DDR-Relikt in Chemnitz Mit Schlafsack in die Kunstsammlungen: 24 Stunden Film über Karl-Marx-Denkmal

Etwa elf Meter hoch und 40 Tonnen schwer ist der monumentale Bronzekopf des Philosophen und Arbeiterführers Karl Marx in Chemnitz. Der Künstler Olaf Nicolai hat sich in seinem 24 Stunden langen Film "Marx" mit dem Denkmal auseinandergesetzt. Vorgeführt wird der Film heute seit 12 Uhr in Chemnitz und in 16 weiteren Orten weltweit. Mit Schlafsäcken kann das Publikum beim Filmmarathon in den Kunstsammlungen übernachten. Im Interview dazu ist der Generaldirektor der Kunstsammlungen, Frédéric Bußmann.

Das Karl Marx Monument in Chemnitz .
Das Karl Marx Monument in Chemnitz wurde 1971 eingeweiht. Bildrechte: imago/Uwe Meinhold

MDR KULTUR: Herr Bußmann, was ist das für ein Film? 24 Stunden Auge in Auge mit einer Denkmal Ikone?

Frédéric Bußmann: Absolut. Olaf Nicolai hat sich 24 Stunden auf Augenhöhe mit Karl Marx gestellt und ihm direkt ins Gesicht gefilmt. Er hat sich wirklich nur auf das Gesicht, auf die Nase, auf die Augen fokussiert und hat ab 12 Uhr mittags bis 12 Uhr mittags am nächsten Tag 24 Stunden den Kopf gefilmt. Natürlich hat er auch die Hintergrundgeräusche aufgenommen und gefilmt, wie sich das Licht auf dem Markt langsam bewegt, wie die Figur, die monumental und starr eigentlich ist, dann auch eine gewisse Lebendigkeit bekommt. Dieses Gesicht bekommt eine Art Landschaftscharakter. Man guckt dem Philosophen nur ins Gesicht und hört im Hintergrund die Stadt.

Also im Grunde genommen sind keine Menschen darauf zu sehen, sondern nur die Geräusche, die sie machen. Und ansonsten ist es eine Lichtwanderung?

Frédéric Bußmann, neuer Generaldirektor, steht vor den Kunstsammlungen Chemnitz.
Frédéric Bußmann ist seit 2018 Generaldirektor der Kunstsammlungen Chemnitz. Bildrechte: dpa

Genau. Es geht um diese Stadt, Karl-Marx-Stadt, und er entzieht den Kopf seiner ganzen monumentalen Anlage. Man sieht also auch nicht den ganzen Kontext, sondern wirklich nur das Gesicht selbst. Und man schaut ihm direkt in die Augen. Der Kopf verliert auch seine autoritäre, fast diktatorische Geste, die er eigentlich hat und man ist sozusagen in einem direkten Dialog mit dem Philosophen. Da überlegt man natürlich, nach der Botschaft ist mehr drin als, sagen wir mal, Licht und Schatten oder Tag und Nacht. Es sind verschiedene Ebenen. Olaf Nicolai ist kein Künstler, der einem direkt eine Botschaft vermitteln möchte, überhaupt nicht. Das ist erstmal eine Erfahrung, sich 24 Stunden auf so etwas einzulassen. Wir kennen das natürlich von Andy Warhol und anderen.

Die Kunstsammlung sind auf – 24 Stunden. Das heißt, man kann auch eine ganze Nacht im Museum verbringen, Schlafsack mitnehmen, Isomatte mitbringen, sich was zu trinken mitnehmen. Alles kein Problem. Auch das ist ja schon mal ein Erlebnis und man kann sich wirklich mit dieser Figur beschäftigen und man kann sich mit der Philosophie beschäftigen.

