Sammlung Perthes Gotha: Wo die Landkarten der Welt entstanden sind

Schon Ernst der Fromme interessierte sich für die Welt weit jenseits der Grenzen seines Fürstentums. Neugier und Forscherdrang waren nicht nur gut für das Image, sondern auch für Handel und Wohlstand. So trugen die Herzöge aus Gotha maßgeblich dazu bei, die weißen Flecken auf den Landkarten verschwinden zu lassen. Gedruckt wurden die Karten im Verlag Justus Perthes, dessen einmalige Sammlung heute zu den wertvollsten geografischen Beständen der Welt zählt.

Altes aufgeschlagenes Buch zeigt eine Weltkarte - hergestellt in Gotha.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als mit einem gewissen Sputnik bereits die Zeit der Satelliten begann, speisten sich kindliche Fantasien noch mit anderen schillernden Namen: Chimborazo, Kilimandscharo oder Timbuktu – die alte Wüstenstadt. Man wusste wenig darüber, aber wo diese kurz vorher noch weißen Flecken liegen mussten, das war sicher: das stand im Atlas – aus Gotha. Mittlerweile gebe es von allen weißen Flecken der Erde Karten, erklärt Sven Ballenthin von der Sammlung Perthes: "Die Frage ist, wie genau diese weißen Flecken getilgt sind. Es gibt sicher noch weiße Flecken, kleine weiße Flecken."

Gothaer Karten gehen um die Welt

Der Gothaer Hof förderte die Wissenschaft. Schon die moderne Sternwarte – auf einem genauen Meridian in Gotha – diente zu ersten Landschaftsvermessungen. Daraus erwuchs ein neues Geschäftsfeld, mit dem der 1785 gegründete Verlag Justus Perthes umgehend auch international reüssierte, erklärt Sven Ballenthin: "Es gab einen großen Bedarf an Kartenmaterial, was vorher vielleicht Herrschaftswissen war und jetzt in weite bürgerliche Kreise hineinsickert."

Historiker Sven Ballenthin
Historiker Sven Ballenthin Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Perthes-Forum in Gotha bewahrt die Sammlungen des Verlages. Stielers Hand-Atlas, mit Karten des "ganzen Weltgebäudes" nach dem "neuesten Zustande" ging tatsächlich über die Welt – auch dank damals neuartiger Zeichnungen. Die Darstellung des Geländes sei mittels kleiner Striche vorgenommen worden, so Ballenthin. Diese seien entweder eng zusammengesetzt worden, um dunkle Flächen und Höhen zu simulieren, oder weiter auseinander, um sanfteres Gelände vorzutäuschen.

Globus an der Fassade des Perthes-Forums in Gotha
Fassade des Perthes-Forums in Gotha. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Expedition in die legendäre Karawanen-Stadt Timbuktu

Der Perthes-Verlag, der übrigens mit dem "Gothaer", dem Adelskalender, ein sicheres Standbein behielt, bündelte das Wissen der Welt über die Geografie hinaus. Im sogenannten Physikalischen Atlas versammeln sich Fauna und Flora, Klima und Erdkunde verschiedenster Art – ein Bilder-Atlas zu Alexander von Humboldts mehrbändiger Naturkunde unter dem Titel "Kosmos" nach 1845. Gotha wird schon ab Mitte des 19. Jahrhunderts als Zentralbüro der geografischen Forschung in Deutschland gesehen, so Ballenthin.

Von hier aus sind wirklich wichtige geografische und kartografische Errungenschaften und Erkenntnisse weit über den Globus verbreitet worden.

Sven Ballenthin Historiker

Bei der Erkundung des Inneren Afrika gingen Forscherdrang und koloniales Interesse freilich überein. Parallel zur Aufteilung des Kontinents auf sieben Staaten Westeuropas wurde er vermessen. Mitte des 19. Jahrhundert noch waren ganze Regionen – aus Europas Perspektive – weiße Flecken, deren Erkundung zum Stoff vieler Abenteuergeschichten wurde. Mit einer englischen Expedition geht Heinrich Barth 1850 auf die Suche nach der legendären Karawanen-Stadt Timbuktu. "Heinrich Barth erreicht als einziger dieser Expedition Timbuktu, kann es auffinden, was von den Europäern immer als sehr sagenumwobener Ort gehandelt wird", erklärt Ballenthin und verweist auf den Brief vom September 1853, in dem die genaue Lage Timbuktus beschrieben wird.

