Vor 20 Jahren Die Jagd nach der Himmelsscheibe von Nebra

Nachdem Raubgräber die Himmelsscheibe bei Nebra im Burgenlandkreis gefunden hatten, wollten Hehler sie 2002 für 700.000 Mark an das Land Sachsen-Anhalt verkaufen. Es kam am 23. Februar zu einer filmreifen Übergabe in einem Basler Hotel, bei der einer der illegalen Händler die Himmelsscheibe plötzlich unter seinem Pullover hervorzog. Doch verdeckte Ermittler und Landesarchäologe Harald Meller als Lockvogel tricksten die Hehler aus – und brachten die Himmelsscheibe ins Landesmuseum für Vorgeschichte nach Halle.

Die Himmelsscheibe von Nebra steht in einer Glasvitrine
Die Himmelsscheibe von Nebra – ein einzigartiges archäologisches Fundstück Bildrechte: dpa

Harald Meller, eigentlich Landesarchäologe in Sachsen-Anhalt, ist mächtig aufgeregt an diesem Tag. Denn er tritt für die Polizei als Lockvogel auf. Unbekannte hatten ihm die Himmelsscheibe über Umwege auf Fotos angeboten.

Neulich hatte es schon ein erstes Treffen in einem Restaurant in Kaarst bei Düsseldorf mit den "Besitzern" der Himmelsscheibe gegeben. Heute nun sollte er die begehrte Scheibe von Nebra in die Hände bekommen.

Dass ich das Glück hatte, in meinem Leben so einen Fund in der Hand zu halten, den für das Land Sachsen-Anhalt und Deutschland gewinnen zu dürfen, ist einfach ein Glücksfall, wie er nur einmal im Leben vorkommt.

Harald Meller, Landesarchäologe in Sachsen-Anhalt

Übergabe der Himmelsscheibe: eine womöglich gefährliche Aktion

700.000 Mark wollen die Verkäufer von ihm haben. Er hatte vorgegeben, sich darauf einzulassen. Aber die Aktion ist nicht ganz ohne, erzählt Meller: "Denn ich wusste ja nicht, ob der Mensch, dem ich gegenüber trete, bewaffnet ist und ob das Ganze nicht auch eine sehr gefährliche Aktion ist. Denn die Polizei hatte mich gewarnt und von daher musste ich auch vorsichtig sein."

So schätzt es auch die Schweizer Kripo ein. Kommissar Peter Gill erklärt den Plan der Ermittler: "Dass die Baseler Behörden einerseits einen verdeckten Ermittler zulassen – das war Herr Meller – und andererseits auch die Himmelsscheibe beschlagnahmt und die Personen, welche damit handeln, dass wir diese festnehmen."

Ein Hehler versteckt die Himmelsscheibe unter seinem Pullover

Zunächst wird Meller von den dubiosen Händlern durch halb Basel gelotst. Am Ende findet das Treffen in der Cafeteria des Baseler Hilton-Hotels statt. Zu dritt sitzen sie an einem Tisch. Lockvogel Meller, die Vermittlerin und der vermeintliche Besitzer der Himmelsscheibe.

Schatzsucher und Archäologe Harald Meller
Harald Meller, Landesarchäologe in Sachsen-Anhalt, war bei der Übergabe der Himmelsscheibe der Lockvogel Bildrechte: MDR / Karsten Möbius

Dann ist es so weit: Harald Meller bekommt die Himmelsscheibe in seine Hände. Der unbekannte Mann hatte die Scheibe unter seinem Pullover, nur in ein Handtuch gewickelt – und zwar "so, dass man es nicht sehen konnte. Der Mann war nicht stämmig, der konnte das da unterm Pullover verstecken. Der Mann hat dann die Scheibe genommen und mir überreicht", so Meller.

Der Zugriff läuft nicht wie erwartet

Meller ist perfekt ausgestattet, um den Schein als Käufer zu wahren: "Dazu hatte ich einen eindrucksvollen gelben Chemiekoffer dabei, mit verschiedenen Ingredienzien. Und habe dann natürlich eine Echtheitsprüfung vorgetäuscht." Immer im Hintergrund ist die Polizei. Überall stehen Ermittler in Zivil. So gut getarnt, dass auch Harald Meller sie nicht erkennt.

Über dem Eingang des Landesmuseums für Vorgeschichte weist ein großes Banner auf eine Ausstellung zur Himmelsscheibe von Nebra hin.
Im Landesmuseum für Vorgeschichte ist die Himmelsscheibe von Nebra normalerweise ausgestellt. Bis Juli 2022 ist sie aber in London. Bildrechte: MDR/Michael Rosebrock

Er rechnet jetzt mit einem Zugriff, doch nichts passiert. Meller wird nervös, glaubt, dass die Polizei ihn vorher bei der Verfolgung durch die halbe Stadt verloren hat und er vielleicht ganz allein mit den beiden Kriminellen am Tisch sitzt.

Er täuscht vor, mal auf die Toilette zu müssen, versucht die Polizei vom Handy zu erreichen. Doch auf der Toilette ist der Empfang schlecht … Irgendwann klappt es und er kann eine SMS absetzen. Kommissar Gill sagt, dass Mellers Aufregung nicht nötig gewesen wäre. Denn: "Es hatte zu diesem Zeitpunkt mehr Polizei als Hotelgäste vor Ort. So viel kann ich Ihnen verraten. Also die beiden Personen wären sicher niemals aus dem Hotel gelangt."

Heute gehört die Himmelsscheibe von Nebra zum UNESCO-Erbe

Plötzlich geht alles ganz schnell: "Zugriff" lautet der Befehl über den Funk und die Ermittler nehmen die beiden Überbringer der Himmelsscheibe fest.

Die Himmelsscheibe von Nebra ist seit diesem Tag im ordentlichen Besitz des Landes Sachsen-Anhalt. Sie gilt als Besuchermagnet im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle. Außerdem gehört sie zum Weltdokumentenerbe der UNESCO. Ihre Beschlagnahme war am 23. Februar 2002.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. Februar 2022 | 06:40 Uhr

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