Zum 100. Geburtstag Joseph Beuys und die DDR: Von der "unerwünschten Person" zum Inspirator

Andreas Höll
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Der am 12. Mai 1921 in Krefeld am Niederrhein geborene Aktionskünstler Joseph Beuys wäre heute 100 Jahre alt geworden. Und auch im Jahr 2021 zählt er noch immer zu den prägenden Künstlern des 20. Jahrhunderts. Bereits in den 1980er Jahren war er eine Ikone der internationalen Avantgarde und erfolgreiches Aushängeschild des westlichen Kunstsystems. Zwei Jahre nach seinem Tod wurde er 1988 mit der Schau "Beuys vor Beuys" an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst in der DDR gewürdigt: ein kulturpolitischer Staatsakt und doch Inspirationsquelle für junge Künstlerinnen und Künstler im Osten Deutschlands.

Joseph Beuys 5 min
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Er war nicht nur Aushängeschild des westlichen Kunstsystems – auch in der DDR wurde er mit einer Schau an der Leipziger HGB gewürdigt: Joseph Beuys wäre heute 100 Jahre alt geworden.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 12.05.2021 06:00Uhr 05:17 min

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Die erste große Beuys-Schau in der DDR – das war im Jahr 1988 eine kleine Sensation. Das erzählt Christine Rink, die damalige Leiterin der Hochschulgalerie. Doch bei dieser Beuys-Ausstellung gab es dann auch heftigen Gegenwind, berichtet Rink:

Für die meisten Kulturschaffenden war er eigentlich ein Scharlatan. Und selbst ich wurde angegriffen von Leuten, die gesagt haben: 'Du hast das erste Mal Beuys gezeigt, schämst Du Dich nicht?'

Christine Rink, ehemalige Galerieleiterin

Doch bei dieser Schau in Leipzig wurden nicht einmal die umstrittenen Arbeiten von Joseph Beuys gezeigt, wie zum Beispiel die Fettecken oder die experimentellen Performances. Im Mittelpunkt standen vielmehr die frühen Zeichnungen und Aquarelle – und das waren durchaus meisterhafte Arbeiten in der Tradition der klassischen Moderne.

Auch die Stasi hatte ihre Finger im Spiel

"Cafe Olé" während "Nach Beuys" zu "Allez! Arrest!", 1988
Der Werkstatt-Zyklus "Nach Beuys“ in der Leipziger Galerie eigen+art, 1988 Bildrechte: Ernst Goldberg

Und so ließ sich auch Arno Rink überzeugen, der Mann von Christine. Der Leipziger Maler war damals Rektor an der HGB und hielt die Eröffnungsrede. Und bei dieser Haupt- und Staatsaktion waren ebenfalls der Kulturminister der DDR zugegen wie hochrangige Kulturpolitiker aus dem Westen. Und deshalb hatte auch die Stasi ihre Finger im Spiel. Christine Rink erinnert sich: "Ich habe für die Aufsicht und für das Aufbauen der Ausstellung immer Leute beschäftigt, die Ausreiseanträge hatten und diese Leute wollte man natürlich nicht dabeihaben. Auf Deutsch gesagt: Ich sollte sie entlassen. Da hab ich mich mit meinem Mann dagegen verwahrt und dem ist auch stattgegeben worden. Sie haben nur gesagt, wir müssten aufpassen, dass niemand irgendjemandem etwas in die Tasche steckt. Die Angst bestand einfach, dass diese Leute an westliche Minister oder so herantreten."

'Ein gutes Bild muss braun sein!', hieß es damals.

Neo Rauch, Künstler

Der Eklat wurde vermieden – und so standen die frühen Kunstwerke von Joseph Beuys ganz im Zentrum der Aufmerksamkeit. Auch der damals 28-jährige Neo Rauch war tief beeindruckt von diesen brauntonigen Arbeiten: "Seine Zeichnungen, die er immer mit Brauntusche und auf vorgealtertem Papier anfertigte, hatten eine große Wirkung auf weit gespannte Kreise der Kollegenschaft: 'Ein gutes Bild muss braun sein', hieß es damals", erinnert sich Rauch.

Leipzig taucht in Beuys' experimentelle Welt ein

Carsten Nicolai und Olaf Nicolai, "Der Keller", 1988
Olaf und Carsten Nicolai im Jahr 1988 Bildrechte: Galerie eigen+art

Zu dieser Zeit wurden also viele brauntonige Bilder gemalt im Osten Deutschlands – ganz im Geiste des frühen Joseph Beuys. Doch zugleich verspürten manche junge Künstlerinnen und Künstler das Bedürfnis, in die experimentelle Welt der Beuysschen Skulpturen und Performances einzutauchen. Deshalb gab es parallel zu der Schau in der HGB ein Projekt mit dem Titel "Beuys nach Beuys". Die Bühne dafür war die junge Galerie EIGEN + ART im Leipziger Süden.

Und mit dabei waren die damals noch völlig unbekannten Brüder Olaf und Carsten Nicolai. Die Autodidakten stiegen beide in den Keller der Galerie – und dort begannen sie dann, die rußverschmierten Wände abzukratzen. Das erzählt Gerd Harry Lybke, der Gründer von EIGEN + ART. Durch das Abkratzen des Putzes sei die rote Farbe des Backsteins zum Vorschein gekommen und damit hätte man dann gezeichnet. Doch habe man im Keller nicht nur Kohle blank geputzt und neu gestapelt, sondern auch Tische aufgestellt und Gäste empfangen, um gemeinsam über Kunst zu diskutieren, so Lybke.

Vernissage mit Kunstschaffenden auf Schlaftabletten

Gerd Harry Lybke
Galerist Gerd Harry Lybke Bildrechte: Frauendorf

Mit dem Publikum über Kunst zu diskutieren – das wollte auch eine subversive Dresdner Künstlergruppe. Die sogenannten "Autoperforationsartisten" wollten etwas ganz Radikales machen. Und so suchten sie nach dem Nullpunkt der menschlichen Kreativität. Deshalb schluckten sie unzählige Schlaftabletten, um sich in die Bewusstlosigkeit zu torpedieren. Und als die Vernissage dann stattfand – da kam es zur Konfrontation mit dem Publikum, erinnert sich Lybke: "Die Leute waren natürlich alle ein bisschen überfordert, wenn man in eine Ausstellungseröffnung kommt und die Künstler liegen am Boden auf Matratzen und sichtlich sieht man, dass sie sich in den Schlaf mit Tabletten hineinbegeben haben."

Beuys als großer Inspirator

Die vollgedröhnten Kunstschaffenden lagen am Boden – doch dann wachten sie irgendwann wieder auf – und initiierten eine symbolträchtige Tausch-Auktion. Die trug den Titel "Kunst gegen Nahrung". Die Idee war, dass die Besucherinnen und Besucher Lebensmittel für die Künstler mitbringen sollten – denn die hatten sich zwei Wochen lang in die Galerie eingeschlossen. Doch auch diese Idee hat das Publikum restlos überfordert, so Lybke: "Wenn ein paar Freunde und ich nicht etwas zu essen mitgebracht und angefangen hätten, das Tauscherlebnis zu propagieren, wären die Künstler wahrscheinlich 14 Tage ohne Nahrung dort gewesen."

Autoperforationsartisten schlafend am Boden, Ausschnitt aus Filmstreifen
Die durch Schlafmittel betäubte Performancegruppe "Autoperforationsartisten“ Bildrechte: Galerie eigen+art

Das Scheitern gehört zu den Utopien dazu – auch das kann man lernen aus der Beschäftigung mit Beuys. Der war ein großer Inspirator für die jungen Künstlerinnen und Künstler in der DDR – und etliche von ihnen haben dann auch mit ganz eigenen Ideen und Ästhetiken in der internationalen Kunstwelt reüssiert.

Veranstaltungshinweis Anlässlich des 100. Geburtstages von Joseph Beuys laden die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) via Zoom zu einer digitalen Abendveranstaltung am 12. Mai 2021, um 19 Uhr ein. Mehr Informationen auf der Website der SKD.

Außerdem: Familie Beuys gewährt in der Schau mit dem Titel "Beuys zum Geburtstag. Linie zu Linie. Blatt um Blatt" erstmals einen Einblick in ihre Privatsammlung von Zeichnungen Joseph Beuys' und leiht dem Kupferstich-Kabinett der SKD insgesamt 85 Werke. Die Ausstellung, die in der Zeit vom 23. Juli bis 17. Oktober 2021 zu sehen sein wird, zeigt das in fünf Jahrzehnten entstandene zeichnerische Werk des Künstlers.

Künstler und die DDR

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. Mai 2021 | 08:40 Uhr

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