graffiti-Mekka war – also aus der Kindheit, Jugendtagen. Und als wir das gemacht haben, waren wir Mitte oder Ende 20. Wir haben einfach den Flug gebucht und dann entschieden, wir wollen da noch ausstellen und deswegen akquiriert, wo können wir das machen. Wir haben Leute gefragt, die in New York aktiv waren, ob die jemand kennen und sind dann auf eine Galerie gekommen. Das war uns aber nicht genug, denn wir wollten uns in der ganzen Stadt verorten.

Wir hatten einfach Bock, wir wollten unbedingt nach New York.

Ingo Albrecht-Hauser, KLUB7

Das Kunstkollektiv KLUB7 hat ein Floß mit bunten Aufbauten zu Wasser gelassen.
Das Kunstkollektiv KLUB7 hat auch schon ein Floß zur Kunst gemacht. Bildrechte: KLUB7

Zu diesem Zeitpunkt haben wir sehr oft mit Kreide gearbeitet, Kreide im öffentlichen Raum platziert, temporär an verschiedenen Spots, die uns interessiert haben. An Verkehrswegen, wo Menschen durch müssen, an interessanten verwitterten Sportplätzen oder rostigen Toren.

Für uns war Kreide zu dem Zeitpunkt ein schöner Kompromiss, weil das auf der einen Seite so harmlos ist, weil es wieder weggeht, wenn es regnet, und relativ geduldet wird – aber dann dennoch von der Wirkung ziemlich stark ist. Durch diese feinen Muster, die wir zu der Zeit gemacht haben, sehr grafische Elemente waren da drin, haben wir eine relativ große Wirkung erzielt.

Eine Frau und fünf Männer vom Kunstkollektiv KLUB7 sitzen zusammen.
Das Kunstkollektiv KLUB7 kommt aus Halle und Berlin. (v.l.n.r.: Daniela Wegner, Otto Baum, Christian August, Ingo Albrecht-Hauser, Mike Okay und Lowskii) Bildrechte: KLUB7

Für mich war New York damals das totale Graffiti-Mekka – oder ist es heute immer noch.

Mike Okay, KLUB7

Mike Okay: Ich merke gerade auch, wie der Puls hochgeht, wenn ich New York ausspreche, weil es mit so vielen tollen Erinnerung verwoben ist. Allein bei der Musik, die wir damals gehört haben. Oder die Magazine, die wir uns angeguckt haben, die Filme, die wir gesehen haben. Es hat sich immer um New York gedreht, und darum war das auch selbstverständlich, dass wir irgendwann diese Stadt einfach mal besuchen mussten.

Das Interview führte Schriftsteller Matthias Jügler für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Februar 2022 | 19:05 Uhr

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