Doris Ziegler und Wieland Payer Ausstellung im Jenaer Kunstverein: Darum lohnt sich die Schau "Landschaften"

Landschaftsmalerei war lange Zeit geprägt von der Vorstellung einer unberührten oder mächtigen Natur. Doch inzwischen hat der Mensch die Überhand gewonnen und eine ganze eigene Form von Landschaft geprägt. Das zeigt auch die aktuelle Ausstellung im Jenaer Kunstverein: Die Waldbilder des Dresdners Wieland Payer sind ein mythischer Gegenentwurf zu urbanen Räumen, während die Leipziger Künstlerin Doris Ziegler die Veränderung in der Stadt selbst beobachtet.

Gemälde "Brand": Waldszene bei der mehrere vereinzelt stehende Bäume in weißes und warmes Leuchten übergehen.
Wieland Payer zeigt Wald- und Naturansichten mit verwirrenden Elementen. Bildrechte: Wieland Payer/Galerie Rothamel

Neuer Blick auf Landschaftsmalerei

Arkadische Landschaften, tobende Gewitter-Stürme, röhrende Hirsche – das alles fällt einem ein, denkt man an die Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts. Sie spürten den Naturgewalten nach, um sie dann spektakulär auf die Leinwand zu bringen. Das aufstrebende Bürgertum machte die neuen Landschaften zu seinem Selbstverständnis und hängte sie sich mit Vorliebe in die "Gute Stube". Auch heute gibt es eine Liebe zur Landschaft, nur agieren die Malerinnen und Maler inzwischen natürlich anders, zeitgenössisch. Was das bedeutet, zeigt aktuell der Jenaer Kunstverein: mit Gemälden und Zeichnungen der Leipziger Malerin Doris Ziegler und Plastiken des Dresdner Landschaftsmalers Wieland Payer.

Unbequeme Ansichten auf Leipzigs Entwicklung

Wenn Landschaften ein Spiegelbild der Seele sind, dann ist es um den Leipziger Stadtteil Plagwitz und seine Bewohner*innen schlecht bestellt – zumindest aus Sicht der Leipziger Malerin Doris Ziegler. Leipzig, die graue, ruinöse Stadt aus DDR-Zeiten, hat sich nach 1989 rausgeputzt.

Blick in den Ausstellungsraum des Jenaer Kunstvereins, wo unterschiedlich große Gemälde an den weißen Wänden hängen.
Die Leipziger Künstlerin Doris Ziegler malt vor allem menschenleere Stadtszenen. Bildrechte: Wolfgang Grau

Doris Ziegler jedoch, die schon zu DDR-Zeiten ihr Atelier in Plagwitz hatte, sind durch die Entwicklungen in ihrem Heimat-Stadtteil die Menschen abhandengekommen – in ihren Bildern. Sie betont: "Ich musste mich wieder Plagwitz widmen, weil ich sah, dass die Bagger anrücken und dass sie die marodesten Häuser einfach über Nacht umlegen und dass hier ganz etwas Neues passiert." Seit 1994 malt Doris Ziegler Plagwitz nun geometrisch wohlgeordnet, jeglicher Schmutz wird wegabstrahiert, Farbe hält Einzug, in den einstigen Spinnerei- und Industriebezirk, keine dunkle und grelle, grüngelbliche, wie die Malerin sie stark vor ‘89 verwendete, sondern sogenannte "Augenschmeichler", pastellige Töne. So werden ihre Bilder ein Kommentar zur Gentrifizierung.

Doris Ziegler, eine Frau mit weißgrauem, kurzen Haaren, sitzt in ihrem Leipziger Atelier vor einer Staffelei.
Seit Jahren arbeitet Doris Ziegler in Leipzig-Plagwitz. Bildrechte: Steffen Junghanns

Überraschungen im romantischen Wald

Die Ausstellung in Jena zeigt zudem Landschaften des Dresdner Malers Wieland Payer, 1981 in Erfurt geboren. Augenfällig sind in der Schau ebenfalls die Pastelltöne. Wie bei Ziegler sind auch bei Wieland Payer die Landschaften menschenleer, ebenso geht es nur auf den ersten Blick heil und harmonisch zu: Täler und Höhn, der deutsche Wald, liegen zwar mit romantischem Gestus vor den Augen der Betrachter, jedoch streut Payer Irritationen ins Bild: gern an jene Stellen, an denen die romantischen Maler-Vorväter alles gaben. Dorthin, wo sich der Himmel im Abendrot transzendent verklärt oder die Hirschkuh den Wanderer trifft, setzt Payer geometrische Abstraktionen.

Der Weimarer Künstler Wieland Payer steht mit verschränkten Armen zwischen zwei seiner Gemälde.
Der Weimarer Künstler Wieland Payer malt Waldansichten mit geografischen Irritationen. Bildrechte: Wolfgang Grau

Handwerkliches Können

Gemälde "Belantis II": Im Vordergrund stehen mehrere Häuser mit roten Dächer und unrealistischer Architektur. Im Hintergrund ist eine Achterbahn mit mehreren Wellen zu erkennen.
In "Belantis II" bringt Doris Ziegler die Entwicklung Leipzigs näher zusammen. Bildrechte: Doris Ziegler

Die Bilder sind zwar modern und hinterfragen die Realität, aber bleiben nicht abstrakt. Trotz großer Irritationen, Farb- und Formenexplosionen bleibt der Wald bei Payer klar zu erkennen. Doris Ziegler studierte bei Werner Tübke und wird der zweiten Generation der Leipziger Schule zugerechnet. Dementsprechend bleibt ihre Malerei figürlich, ihre Stadtansichten sind sachlich aber ästhetizistisch, wie einen dieser italienischen Traumorte, durch die deutsche Touristenn im Sommer zuhauf strömen, in der Übertreibung schmuggelt sie gar Obelisken und Tempelsäulen in "ihr" Plagwitz, malt mit manieristischem Einschlag.

Spannende Verbindungen

Wieland Payer und Doris Ziegler bedienen in ihren Bildern die Sehnsucht nach einer heilen Welt und verweigern sich ihr dennoch. Payer setzt abstrakte Flächen ins Zentrum der Handlung, Ziegler bricht den Nachwende-Mythos von Leipzig-Plagwitz durch manieristische Stilisierung. Gerade durch das Nebeneinander setzt so Verunsicherung ein, sowohl beim Betrachten von Zieglers, zu schönen Leipzig-Welten, als auch bei Payers grafischen Flächen, die das Publikum auf ihre eigene Vorstellungskraft von Landschaft zurückwerfen.

Angaben zur Ausstellung Die Ausstellung "Landschaften – Doris Ziegler und Wieland Payer" ist noch bis zum 25. Juni 2022 zu sehen.

Adresse:
Galerie des Jenaer Kunstvereins im Stadtspeicher
Markt 16
07743 Jena

Öffnungszeiten:
Mittwoch, Freitag und Samstag von 12 bis 16 Uhr
Donnerstag von 12 bis 19 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. Juni 2022 | 13:15 Uhr