"Keine Handbreit Wasser" Klimawandel-Kunstaktion in Halberstadt

Das Grundwasser sinkt ab, es gibt Wassermangel durch Hitze und Dürre oder Flutkatastrophen: Der Klimawandel ist längst bei uns vor der Haustür angekommen. Das außergewöhnliche, interkulturelle Projekt "Keine Handbreit Wasser" will in Halberstadt im Vorharz darauf aufmerksam machen – mit einer kuriosen Aktion am 24. Juli und einer Ausstellung, die am 29. August 2021 eröffnet wird.

Teilnehmer der Kunstaktion «Keine Handbreit Wasser» tragen historische Holzkanus über den Huy.
30 historische Holzkanus werden 15 Kilometer über den Berg getragen – von Halberstadt nach Huy Neinstedt Bildrechte: dpa

Es ist eine kuriose Karawane: 80 Menschen tragen Holzboote durch den Wald. 15 Kilometer von Halberstadt über den Berg nach Huy-Neinstedt. Sie haben "Keine Handbreit Wasser" unterm Kiel – wie der Titel dieser Kunst-Klimaaktion beschwört.

Schräger geht es kaum, findet Maik Berger, Ortsbürgermeister aus dem Huy, doch gerade das freut ihn. Die Boote werden durch den Huy getragen, um auf die Wasserknappheit aufmerksam zu machen, die es ja auch hier gibt, erläutert Berger, auch hier vertrocknen Buchen und auch hier beginnt die Trockenheit.

Ich bin jährlich in Kontakt mit den Landwirten. Und auch da haben wir die großen Probleme mit der Trockenheit hier bei uns.

Maik Berger, Ortsbürgermeister aus dem Huy
Teilnehmer der Kunstaktion «Keine Handbreit Wasser» tragen historische Holzkanus über den Huy. 4 min
Bildrechte: dpa

Dürre oder die aktuelle Flutkatastrophe: Der Klimawandel ist längst bei uns vor der Haustür angekommen. Das Projekt "Keine Handbreit Wasser" will in Halberstadt darauf aufmerksam machen – mit einer kuriosen Aktion!

MDR KULTUR - Das Radio Di 27.07.2021 06:00Uhr 03:53 min

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Aktionskunst mit vollem Körpereinsatz

Auf diese Umweltgefährdungen wollen die Macher von "Keine Handbreit Wasser" aufmerksam machen – im Schweiße ihres Angesichts. Sechseinhalb Stunden schleppen sie deshalb bei sengender Hitze Boote herum – doch letztlich strahlen alle. Einer der Aktivisten erläutert "Es ist schön, so ein Boot durch den Wald zu tragen, weil es mir einfach Spaß macht und es eine besondere Aktion ist, die man nicht jeden Tag machen kann."

Menschenh tragen Holzboote
Im schattigen Wald trugen sich die Boote am 24. Juli leichter als in der sengenden Hitze. Bildrechte: Sandra Meyer

Was zählt, ist die gemeinsame Aktion, sagt die künstlerische Leiterin Ilka Leukefeld. Die gebürtige Halberstädterin hat schon in Berlin und London gelebt und eine Biennale in ihrem Heimatstädtchen inszeniert. Nicht nur in Metropolen kann man schräge Dinge tun, sagt sie süffisant und ordnet ein, dass schon Joseph Beuys Aktionskunst und soziale Skulptur als ein sehr wirksames Mittel erkannt habe, um Menschen dazu zu motivieren, selbst aktiv zu werden. Auch hier solle das geschehen:

Wir wollen Leute in der Region darauf aufmerksam machen, dass wir in der Lage sind, wenn wir uns zusammentun, etwas gegen den so sinkenden Grundwasserspiegel zu unternehmen.

Ilka Leukefeld, künstlerische Leiterin des Projektes "Keine Handbreit Wasser"

So haben sich für diesen Tag, den 24. Juli, 120 Freiwillige gefunden. Gastronomen, Architekten, Kulturschaffende, aber auch jede Menge junger Leute machen mit. Der Klimawandel ist längst bei ihnen angekommen, findet der 18-jährige Mark: "Ich esse zum Beispiel seit drei Jahren kein Fleisch wegen des Klimawandels. Das ist auch ein Aspekt davon gewesen. Ich achte darauf, dass ich meinen Müll immer wegschmeiße. Wenn ich auf einer Parkbank sitze, lasse ich nix liegen und so. Und solche Sachen die für mich schon wichtig und die gehören einfach dazu."

Keine Handbreit Wasser
Die Aktion weist auf die Wasserknappheit und den Klimawandel hin Bildrechte: Sandra Meyer

Auch Verzicht wird es geben müssen

Wer keine Boote schleppt, hat Brote geschmiert oder den Weg mit blauen Bändern gekennzeichnet. Und in den Pausen sitzt man zusammen, lernt sich kennen, freut sich über die eigene Kondition und spricht natürlich auch über das Thema. Denn natürlich klingt Wasserknappheit seltsam unangebracht – mit Blick auf die Flutkatastrophe im Westen Deutschlands.

Holzboot auf Wiese
Einige der Holzboote Bildrechte: Sandra Meyer

Doch alles hängt miteinander zusammen: Erderwärmung, Wassermangel durch Dürre und Überschwemmungen, sagt Andreas Henke ehemaliger Oberbürgermeister von Halberstadt. Der relativ verantwortungslose Umgang mit den Ressourcen auf der Welt muss anders werden, fordert er, nur zu reden genüge nicht mehr, "wir müssen gucken, dass es wirklich nachhaltig ist." Mit dem Kauf eines E-Bikes oder irgendwann mal eines Elektroautos, weil es gefordert ist, sei es nicht getan, so Henke, das erfordere auch Beschränkungen:

Ich glaube, künftig wird die Frage des Klimaschutzes vielmehr an einen persönlichen Verzicht gebunden werden müssen.

Andreas Henke, ehemaliger Oberbürgermeister von Halberstadt

Es soll weiter gehen

Und genau darum geht es: einen Dialog anzuzetteln. So mündet die vom europäischen Sozialfond unterstützte Aktion Ende August in einer Ausstellung in Huy-Neinstedt, einem Ortsteil der Gemeinde Huy, nördlich von Halberstadt. In einer Scheune des Malers Hans Hermann Richter werden dann die Holzboote ausgestellt, an vier Tagen diskutieren zudem Landwirte, Naturschützer und Ökologen mit dem Publikum über die Wasserknappheit. Die daraus resultierenden Ideen sollen dann wieder in die Ausstellung einfließen.

Teilnehmer der Kunstaktion 'Keine Handbreit Wasser' tragen historische Holzkanus über den Huy.
Auch Kinder machten bei "Keine Handbreit Wasser" mit Bildrechte: dpa

Infos zur Ausstellung Die Ausstellung "Keine Handbreit Wasser" wird am 29. August eröffnet und läuft bis 2. Oktober 2021.

Domplatz 48 I 38820 Halberstadt
Telefon: 03941 692946

Dabei gibt es vier Podiumsgespräche:
29. August 2021, 18 Uhr
4. September 2021, 14 Uhr
10. September 2021, 18 Uhr
4. September 2021, 18 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Juli 2021 | 07:10 Uhr

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