Weltkulturerbe Clever und Anspielungsreich: Neue Glaskunst aus dem Harz

Seit 2015 steht die "manuelle Fertigung von mundgeblasenem Hohl- und Flachglas" auf der Unesco-Liste für immaterielles Kulturerbe. Unter anderem in Derenburg bei Wernigerode wird diese Tradition gepflegt. Doch der Nachwuchs fehlt. Ein Wettbewerb sollte nun junge Designerinnen und Designer an den Werkstoff heranführen. Die Ergebnisse sind nun in der Ausstellung "Große Glas-Kunst" in der Manufaktur "Harzkristall" zu sehen.

Impressionen von Glaskunst 5 min
Bildrechte: Ines Engelmann/Kunststiftung Sachsen-Anhalt

Wenn man in Sachsen-Anhalt über künstlerisches Glas redet, denken die meisten vermutlich zuerst an die vielen Kirchen, die in den vergangenen Jahren neue Künstlerfenster bekamen. Weithin leuchtende Beispiele sind unter anderem Neo Rauchs Arbeiten für den Naumburger Dom oder das Monumentalkunstwerk aus Glas von Max Uhlig in der Magdeburger Johanniskirche. Schon weniger Menschen haben Hohl- und Flachgläser vor Augen, die aufwendig von Hand gefertigt werden.

Wie bemerkenswert diese Technik ist, können Interessierte in Sachsen-Anhalt in der Glasmanufaktur "Harzkristall" in Derenburg bei Wernigerode erleben. "Fast die wenigsten wissen, dass wir in Derenburg die nördlichste Glasmanufaktur Deutschlands haben", hebt Manon Bursian hervor, Direktorin der Kunststiftung Sachsen-Anhalt. Das ist ein ganz besonders schützenswertes Handwerk, das gar nicht mehr an so vielen Orten möglich ist, weil es keine Hütte gibt."

Lange Tradition im Harz

Glasmanufaktur Derenburg
In der Glasmanufaktur Derenburg können Interessierte Glasbläserei erleben. Bildrechte: Glasmanufaktur Derenburg

Von 1966 an bis zur Wende gehörte die Glashütte der Halleschen Kunsthochschule Burg Giebichenstein. So entwickelte die Gestalterin Marita Voigt ihre berühmte Fernsehturm-Vase im damaligen VEB Harzkristall Derenburg. Auch die DDR-Glasgestalterin Marlis Ameling wirkte dort. Es gibt in Derenburg also schon lange eine Anbindung an die zeitgenössische, künstlerische Glasfertigung.

Es lag demnach nahe, einen Wettbewerb für künstlerisches Glas auszurufen. Die Herausforderung war, hochwertige Alltagsobjekte zu entwerfen. "Das ist ein Stück weit Selbsterhaltungstrieb", gibt Ferdinand Benesch zu, Marketing-Leiter der Erlebniswelt "Harzkristall". "Denn wenn wir uns mit den Hochschulen und als Stiftung nicht darum bemühen, dass es neue Designer gibt, die mit dem Werkstoff Glas arbeiten, wird es das in den nächsten 20 bis 30 Jahren nicht mehr geben."

Impressionen von Glaskunst
Die jungen Designerinnen und Designer wurden zunächst an die Technik herangeführt. Bildrechte: Ines Engelmann/Kunststiftung Sachsen-Anhalt

Insofern müssen wir etwas dazu tun, das Jung-Designer an den Werkstoff Glas herankommen und Möglichkeit haben, dort zu experimentieren.

Ferdinand Benesch, Marketing-Leiter der Erlebniswelt "Harzkristall"

Neue Glaskunst aus Derenberg

Ferdinand Benesch erzählt, dass es deutschlandweit nur noch rund 150 Glasmacher und zwei bis drei Auszubildende jährlich gäbe. Auch Designer, die Glas entwerfen, seien eine Rarität. In Derenburg wurden nun fünf Kunstschaffende von einer Jury ausgewählt – allesamt Absolventen der Burg Giebichenstein –, um direkt an den Brennern und Öfen zusammen mit den Handwerkern lernen zu dürfen, welche Ideen in Glas funktionieren und welche nicht.