Nicolai geht es schon auch um den Denker Karl Marx. Und wie wird er wahrgenommen, wenn man ihn so ein bisschen aus diesem ganzen ideologischen Kontext rausnimmt? Aber er macht sich natürlich auch Gedanken zum Thema Zeit. Dieser Film wird ja 24 Stunden gezeigt. Man sieht, wie die Sonne wandert, man sieht nachts dann gar nichts mehr irgendwann, weil es dunkel wird. Also was ist eigentlich Raum und Zeit und wie verhalten wir uns dazu? Und es gibt ein schönes Zitat, mit dem der Film endet, von der dänischen Autorin Inger Christensen, die sagt "Keiner weiß trotz allem, ob das Weltall rückwärts fällt, während wir getreulich vorwärts zählen".

Der "Nischel" ist immer wieder Gegenstand gewesen von Auseinandersetzungen. Und es gibt ja natürlich auch den normalen Umgang der Stadtgesellschaft mit ihm. Also gibt es die Skateboardfahrer, die da die Runden drehen und die Souvenir-Industrie mit den Nachbildungen aus Schokolade oder Porzellan. Und dann ist der Ort natürlich auch ein Ort für Verabredungen oder auch für Demonstrationen. Er ist ein Wahrzeichen. Wie erklären Sie sich den vergleichsweise gelassenen, fast liebevollen Umgang der Chemnitzer mit einem ihm aufgenötigten Denkmal mit einer eigentlich klaren politischen Ausrichtung?

Ich glaube, das hat lange gebraucht, bis es soweit kam. Ich bin ja auch erst seit 2018 hier, insofern bin ich auch etwas zurückhaltend, was die Bedeutung dieses Monuments in der Stadtgesellschaft angeht, aber ich kenne noch sehr viele, die das sehr kritisch sehen. Zu Recht sehr kritisch. Also dass er erst mal ein Ausdruck der Herrschaft der SED, Ausdruck von Unterdrückung war. Und in 30 Jahren hat es, glaube ich, lange gebraucht, bis man diesen Kopf auch als solchen akzeptiert hat und man heißt nicht mehr Karl-Marx-Stadt, man ist selbstbestimmter und kann auch einen selbstbestimmteren Umgang mit dem Kopf pflegen. Und so ist in den letzten Jahren zu einer eher popkulturellen Aneignung des Ortes gekommen oder dieses Kopfes gekommen.

Der Film wird an 16 Orten der Welt aufgeführt, in Kinos, in Galerien und anderen Kulturstätten. Es ist eine richtige Weltpremiere. Vielleicht ganz kurz mal dazu, wie das zustande gekommen ist?

Besucher begutachten die Video-Installation von Olaf Nicolai in den Kunstsammlungen Chemnitz
Olaf Nicolais Video-Installation in den Kunstsammlungen Chemnitz Bildrechte: MDR/Matthias Wenzel

Das geht tatsächlich auf Olaf Nicolai zurück, der auch das Haus der Kunst in München noch rangeholt hat. Aber auch ganz unterschiedliche Museen in Jerusalem, in Tanger, in Athen, in Rom, in Afrika, in Asien, ganz unterschiedlichen Kontinenten, weil die Idee wirklich dieses Zeitthema war: Wie entwickelt sich so ein Film um den Globus herum? Und er wird immer um 12 Uhr Ortszeit gezeigt. Und entsprechend ist es ein Gesamtkreislauf von fast 48 Stunden, den man dann am Ende hat. Und damit verbindet sich Chemnitz und Karl Marx eigentlich mit der gesamten Welt. Das ist eigentlich seine Idee. Wir sind Kulturhauptstadt 2025 in Chemnitz mit Olaf Nicolai und Chemnitz in der Welt.

Das Gespräch führte Annett Mautner für MDR KULTUR.

Mehr Informationen Film "Marx" von Olaf Nicolai
21.09.2021 12 Uhr bis 22.09.2021 12 Uhr

Säulenhalle der Kunstsammlungen Chemnitz
Theaterplatz 1
09111 Chemnitz

Eintritt kostenfrei

Getränke, Isomatten, Schlafsäcke können mitgebracht werden

Mehr Kunst und Kultur in Chemnitz und Sachsen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. September 2021 | 08:10 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR