Stadtgeschichtliches Museum Geliebt und gehasst: Kulturgeschichte des Leipziger Winters

Wohl kaum eine Jahreszeit polarisiert so sehr wie der Winter: Geliebt und gehasst, ersehnt und gefürchtet, liegen Freud und Leid in den kalten Monaten eng beieinander. Grund genug für das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig dieser ambivalenten Jahreszeit erstmals eine Ausstellung zu widmen: "Schnee … von gestern? Die Kulturgeschichte des Winters in Leipzig" stand gerade einmal neun Tage für Besucherinnen und Besucher offen, bevor das Museum coronabedingt vorerst schließen musste.

Winter-Ausstellung in Leipzig 4 min
Bildrechte: Markus Scholz
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Das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig erforscht die kalte Jahreszeit in all ihren Facetten und fragt im Hinblick auf den Klimwandel: Winter adé? Ein Beitrag von Rebekka Adler.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 15.12.2021 06:00Uhr 04:09 min

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Wilde Schneeballschlachten und abenteuerliche Schlittschuhfahrten auf dem Schimmels und dem Schwanenteich: Es sind die Tagebuchaufzeichnungen des 13-jährigen Leipziger Schülers Richard Bühle aus dem Jahr 1865, die ein frühes Zeugnis vom Leipziger Winter abgeben, der sich in dem kleinen Richard von seiner schönsten und aufregendsten Seite präsentiert.

Dem gegenüber, und mehr als ein Jahrhundert später, stehen die Erinnerungen des Ur-Leipzigers Harald Stein, der den Katastrophenwinter 1978/79 in Neustadt-Neuschönefeld erlebte, als Minusgrade und Dauerfrost, Kohlenschleppen und mangelndes Kochgas das Leben in der ganzen DDR lahmlegten.

Ambivalente Jahreszeit

Die schriftlich festgehaltenen Erinnerungen der beiden Leipziger Richard Bühle und Harald Stein sind Teil einer Ausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum, die der Kulturgeschichte des Winters in Leipzig nachspürt. Freude und Verdruss scheinen in den kalten Monaten schon immer eng beieinander gelegen zu haben – und daran hat sich, laut Kuratorin Maike Günther, bis heute nicht allzu viel geändert:

Winter-Ausstellung in Leipzig
Museumsdirektor Dr. Anselm Hartinger und Projektleiterin Dr. Maike Günther. Bildrechte: Markus Scholz

"Es wird viele Leipziger geben, die stöhnen schon bei dem Gedanken an Schneeflocken, an das Eis, an die Kälte. Es wird aber genauso viele geben, die sich darüber freuen. Jeder der an der Haltestelle vergeblich auf den Nahverkehr wartet, kennt den Frust, der sich mit dem Winter verbindet. Aber jeder, der im Rosenthal Schneemann gebaut hat und die frische, kalte Luft genossen hat, wird es lieben, nach wie vor."

Wintersport in Leipzig

Doch ist Leipzig weder als besonders schneereiche Stadt noch als beliebter Wintersportort in die Geschichte eingegangen. Was macht den Leipziger Winter dennoch so besonders? Der typische Leipziger Winter besteche durch seine Vielfalt, erklärt Günther: "Es wird ganz aktiv zum Eislaufen gegangen in der Eisarena, an jeder Kante gerodelt, Skilanglauf, Eishockey hat eine überregionale Rolle gespielt. Die Leipziger sind schnell in den Mittelgebirgen gewesen – all das macht den Leipziger Winter aus."

Ein großer Teil der Ausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum Leipig widmet sich dem Wintersport.
Ein großer Teil der Ausstellung widmet sich dem Thema Wintersport. Bildrechte: Markus Scholz

In einer nachgebauten Arena zeigt die Ausstellung neben Wintersport-Hotspots wie der "Großen Warze" im Clara-Zetkin-Park oder der Rodelbahn Bienitz, historische Holzschlitten, Bobs, Skiroller und Langlaufgarnituren. Eiskunstlauf-Weltmeisterin Anett Pötzsch, ehemalige Studentin am DHfK Leipzig, stellte dem Museum sogar das Kostüm zur Verfügung, in dem sie 1978 in Ottawa zur Weltmeisterin gekürt wurde.

Über den Sport hinaus, steht der Winter, gerade in Leipzig, traditionell aber auch für eine klangvolle Weihnachtszeit. Eigens für die Ausstellung hat der Markleeberger Künstler René Möckel Winterklänge aus Leipzig in einer Klangcollage versammelt. Unter anderem das opulente "Jauchzeit, Frohlocket!" des barocken Weihnachtsoratoriums ist darin zu hören.

Klimawandel: Winter adé?

An der Schnittstelle zwischen Kulturgeschichte und Naturwissenschaften zeigt die Ausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum den Leipziger Winter in all seinen Facetten, auch von seiner verletzlichsten Seite: "Selbst wenn der Februar dieses Jahrs meinte, er müsste uns beweisen, es gibt mich noch, diesen extrem kalten Winter, so war das eine Kapriole. Langfristig ist der Trend so, dass die Wintermonate wärmer werden und der Schnee zurückgeht", erklärt Günther.

Die Kuratorin deutet dabei auf die an der Wand befestigten Klimastreifen, die die globale Erwärmung visualisieren. Und diese lässt sich auch in Leipzig nicht länger leugnen. Laut Daten des Deutschen Wetterdienstes wurde der Winter in Sachsen in den letzten 140 Jahren durchschnittlich 1,5°C wärmer. Der Winter verschwindet zwar nicht, aber er wandelt sich. Wie sich die beiden Corona-Winter in das kollektive Gedächtnis der Stadt Leipzig einbrennen werden, bleibt abzuwarten.

Klimastreifen und Grafiken visualisieren an der linken Wandhälfte den Klimawandel.
Klimastreifen und Grafiken visualisieren an der linken Wandhälfte den Klimawandel. Bildrechte: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Mehr Informationen zur Ausstellung "Schnee von gestern? Die Kulturgeschichte des Winters in Leipzig"
12. November 2021 bis 27. Februar 2022

Stadtgeschichtliches Museum Leipzig
Haus Böttchergäßchen
Böttchergäßchen 3,
04109 Leipzig

Zur Ausstellung gibt es eine gleichnamige Publikation in Herausgeberschaft von
Dr. Maike Günther und Dr. Anselm Hartinger.
12,50 Euro
ISBN 978-3-910034-87-7

Weihnachtliche Kulturthemen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Dezember 2021 | 07:40 Uhr

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