Kulturhistorisches Museum Magdeburg zeigt erste Einzelausstellung über Prämonstratenser-Orden

In Sachsen-Anhalt finden sich im Kloster Jerichow oder Unser lieben Frauen bis heute Spuren, die der Prämonstratenser-Orden seit seiner Gründung im Mittelalter hinterlassen hat. Das Kulturhistorische Museum Magdeburg wirft unter dem Titel "Mit Bibel und Spaten" nun erstmals ein Blick auf die wechselvolle 900-jährige Geschichte des Ordens. Neben hochkarätigen Buchmalereien und Goldschmiedekunst ist auch Kurioses dabei: Ein Trinkpokal aus Kokos, eine Gurkenmonstranz und ein Wahl-O-Mat.

Einblick in die Ausstellungsräume im Kulturhistorischen Museum Magdeburg zum Thema "Mit Bibel und Spaten. 900 Jahre Prämonstratenser-Orden"
Die Ausstellung "Bibel und Spaten. 900 Jahre Prämonstratenser-Orden" ist bis zum 9. Januar 2022 im Kulturhistorischen Musem Magdeburg zu sehen. Bildrechte: Kulturhistorisches Museum Magdeburg

Gleich zu Beginn der Ausstellung im Kulturhistorischen Museums Magdeburg wird Norbert von Xanten als radikaler unbequemer Geist beschrieben. Ähnlich wie heute Greta Thunberg hat er aus einer gesellschaftlichen Krise heraus eine Vision für eine bessere Welt entwickelt und einen der großen Reformorden des 12. Jahrhunderts gegründet: die Prämonstratenser. Museumsdirektorin Gabriele Köster beschreibt die Entstehungszeit so: "Man muss sich vorstellen, dass die Verzweiflung an der Welt, die aus den Fugen geraten schien, im frühen 12. Jahrhundert genauso groß war, wie sie uns heute erscheint".

Einblick in die Ausstellungsräume im Kulturhistorischen Museum Magdeburg zum Thema "Mit Bibel und Spaten. 900 Jahre Prämonstratenser-Orden" 5 min
Bildrechte: Kulturhistorisches Museum Magdeburg
Einblick in die Ausstellungsräume im Kulturhistorischen Museum Magdeburg zum Thema "Mit Bibel und Spaten. 900 Jahre Prämonstratenser-Orden" 5 min
Bildrechte: Kulturhistorisches Museum Magdeburg

Erste Einzelausstellung im deutschsprachigen Raum

Das Kloster Jerichow mit Stiftskirche in Jerichow (Sachsen-Anhalt)
Das Prämonstratenser-Kloster Jerichow ist eines der bekanntesten in Sachsen-Anhalt. Bildrechte: imago images/Peter Schickert

Im 12. Jahrhundert haben die Menschen erkannt, dass Teile der Kirche korrupt geworden waren. "Die Kirche war damals nicht nur auf das religiöse Leben beschränkt, sondern war auch im weltlichen ganz wichtig", erklärt Köster. Obwohl der Heilige Norbert als junger Mann der Elite angehörte und eine gute Ausbildung genoss, habe er beschlossen, auszusteigen und etwas zu ändern. In selbstgewählter Armut, aber intelligent, wortgewandt und charismatisch, versammelte er schnell Tausende von Menschen hinter sich und gründete 1121 im französischen Prémontré die neue Ordensgemeinschaft der Prämonstratenser.

Der Wahlspruch der Prämonstratenser lautete: Zu jedem guten Werk bereit. Diesen priesen sie betend, aber auch singend – davon jedenfalls zeugen drei besondere Schiefertäfelchen. Auf diesen sei die mittelalterliche Musik der Choräle abgebildet, erläutert Kuratorin Ulrike Theisen: "Weil Schiefer einfach billiger, günstiger, wiederverwendbarer und haltbarer gewesen ist, hat man die Noten, die man gesungen hat, wie früher in der Schule, auf Schiefertäfelchen eingekratzt und nicht auf Pergament geschrieben."

Der Brandenburger Evangelistar ist ein liturgisches Buch, das vor 800 Jahren geschaffen wurde. Es liegt als Schatz in dem Prämonstratenser-Domstift in Brandenburg an der Havel in einem Tresor.
Der Brandenburger Evangelistar wird normalerweise in einem Tresor im Prämonstratenser-Domstift in Brandenburg an der Havel verwahrt. Nun ist das 800 Jahre alte liturgische Buch in Magdeburg zu sehen. Bildrechte: Quaternio Verlag Luzern

Kloster Jerichow von Prämonstratensern gegründet

Nicht nur die originalen Handschriften, sondern auch die kurzen biografischen Trickfilme zeigen, wie weltoffen und reiselustig Norbert von Xanten war und wie sich dadurch der Prämonstratenser-Orden in ganz Europa verbreitete. Grund dafür war aber auch Norberts Amtsantritt als Erzbischof in Magdeburg im Jahr 1126. Zuerst habe er dort zwar schwer gelitten, da er gleich zwei Attentate überstehen musste. Doch er hat das Land durch etliche Klostergründungen geprägt, sagt Museumsdirektorin Köster: "Zum Beispiel das Kloster Jerichow, das so wunderschön an der Elbe gelegen ist, oder in Havelberg bis hin nach Ratzeburg."

