Sanierungspläne Gera: Wird das Hertie-Kaufhaus zum Kulturort?

In Gera nahm der Warenhauskonzern Hertie Ende des 19. Jahrhunderts seine Anfänge. Oscar Tietz eröffnete 1882 seinen ersten Laden, der jedoch bald zu klein wurde und deswegen Anfang des 20. Jahrhunderts Platz für ein modernes und großes Warenhaus machen musste. Der Glamour von einst ist lange verschwunden, zuletzt war in dem Gebäude ein Horten-Kaufhaus, seit fast 20 Jahren steht es leer – aber nun bewegt sich in der Stadt etwas: Man plant eine neue Zukunft für das Hertie-Stammhaus.

Eröffnungsfeier Kaufhaus Tietz, Gera, 1904
Historische Postkarte zur Eröffnungsfeier des Kaufhaus Tietz, Gera, 1904 Bildrechte: Stadtarchiv Gera

Von außen geht dieser imposante Bau fast unter: In der schmalen Einkaufsstraße mit dem prophetischen Namen "Sorge" reiht sich das Hertie-Stammhaus neben anderen, kleineren Altbauten ein – die neoklassizistische Fassade mit den prägenden Säulen hat schlicht keinen Raum, sich zu entfalten. Auch im Inneren braucht es ein genaueres Hinschauen, um den Pomp des einstigen Kaufhauses zu entdecken. Die Decken sind mit Platten aus den 90er-Jahren verkleidet und auch der Teppichboden stammt wohl aus der gleichen Zeit.

Ein Ort des Konsums und der Geselligkeit

Doch plötzlich wird einer der drei Lichthöfe sichtbar: Eine Kuppel, 80 Meter lang und acht Meter breit, zusammengesetzt aus weißen und gelben Glasplatten. Und plötzlich ahnt man, dass dieses Gebäude einst mehr war, als ein Warenhaus: "Das Interessante ist, dass es schon von Beginn an mit sogenannten Erfrischungsräumen ausgestattet war, in denen man Speisen und Getränke zu sich nehmen konnte", erklärt Christel Gäbler, die Leiterin des Stadtarchivs. Hertie-Gründer Oscar Tietz habe beim Bau 1911 darauf Wert gelegt – so sei nicht nur ein Ort des Konsums, sondern auch der Geselligkeit entstanden.

Stammhaus des Unternehmers Hermann Tietz in Gera
Die gläserne Kuppel im Lichthof des Hertie-Stammhauses. Bildrechte: imago/NBL Bildarchiv

Vom Laufsteg in Paris nach Gera

So traf sich die aufstrebende Geraer Stadtgesellschaft hier Anfang des 20. Jahrhunderts, um das Geld auszugeben, das man in den boomenden Industriebetrieben der Stadt verdient hatte. 10.000 Quadratmeter Nutzfläche bot das Kaufhaus, darunter etwa eine exklusive Hutabteilung, in der die neuesten Moden aus Paris oder New York zu finden waren.

Doch das ist lange her. Die wirtschaftliche Situation von Gera hat sich komplett verändert, seit der Wende kämpft man mit Abwanderung und Arbeitslosigkeit. Für Oberbürgermeister Julian Vonarb ist deswegen klar, dass eine Zukunft des denkmalgeschützten Gebäudes nicht im Shopping liegen kann. Er hat andere Ideen, um das Hertie-Stammhaus mit Leben zu füllen: "Wir wollen, dass die Stadtbibliothek hier einzieht", so Vonarb. "Sie hat ihren Sitz bislang in einem modernen Gebäude, das aber nicht den Anforderungen an eine Bibliothek heutiger Zeit gerecht wird. Das wollen wir mit dem Umzug ändern."

Erfrischungsraum im Geraer Kaufhaus Tietz
Der Glamour des einstigen Tietz-Kaufhauses lässt sich heute nur noch erahnen. Bildrechte: Stadtarchiv Gera

Vonarb sieht die Bibliothek künftig als sogenannten "Dritten Ort", als städtischen Treffpunkt für Veranstaltungen, Kurse, Bildungsangebote. All das sei im Kaufhaus möglich. Auch weitere Ämter mit Publikumsverkehr könnten einziehen und vielleicht die Duale Hochschule Gera-Eisenach. Dem Oberbürgermeister geht es dabei nicht nur um die Wiederbelebung des Gebäudes – er hat gleich das ganze Viertel im Blick, in dem es viel Leerstand gibt: "Es werden Lauffrequenzen entstehen. Eine Institution lässt sich nieder und zwingt die Menschen im positiven Sinne, hierher zu kommen. Und genau darum geht es: dass jemand einen Amtsgang erledigt und im Anschluss noch in das inhabergeführte Modegeschäft gegenüber geht und dort einkauft."

Denkmalgerechte Sanierung wird teuer

Julian Vonarb, unabhängiger Kandidat bei Oberbürgermeisterwahl in Gera am 15. April 2018
Julian Vornab, Oberbürgermeister der Stadt Gera Bildrechte: Julian Vonarb

Am liebsten würde der Oberbürgermeister das Gebäude kaufen und komplett aus städtischer Hand entwickeln. Der Stadtrat hat ihn beauftragt, ein entsprechendes Konzept zu erarbeiten. Doch ob die finanzschwache Stadt Gera sich das leisten kann, ist unklar. Immerhin: Im vergangenen Jahr gab es bereits eine Förderzusage vom Bund, sechs Millionen Euro könnten in das Kaufhaus fließen.

Und so hat der derzeitige Eigentümer, ein Geraer Unternehmer, bereits den Architekten Thomas Laubert beauftragt, sich erste Gedanken zur behutsamen Sanierung zu machen. Etwa dazu, wie die riesigen Ladenflächen auch für eine kleinteiligere Nutzung fit gemacht werden können. Laubert will den weitläufigen Gesamteindruck des Hauses unbedingt erhalten: "Wir haben ja hier einen Stahlbeton-Skelettbau mit Zwischenwänden aus Mauerwerk. Alle Ergänzungen, die wir vornehmen, um Räume abzutrennen, sollen transparent sein, bis auf die, die Brandabschnitte bilden. Das heißt, wir werden viel mit Glaswänden arbeiten."

Vorsichtig will Laubert sich in den kommenden Monaten dem historischen Gebäude nähern, seine Geschichte entblättern – sehr zur Freude der Menschen vor Ort. Ihre Bindung zum Kaufhaus ist auch nach fast 20 Jahren Leerstand noch groß.

Das leerstehende Stammhaus des früheren Hertie-Kaufhauskonzerns in der Fuߟgängerzone Geras.
Schon bald könnte aus dem leerstehenden Stammhaus des früheren Hertie-Kaufhauskonzerns in der Fußgängerzone Geras ein Ort der Kultur werden. Bildrechte: dpa

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. Juni 2021 | 18:20 Uhr

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