Impressionen von Glaskunst
Blick auf die Ausstellungstische in der Derenburger Manufaktur Bildrechte: Ines Engelmann/Kunststiftung Sachsen-Anhalt

Neben einer Schale von Judith Runge und perlmuttartig schimmernden Aufbewahrungsgläsern von Sebastian Richter hat Aneta Koutnà den 1. Preis gewonnen. Für ihre zwei variierenden Tabletts aus Glas ließ sie sich von den gefluteten Tagebauen Sachsen-Anhalts inspirieren. Der Plastiker und Keramiker Johannes Nagel spürte indessen einer Halleschen Ikone nach: der 1929 von Marguerite Friedlaender erschaffenen, legendären Vasenserie "Halle" aus weißem Porzellan für KPMG. Manon Bursian ist begeistert von der interessanten Mischung: "Man denkt im ersten Augenblick: Ist es ein Johannes Nagel, ist es doch eine Marguerite Friedlaender? Der Unterschied ist, dass er einfach die Proportionen verschoben hat und der Vase einen ganz besonderen, sehr aufwändigen Schliff gegeben hat. Beides ist im Porzellan nicht möglich. Im Glas sieht diese alte Form auf einmal neu und frisch aus. Trotzdem hat sie die Qualitäten des Klassikers. Und das muss man erst mal hinkriegen in der Kunst."

Das sind die Arbeiten der "Großen Glas-Kunst"

Impressionen von Glaskunst
Aneta Koutnà ließ sich von den Baggerseen der Region insprieren. Bildrechte: Matthias Ritzmann/Kunststiftung Sachsen-Anhalt
Impressionen von Glaskunst
Aneta Koutnà ließ sich von den Baggerseen der Region insprieren. Bildrechte: Matthias Ritzmann/Kunststiftung Sachsen-Anhalt
Impressionen von Glaskunst
Die Vasen von Johannes Nagel erinnern an Margarete Friedländer. Bildrechte: Matthias Ritzmann/Kunststiftung Sachsen-Anhalt
Impressionen von Glaskunst
Julia Schleicher spielt bei ihrer Handschale mit der Wahrnehmung von Händen. Bildrechte: Matthias Ritzmann/Kunststiftung Sachsen-Anhalt
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Sebastian Richters Aufbewahrungsgläser aus der Reihe "Kulturerbe" Bildrechte: Matthias Ritzmann/Kunststiftung Sachsen-Anhalt
Impressionen von Glaskunst
"Bewahren und Ausstrahlen" nennte Judith Runge ihre Schale. Bildrechte: Matthias Ritzmann/Kunststiftung Sachsen-Anhalt
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Die Bildhauerin Julia Schleicher aus Halle, die vor allem figürliche Plastiken erschafft, hat in einem Glas-Gussverfahren eine Handschale im wörtlichen Sinne erschaffen: Zu jenem Händepaar, das real die transparente Schale hält, gesellt sich auf der satinierten Oberfläche noch ein zweites im Relief. So ist eine optisch und auch haptisch sinnliche Arbeit entstanden, die nun in einer kleinen Ausstellung in Derenburg, wie die anderen vier Glaskunstwerke, Aufmerksamkeit auf die nördlichste Glasmanufaktur Deutschlands zieht. 

Weitere Informationen Die Ausstellung "Große Glas-Kunst" ist noch bis zum 3. Oktober im Erlebnismuseum "Harzkristall" zu sehen.

Im Freien Felde 5
38895 Derenburg

Öffnungszeiten:
Täglich von 9.30 bis 17.30 Uhr

Unterwegs im Harz

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. August 2021 | 07:40 Uhr

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