Flöha in Sachsen Festival ibug macht Industriebrache zur Galerie für urbane Kunst

Jeden Sommer entert das ibug-Team mit lokalen Helfern und internationalen Kreativen eine Industriebrache in Westsachsen. 2022 ist die ehemalige Buntpapierfabrik in Flöha erneut Austragungsort des Festivals für urbane Kunst. Die ibug präsentiert hier 75 Arbeiten und machen den Ort zum Treffpunkt der Generationen.

Ibug 2022
Die ehemaligen Buntpapierfabrik in Flöha ist erneut Austragungsort für die ibug, dem Kunstfestival für Industriebrachenumgestaltung. Bildrechte: MDR / Heike Schwarzer

Im ersten Stock der ehemaligen Buntpapierwerke in Flöha hat Chiara Dalem aus Luxemburg schon im letzten Jahr eine kleinere Installation aufgebaut. In der riesigen Werkhalle mit gusseisernen Säulen und dem Industriecharme des 19. Jahrhunderts erinnert ihre Installation an den Mord an Jamal Khashoggi, erklärt Annemarie Riemer. Sie ist eine von vielen Freiwilligen, die im ibug-Team arbeitet und durch die Ausstellungen führt.

"Chiara arbeitet gern mit dem, was der Ort ihr vorgibt, was auch unserem ibug-Konzept entspricht", so Riemer. "Wir stehen hier vor einem weißen Tisch mit martialisch wirkenden Instrumenten, und dieses 'Blut', was extrem echt aussieht, ist Epoxidharz versetzt mit Pigmenten."

Papiere, Farben und Industriegeschichte in der Zeitkapsel

Weil im vergangenen Sommer coronabedingt die ibug in Flöha nur im reduzierten Format stattfinden konnte, eröffnet das internationale Kunstfestival am Freitag nochmal im Großformat am selben Ort. Annemarie Riemer: "Wer letztes Jahr da war, wird staunen, was sich alles verändert hat. Normalerweise räumen wir mit lokalen Helfern immer erst Tonnen von Schutt und Müll, bevor die Künstlerinnen und Künstler in die Räume können. Jetzt fanden wir Material ohne Ende. Die Buntpapierwerke befinden sich seit den 90er-Jahren wie in einer Zeitkapsel."

Gestapelte Papphülsen, Papierrollen in Neonfarben, Glanzpapiere, marmorierte oder Spezialpapiere fanden sich auf drei Etagen in den verlassenen Werkräumen der Buntpapierwerke. Im 19. Jahrhundert wurde das Werk am Stadtrand von Flöha errichtet und nach dem Mauerfall 1989 verkauft und stillgelegt. Die Erinnerungen der Zeitzeugen leben jetzt in den Dokumentationen und Arbeiten der ibug-Macherinnen und -Macher wieder auf.

Die ibug 2022 in Bildern

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Bildrechte: MDR / Heike Schwarzer
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Hintergrund: Das ist die ibug

Der etwas sperrig klingende Name "ibug" steht für Industriebrachenumgestaltung. Die ibug versteht sich als internationales Festival für urbane Kunst und schafft seit 2006 an wechselnden Orten in alten Industriebrachen in Westsachsen kreative Räume für Künstler. Das Team aus Ehrenamtlichen und Kreativen verwandelt diese in eine große Freiluftgalerie und macht sie für zwei Wochenenden der Öffentlichkeit zugänglich – inklusive Bildungs- und Rahmenprogramm.

Zum ibug-Rahmenprogramm am 26. und 27. August 2022

Zur Eröffnung der diesjährigen ibug am Freitag, 26. August, steht die Leipziger DJ Stinia3000 an den Plattentellern und präsentiert ab 20 Uhr ihre Dark Disco mit Einflüssen aus Italo, Synthie Pop, Dark Wave und 80ies. Der Hamburger Musiker Simmern ist am 27. August ab 21 Uhr mit seinem aktuellen Album "Lonely Hearts Klub" in Flöha zu Gast und spielt ein elektronisches Live-Set mit treibenden Bässen und melodischen Sounds. Ebenfalls am Samstag gibt es eine Vortrag des Hamburger Autor KP Flügel über den Graffiti-Pionier OZ zu hören. Die Festivalsamstage werden außerdem vom Leipziger Hörspielsommer akustisch begleitet.

Papierseelen aus Plexiglas

"Ich habe auf der Webseite der ibug eine Dokumentation gesehen", sagt Vincenzo Blumetti aus dem süditalienischen Noepoli, "dort fand ich auch ein Foto von den Arbeiterinnen und Arbeitern, das mir als Vorlage diente. Ich mache Porträts aus Plexiglas." Blumetti, der sich in seinem Heimatdorf in der Basilikata aktiv für den Erhalt der lokalen Kultur und Sprache einsetzt, platziert seine Porträts inmitten der einstigen Arbeitsräume. "Papierseelen" nennt er seine Installation. "Kunst ist wichtig, sie führt uns zusammen über Generationen, über Kulturen und über Sprachen hinweg."

Ibug 2022
bei der ibug ist die ganze Vielfalt der Urban Art zu sehen. Bildrechte: MDR / Heike Schwarzer

Großformatig und filigran: die ganze Vielfalt der Urban Art

Plexiglas-Porträts oder Arbeiten aus Farbresten, Scherenschnitte oder filigranste neonfarbene Papiergebilde im fenstergroßen Format, Videoarbeiten, Spiegelmosaike, Pipe-Installationen aus langen Papierbahnen für Skater – die ganze Vielfalt der Urban Art findet sich derzeit in Flöha. Und natürlich auch Wandarbeiten und großformatige murals – fast schon Klassiker – durch Spraydosen verwandelt.

Raus aus der Komfortzone, neues Ausprobieren, die ibug, das Festival für urbane Kunst in Westsachsen, gilt als große Spielwiese für Kreative aus allen Ecken der Welt. Und sie bringt jedes Jahr Menschen aller Generationen zusammen. Die ibug als Türöffner in die sächsische Industriegeschichte und zu neuen Begegnungsorten für jedermann.

Redaktionelle Bearbeitung: Hendrik Kirchof, Cornelia Winkler

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. August 2022 | 08:40 Uhr

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