Interview Warum die Himmelsscheibe von Nebra Ausgangspunkt der ISS ist

Am 31. Oktober 2021 um 7:21 Uhr startet der deutsche ESA-Austronaut Matthias Maurer zur Internationalen Raumstation ISS. Im Gepäck: Eine Kopie der Himmelsscheibe von Nebra. Im Interview mit MDR KULTUR spricht Harald Meller, Landesarchäologe und Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle, über die symbolische Bedeutung des Akts, die 3.600 Jahre alte Himmelsdarstellung in den Weltraum zu schicken.

Die Himmelsscheibe von Nebra fliegt ins All, eine Collage. 8 min
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Eine Kopie der Himmelsscheibe von Nebra reist am Sonntag ins All. Über die symbolische Bedeutung des Akts spricht Archäologe Harald Meller im Interview mit MDR KULTUR.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 29.10.2021 06:00Uhr 07:43 min

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MDR KULTUR: Provoziert es Sie, wenn ich sage, dass ich es Ihnen nicht abnehme, dass Sie nur einen PR-Gag landen wollten, wenn Sie die Himmelsscheibe zur Raumstation ISS mitschicken?

Harald Meller: Wir wurden angefragt und wir machen das natürlich gerne, denn so werden viele Menschen auf den ältesten Blick in den Himmel, der dokumentiert ist, aufmerksam. Aber es ist natürlich nicht nur ein PR-Gag, sondern es zeigt natürlich auch, dass der Mensch schon immer die Sehnsucht nach dem Himmel hatte. Und diese Sehnsucht manifestiert sich zum aller ersten Mal in der Himmelsscheibe, obwohl sie tausende von Jahren älter ist. Und indem die Himmelsscheibe mit auf die ISS geht, zeigt das natürlich, dass, sozusagen mit dem Biss in den Apfel der Erkenntnis, der erste 'footstep on the moon' erfolgt ist. Also: Wir sind in der direkten Verbindung.

Schatzsucher und Archäologe Harald Meller
Landesarchäologe und Museumsdirektor Harald Meller Bildrechte: MDR / Karsten Möbius

Die Himmelsscheibe stammt ja auch aus einer Zeit, in der die Himmel noch bewohnt und die Menschen vertraut waren mit magischem Handeln.

Natürlich stammt die Himmelsscheibe aus einer Zeit, in der mythisches Handeln und Denken üblich war. Aber das ist ja genau das Tolle, dass der Mensch, der die Himmelsscheibe machte, diese mit einer kalten, rationalen Sichtweise machte und eben nicht wie in der gesamten Antike, den Himmel in mythologische Figuren einbaute.

Und Sie glauben nicht, dass die Himmelsscheibe über ihre Funktion als rationale Sternenkarte den Menschen vor 3.600 Jahren auch etwas auf der symbolischen Ebene gesagt hat?

Doch natürlich, denn die erste Phase ist natürlich ganz nüchtern und wahrscheinlich ein verborgenes Wissen für einen einzelnen. Aber die Himmelsscheibe wird mehrfach verändert. Ein Kollege von Ihnen schrieb mal 'vom Logos zum Mythos'. Und am Ende haben sie ein Himmelsschiff vom unteren Rand, das über den Himmelsozean fährt und die Sonne darstellt wie in Ägypten. Am Rand haben Sie Horizontbögen wie bei den neolithischen Kreisgrabenanlagen, die den Jahresfortschritt, also die Jahresmessung zeigen. Und vieles andere, also ein rational logischer Gegenstand wird zu einem mythologischen Gegenstand.

Den Menschen trennt von der Himmelsscheibe nur ein Wimpernschlag.

Harald Meller Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle

Aber in dieser Rationalität begründet ja auch die heutige Raumfahrt. Und dennoch hat die heutige Raumfahrt natürlich immer noch etwas Mythologisches. Es ist immer noch ein Griff nach den Sternen. Es immer noch ein Wunder, wenn man vom Mond oder von der ISS auf die Erde sieht und diesen verletzlichen kleinen blauen Planeten in einem riesigen Nichts schweben sieht. Und dann denkt jeder darüber nach, was eigentlich ein Menschenleben ist: ein Fingerschnippen in der Zeit. Und dann sieht man auch, dass den Menschen von der Himmelsscheibe nur ein Wimpernschlag trennt.

Über dem Eingang des Landesmuseums für Vorgeschichte weist ein großes Banner auf eine Ausstellung zur Himmelsscheibe von Nebra hin.
Das Landesmuseum für Vorgeschichte beherbergt mit der Himmelsscheibe von Nebra einen der bedeutendsten archäologischen Funde des vergangenen Jahrhunderts.  Bildrechte: MDR/Michael Rosebrock

Heute ist der Himmel leer: Die Götter sind gekränkt und vertrieben von Wissenschaft und Aufklärung, so hat es kürzlich der Philosoph Peter Sloterdijk beschrieben. Gibt es eigentlich einen profaneren Ort als eine Raumstation, die durch den leeren Himmel schippert?

Ich glaube, dass die Götter vielleicht vertrieben sind, aber die Faszination, diese Unendlichkeit des Seins, die Frage nach dem Woher, nach dem Sinn des Lebens, nach der Endlichkeit des Universums, diese Frage ist vollkommen zentral und betrifft jeden Menschen. Denn jeder Mensch fragt sich, warum er auf der Welt ist, warum er so kurz auf der Welt ist und was es bedeutet, dass jeder von uns in 5.000 Jahren völlig vergessen ist.

Es heißt ja auch immer, das Weltall ist gut dafür, uns Menschen demütig zu machen, uns daran zu erinnern, wie klein wir sind. Wie unwahrscheinlich ist das eigentlich, dass wir auf diesem verletzlichen Brocken Erde so durch die Unendlichkeit sausen?

Einerseits ist es unwahrscheinlich, dass die Evolution uns hervorbringt. Stellen Sie sich vor, der riesige Meteorit hätte nicht eingeschlagen und die Dinosaurier wären nicht ausgestorben. Dann würden jetzt möglicherweise intelligente Dinosaurier über die Welt laufen. Andererseits ist es ja so, wenn wir The Great Wall betrachten, und wenn wir betrachten, wie viele mögliche Erden es gibt, dann ist es doch extrem wahrscheinlich, das natürlich auf Tausenden und Millionen anderer Welten Leben entstand. Die Frage ist natürlich nur, wie so ein Leben aussieht, wie solche Intelligenzen aussehen. Und ich halte es schon für sehr gewagt, die pioneer-Scheibe loszuschicken, in dem optimistischen Glauben, dass freundliche Nachbarn vorbeikommen. Hier könnte man sich auch andere Szenarien vorstellen.

Das Logo der ESA-Mission ›Cosmic Kiss‹ 3 min
Bildrechte: ESA
3 min

Annegret Faber über de Weltraummission "Cosmic Kiss", bei der der Astronaut Matthias Maurer gemeinsam mit einer Kopie der Himmelsscheibe von Nebra zur ISS reist.

MDR KULTUR - Das Radio So 31.10.2021 06:00Uhr 03:21 min

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Das ESA Missions-Logo neben der Himmelsscheibe von Nebra. 1 min
Das ESA Missions-Logo neben der Himmelsscheibe von Nebra. Bildrechte: MDR / ESA / Imago

Man muss sich aber auch überlegen, ob wir überhaupt bemerkt werden und ob wir überhaupt kommunizieren könnten. In jedem Fall ist es sehr wahrscheinlich, dass wir kein Einzelfall im Universum sind. Es ist aber auch extrem unwahrscheinlich, dass wir je das andere mögliche Leben kennenlernen. Den eins dürfen wir nicht vergessen: Die Lichtgeschwindigkeit wird ja überwunden durch die Expansion des Universums. Die Expansion des Universums ist größer als die Lichtgeschwindigkeit. Von dieser Hinsicht ist es ausgeschlossen, dass wir selbst mit Lichtgeschwindigkeit schnellen Raumschiffen die anderen Welten erreichen, die von uns weg expandieren.

Wenn Sie so wollen, dann ist die Himmelsscheibe der Ausgangspunkt der ISS: Denn sie ist nichts anderes als die Sehnsucht nach dem Wissen um die Sterne.

Harald Meller Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle

Also das ist ein komplexer Vorgang, der einen wirklich demütig werden lässt, als winziges Staubkorn im ewigen Universum. Ich glaube nicht, dass die prähistorischen Menschen so fühlten. Sie fühlten, dass der Himmel etwas unendliches, etwas komplexes, etwas mythologisches ist. Und dass dieser Blick in den Himmel, dass dieses fragende Suchen in der Himmelsscheibe gebannt ist, das verbindet doch die Himmelsscheibe und den kreativen Geist, der sie geschaffen hat, direkt mit der ISS. Und wenn Sie so wollen, dann ist die Himmelsscheibe der Ausgangspunkt der ISS: Denn die Himmelsscheibe ist nichts anderes als die Sehnsucht nach dem Wissen um die Sterne. Und diese Sehnsucht treibt uns auch mit der ISS ins All.

Das Interview führte Carsten Tesch für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. Oktober 2021 | 07:10 Uhr

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