Der Cappenberger Kopf, auch bekannt als Barbarossakopf, ist eine Porträtbüste Kaiser Friedrichs I. Barbarossa aus vergoldeter Bronze.
Die als Barbarossakopf bekannte Porträtbüste Kaiser Friedrichs I. ist in der Ausstellung zu sehen. Bildrechte: Stephan Kube, Greven

Rege unterstützt von den Mächtigen, waren die Prämonstratenser zwar persönlich arm, doch legten sie – im Gegensatz zu den Zisterziensern –  Wert auf kostbare Ausstattungen. Das zeigen eine prächtige Kasel (ein Gewand für den Gottesdienst) oder farbenfrohe Buchmalereien, der sogenannte Barbarossakopf, ein Glanzpunkt mittelalterlicher Goldschmiedekunst, aber auch Kurioses: "Sie können bei uns einen Trinkpokal finden, der tatsächlich im 15. Jahrhundert aus einer Kokosnuss geschnitzt worden ist. Und als Krönchen sitzt oben eine Muskatnuss drauf", so Kuratorin Theisen.

Kuriose Exponate in Magdeburg

In der Ausstellung wird in sieben Kapiteln die 900-jährige Geschichte des Ordens aufgespannt: die Herausforderung durch die Reformation, aber auch die Schließungen sämtlicher Klöster im Zuge des Reichsdeputationshauptschlusses 1803. Im 20. Jahrhundert wurden die Neugründungen durch die Weltkriege und auch durch den Kommunismus torpediert.

Mit mehreren Spitzen um einen breiten Ring wirkt die sogenannte Gurkenmonstranz wie eine Sonne.
Die sogenannte Gukrenmonstranz erzählt von der modernen Geschichte der mittelalterlichen Klöster. Bildrechte: Kloster Želiv

Davon zeugt ein faszinierendes Exponat der 1950er-Jahre, eine "Gurkenmonstranz". Bei der sogenannten Gurkenmonstranz handelt es sich um ein modernes Objekt, das in den 1950er-Jahren in Tschechien entstanden ist. "Nachdem alle Kloster enteignet worden sind und die meisten Klöster sogar in Internierungs- und Arbeitslager umgebaut worden sind, entsteht im Kloster Zeliv aus Weißblechdosen, um Gurken einzumachen, ein besonderes liturgisches Gerät, das in Form einer Sonne auf einem langen Stil die geweihte Hostie den Gläubigen präsentiert", so Kuratorin Ulrike Theisen.

Wahl-O-Mat soll Orientierung bieten

Heute sind die Prämonstratenser, wenn auch in kleiner Zahl, wieder präsent – vor allem in Magdeburg. Dennoch stellt sich die Frage, wer heute noch in einer Ordensgemeinschaft leben will – in Armut, Gehorsam und Keuschheit? Beten und Arbeiten als Lebensmittelpunkt – kann das heute noch Menschen begeistern? Eine Frage, die die Kuratoren auf charmante Weise mit einem Wahl-O-Mat aufgegriffen haben, bei dem jeder Besucher und jede Besucherin einmal ausprobieren kann, welcher Orden denn vielleicht für sie in Frage käme.

Beim Wahl-O-Mat gehe es eigentlich eher um die Lebensführung, erklärt Museumsdirektorin Köster: "Die Lebensführung in Gemeinschaft, die Kontemplation, und dafür muss man auch gar nicht christlich sein." Denn das fragen sich wohl viele: Wie möchte ich mein Leben gestalten? In welcher Gemeinschaft wollen wir heute leben? Fragen, die in der gesamten Schau mitschwingt. Auch das macht sie aktuell und sehenswert.

In einer Vitrine des Kulturhistorischen Museums Magdeburg steht goldener Altarschmuck.
Der rote Faden der Ausstellung ist die Frage: In welcher Gemeinschaft wollen wir heute leben? Bildrechte: Kulturhistorisches Museum Magdeburg

Mehr zur Ausstellung Sonderausstellung
"Mit Bibel und Spaten. 900 Jahre Prämonstratenser-Ordern
Vom 8. September 2021 bis zum 9. Januar 2022

Kulturhistorisches Museum Magdeburg
Otto-von-Guericke-Straße 68-73
39104 Magdeburg

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr
Samstag und Sonntag von 10 bis 18 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. September 2021 | 07:40 Uhr

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