Brief aus Timbuktu
Ein Brief aus dem Jahr 1853 verrät die Koordinaten Timbuktus Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Ein künstlerisch anspruchsvolles Handwerk

Die nach Gotha geschickten Ergebnisse der Expeditionen in alle Welt – wurden von August Petermann koordiniert und publiziert, ausführlich und illustriert, wissenschaftlich genau, aber sogar reißerisch als Fortsetzungsfolge aufgemacht – in "Petermann's Mitteilungen". Die Genauigkeit der Karten wurde im Kupferstich erreicht. Mehrere motivisch-einzelne Platten wurden gestochen und übereinander gedruckt – ein künstlerisch anspruchsvolles Handwerk – die frühen Karten waren sogar handkoloriert.

Eine Landkarte wird mit Kupferstich gefertigt
Die Genauigkeit der Karten wurde im Kupferstich erreicht. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Mit der Industrialisierung wurden auch die Karten immer voller, und man kann sich vorstellen, dass es schwieriger wurde, sie aktuell zu halten – hier mit den Schiffsrouten der Welt – sogar Karten erzählen die Kulturgeschichte einer Beschleunigung. Auch politische Ereignisse greifen in die Arbeit der Kartografen und Geografen ein, führt Ballenthin aus: "Wie stark Deutschland durch den Versailler Vertrag reduziert und beschnitten worden ist, indem natürlich eroberte Gebiete eingedeutscht wurden, indem Karten für Propagandazwecke herausgegeben werden, die dann in Schulen oder Parteiorganisationen Verwendung fanden."

Aus Perthes wird VEB Hermann Haack

Die wirtschaftlichen und politischen Repressionen nach 1945 treiben die Verlegerfamilie in den Westen. Aus Perthes wird VEB Hermann Haack. Der Namensgeber ist ein schon 80-jähriger, langjähriger Mitarbeiter. Es gelingt offenbar, die Qualität des Betriebes zu erhalten. Karten aus Gotha bleiben Exportschlager. "Man produzierte hier als Monopolist, die gesamten schulgeografischen Erzeugnisse für die DDR, für Teile des Ostblocks und Skandinaviens. Und jeder Schüler in der DDR hatte einen Atlas aus dem VEB Hermann Haack auf dem Schreibtisch", so Ballenthin.

Man produzierte hier als Monopolist, die gesamten schulgeografischen Erzeugnisse für die DDR.

Sven Ballenthin Historiker

Perthes Gotha
Weltkarte des Verlags Perthes aus dem Jahr 1872 Bildrechte: IMAGO / Artokoloro

Die Zeit der Globen und Atlanten geht zu Ende

Nach kompliziertem Rückgabeverfahren von einem Schulbuchverlag übernommen, erlag die Gothaer Karten-Produktion dann doch schnell den Nöten des Marktes. Die einmalige Sammlung des Verlages, die zu einer Handvoll bester geografischer Bestände weltweit gehört, konnte im Perthes-Forum erhalten bleiben. Ein Schatz, der eine komplette Epoche umfasst, die Zeit der Globen und Atlanten, die irgendwie unbemerkt zu Ende ging. "Wenn Sie sich selbst fragen, wie viele Atlanten Sie zu hause haben, dann werden die meisten von Ihnen wahrscheinlich einen sagen, den Ihrer Schulzeit. Und einige haben zwei, noch einen Autoatlas, der aber wahrscheinlich auch schon zehn Jahre alt ist – und mehr werden Sie heute nicht mehr haben. Dagegen werden Sie wahrscheinlich mehr Geräte haben, über die Sie sich online orientieren können", so Ballenthin.

Das Perthes-Forum in Gotha
Das Perthes-Forum in Gotha Bildrechte: IMAGO / Jacob Schröter

Atlanten verschwinden, Karten werden noch dichter und beweglich. Ist die Welt kleiner, weil der Satelliten-Flug von Gotha nach Timbuktu nur Sekunden dauert? Wir könnten uns dort schnell ein Hotel buchen, dessen Speisekarten oder das bedrohte Unesco-Weltkulturerbe anschauen. Überaus gut informiert, hapert's nur mit der Orientierung. Wir brauchen eine Karte. Wo ist jetzt das verflixte Telefon!

Mehr Informationen Perthes-Forum Gotha
Justus-Perthes-Straße 1-9 I 99867 Gotha

Die Sammlung Perthes ist nach Voranmeldung zugänglich. Karten und Archivalien werden im Sonderlesesaal im Perthes-Forum von Montag bis Freitag, 9 bis 15 Uhr, zur Verfügung gestellt.

Ausflugsziele rund um Gotha

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour – Das Kulturmagazin des MDR | 19. August 2021 | 22:10 Uhr

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