150. Geburtstag am 13. August 2021 Der Leipziger Karl Liebknecht: "Held oder Hassfigur?"

Bis heute gibt es jährlich im Januar eine Gedenkfeier für den revolutionären Sozialisten Karl Liebknecht (1871–1919) und die am selben Tag ermordete und in den Berliner Landwehrkanal geworfene Rosa Luxemburg. Aber war Liebknecht nun ein Held? Oder doch ein Spalter? Vor 150 Jahren, am 13. August 1871, wurde er in Leipzig geboren. Aus diesem Anlass blickt das Stadtgeschichtliche Museum in der Ausstellung "Held oder Hassfigur? Der Leipziger Liebknecht" zurück auf das Leben des Politikers.

Ausstellungsplakat des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig, auf dem der Ausstellungstitel "Held oder Hassfigur? Der Leipziger Liebknecht" aufgedruckt ist.
Die Studioausstellung zu Karl Liebknecht ist bis zum 30. Januar 2022 im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig Haus Böttchergäßchen zu sehen. Bildrechte: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Möchte man sich in Leipzig auf die Spuren des Politikers Karl Liebknecht begeben, konzentriert sich dieses Vorhaben auf nur zwei Erinnerungsorte: Die nach ihm benannte Kneipenmeile "Karli" und eine Gedenkstätte in Liebknechts Geburtshaus in der Braustraße. Das Bild von Liebknecht ist nicht besonders scharf und das will das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig mit der neuen Ausstellung "Held oder Hassfigur? Der Leipziger Liebknecht" ändern.

Am Bild Liebknechts scheiden sich die Geister

Der Ausstellungstitel wolle bewusst provozieren, erklärt Kuratorin Johanna Sänger: "Karl Liebknechts Bild in der Geschichte schwankt, und das liegt gar nicht so sehr an Ost oder West, sondern es liegt daran, welche Perspektive der heutige Betrachter selbst auf die Entwicklung des Sozialismus im zwanzigsten Jahrhundert hat."

Denn Karl Liebknecht sei nicht nur ein Sozialdemokrat gewesen, der sich für Frieden, gegen Militarismus und für soziale Verbesserungen eingesetzt habe. Sondern, führt die Kuratorin weiter aus, Liebknecht sei auch jemand gewesen, der für seine sozialistischen Ziele 1919 ermordet und in der DDR sehr stark zum "Vorkämpfer der Bewegung" instrumentalisiert worden sei.

Die Studioausstellung beginnt mit einem kurzen Exkurs in die Entwicklung der Leipziger Arbeiterbewegung, bevor sie sich dann der ersten Lebensetappe Liebknechts widmet: Dem Aufwachsen in einer politischen Familie als Sohn Wilhelm Liebknechts, einem bedeutenden Vertreter der deutschen Sozialdemokratie.

Karl Liebknechts berühmter Vater

Wilhelm Liebknecht (1826-1900) war einer der Gründerväter der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Aufgrund des prominenten Vaters wurden Karl Liebknecht und seine Geschwister schon von Kindheit an mit aktuellen politischen Themen konfrontiert und sind schon früh wichtigen Politikern wie August Bebel und ihren Familien begegnet. Erst nach dem Tod Wilhelm Liebknechts trat Karl Liebknecht 1900 selbst in die SPD ein.

Erinnerungsstücke spiegeln Ambivalenz Liebknechts

An den Wänden der Ausstellung finden sich zahlreiche Karikaturen. "Es war uns wichtig, dass wir nicht nur eine Verehrung zeigen, die ja in der Arbeiterbewegung fast schon religiös war, sondern dass man immer auch noch einmal schaut: Was haben denn die politischen Gegner, die Kritiker dieser Bewegung gedacht?", erklärt Kuratorin Johanna Sänger.

Es sind sorgsam ausgewählte Erinnerungsstücke, mit denen die Kuratorin dem ambivalenten Ruf Karl Liebknechts gerecht werden will. So auch in der nächsten Lebensetappe, die die Ausstellung ins Auge fasst: Liebknechts Werdegang als Politiker. In einer Vitrine findet sich ein Schriftstück aus dem Jahr 1907, das zur Grundlage seines Hochverratsprozesses wurde – "Militarismus und Antimilitarismus".

Auf seine Verurteilung zu anderthalb Jahren Festungshaft reagierte Liebknecht entrüstet: "In einer Schrift, die den Zweck verfolgt, Frieden zu säen anstatt Krieg, die eine Friedhaftmachung der Weltpolitik anstrebt, die sich wendet gegen den waffenstarrenden Militarismus; in einer solchen Schrift soll die Vorbereitung zu Gewalttätigkeiten gefunden werden! [...] Ich will den Frieden, der Oberreichsanwalt aber die Gewalt."

Karl Liebknecht als Dissident und Revolutionär

Einer der letzten Bereiche der Ausstellung zeigt Karl Liebknecht in seiner Rolle als Dissident und Revolutionär im Ersten Weltkrieg bis zu seiner Ermordung im Jahr 1919. Die ausgestellten Karikaturen zeigen Liebknecht mal inmitten der zerfleischenden Richtungskämpfe der SPD, mal als biblischen Brudermörder Kain, der die Partei im Stich lässt. Johanna Sänger erläutert: "Karl Liebknecht ist bekannt dafür, dass er schon 1914 im Dezember die Kriegskredite abgelehnt hat. Das war also ein großer Skandal, weil die SPD der Burgfriedenspolitik der Reichsregierung beigetreten ist und sich sozusagen mit vor den Karren des Krieges hat spannen lassen. Und Liebknecht hat im Sommer zu Kriegsbeginn mit der Fraktion dem zunächst zugestimmt, dann aber widersprochen, und ist dafür auch sehr geschmäht worden."

Ich finde, dass Leipzig nicht genug Erinnerungen an die Arbeiterbewegung hat.

Kuratorin Johanna Sänger

Unter seinen Anhängern wird Liebknecht zum Held, unter Konservativen oder sogar unter nun regierenden SPD-Politikern zum Staatsfeind, als er am 9. November 1918 vom Balkon des Berliner Schlosses "die freie sozialistische Republik Deutschlands" proklamiert. In der DDR diente die Novemberrevolution der Legitimation der SED. Karl Liebknecht, Mitbegründer der Kommunistischen Partei Deutschlands, wurde als Staatsheld gefeiert.

Braucht Leipzig mehr Erinnerungen an Karl Liebknecht?

Nach der Wende jedoch endet das staatliche Gedenken am 15. Januar, dem Jahrestag Liebknechts Ermordung, abrupt. Die Ausstellung schließt deshalb mit einer Frage an die Besucher: Braucht Leipzig mehr Erinnerung an Karl Liebknecht?

Für Johanna Sänger steht fest: "Ich finde, dass Leipzig nicht genug Erinnerungen an die Arbeiterbewegung insgesamt hat, dass das sichtbarer sein sollte, auch optisch sichtbarer, nicht nur in Straßenschildern. Eine große Frage ist natürlich, in welcher Form das sein könnte. Es wäre schön, wenn es da mal eine lebhafte Debatte gäbe."

Eine Debatte, die das Stadtgeschichtliche Museum mit seiner neuen Ausstellung "Held oder Hassfigur? Der Leipziger Liebknecht" befördern will.   

Die Ausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum besuchen - weitere Informationen Studioausstellung
"Held oder Hassfigur? Der Leipziger Liebknecht"
11. August 2021 bis 30. Januar 2022

Adresse:
Stadtgeschichtliches Museum Leipzig
Haus Böttchergäßchen
Böttchergäßchen 3 I 04109 Leipzig

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag, Feiertage: 10 bis 18 Uhr

Museum After Work
jeden dritten Donnerstag im Monat: 12 bis 20 Uhr

Eintrittspreise:
Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre frei
Freier Eintritt an jedem ersten Mittwoch im Monat
Erwachsene: 5 Euro
ermäßigt: 2,50 Euro
Abendkarte: 2,50 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. August 2021 | 06:10 Uhr

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