"in relation to" Ausstellung im Volkspark Halle zeigt, was alles Bildhauerei ist

Zeitgenössische Bildhauerei kann heute vieles umfassen: Plastiken aus Stein oder Metall – vielleicht auch noch figürlicher Natur – gelten nur noch als Facette. Besonders die junge Generation von Plastikern und Plastikerinnen übt sich darin, Kunst im Raum neu zu denken. Mit provokanten und staunenswerten Ergebnissen, wie die neue Ausstellung "in relation to" in der Galerie im Volkspark Halle bezeugt. Sie ist zugleich der Ausstellungsraum der Kunsthochschule Burg Giebichenstein.

Catharina Szonn: "Bedeutung ohne Garantie" (2020)
Catharina Szonn: "Bedeutung ohne Garantie" (2020) Bildrechte: Franz Reimer

In den beiden kleinen Räumen der Burg-Galerie ist es immer am heimeligsten. Dienten sie bereits 2020 als wohlig erleuchtete Assoziationsräume in der ersten Schau zu zeitgenössischer Bildhauerei, so tun sie dies auch in der zweiten mit dem Titel "in relation to".

Die Wiener Künstlerin Elena Greta Falcini interessiert sich für neue Materialien in der plastischen Kunst und thematisiert in ihrer Arbeit die Forschung danach, die gar alchemistische Züge trägt: "Das Interessante ist, das Alchemie und Kunst wesensverwandt sind. Beide Disziplinen arbeiten mit der Transformation von Material und in der Kunst ist es ja auch so, wir sind. Wissenschaftler*innen, Alchemist*innen, manchmal weiß ich gar nicht: Bin ich jetzt Künstlerin oder Alchemistin?"

Sich an klassischer Bildhauerei reiben

Monitore mit Filmen dokumentieren die alchemistische Verwandlung: Zugaben wie die zugehörige Formel an der Wand – von einem echten Chemiker erstellt – oder auch die kontaminierten Arbeitsschuhe runden das Gesamtkunstwerk ab. Das ist ebenso zeitgenössische Bildhauerei wie jene Arbeiten in der Ausstellung, die das Formen-Vokabular der klassischen Bildhauerei zitieren, um sich daran zu reiben.

Mathias Weinfurter: "Status Quo Ladder Bergamo" (2020)
Mathias Weinfurter führt nach Italien. In seiner Arbeit "Status Quo Ladder Bergamo" (2020) sieht man die Leiter ("Ladder") vielleicht erst auf den zweiten Blick. Bildrechte: Mathias Weinfurter

Michelangelo als Vorbild

So untersucht der Berliner Künstler Lukas Liese mit seiner Arbeit "Michelangelostraße" diverse Zustände von Marmor sowie sein Verhältnis zum Bildhauer, erklärt Jule Reuter, Mit-Kuratorin der Schau in der Burg-Galerie im Volkspark in Halle: "Natürlich ist auch Michelangelo als Bildhauer ein Vorbild, eine Referenz und er ist natürlich auch derjenige, der mit Marmor in einer Weise gearbeitet hat, die immer noch Bewunderung hervorruft."

Gustav-Weidanz-Preis in Halle

Rund ein Drittel der elf Ausgestellten studiert in Halle an der Burg Giebichenstein im Diplom-Studiengang Plastik. Der größere Teil sind überregionale Einreichungen zum Gustav-Weidanz-Preis 2021, die die Jury nun mit einer Ausstellung würdigt, während der aktuelle Weidanz-Preisträger Willy Schulz im Kunstmuseum Moritzburg mit einer Soloschau geehrt wird.

Gustav-Weidanz-Preis Der Weidanz-Preis hat Tradition. Im Jahr 1975 zu DDR-Zeiten ins Leben gerufen, ist er nach Gustav Weidanz benannt, der an der Burg die Fachklasse für Bildhauerei von ihrer Begründung 1916 an bis ins Jahr 1959 leitete.

Was ist nun zeitgenössische Bildhauerei? Eine Frage an Rolf Wicker, Prorektor an der Burg und Professor für bildnerische Grundlagen in der Plastik: "Alles, was dreidimensional ist, gehört erst einmal zu dem Feld der Bildhauerei. Und dazu gehören natürlich auch Aktionen, dazu gehören auch ein Stück weit performative Sachen, partizipative Dinge, teilweise auch Aktionen, die nur mit Kamera oder Fotografie festgehalten sind. Und dieses ganze weite Feld ist einfach unwahrscheinlich spannend."

Suah Im: "Runway" (2019)
Suah Im "Runway" (2019) Bildrechte: Suah Im

Tätowierter Körper als Mixed-Media-Installation

Im weiteren Verlauf der Schau erkundet etwa Simon Baumgart in einer Mixed-Media-Installation den tätowierten Körper und seine ungeahnten plastischen Dimensionen. Der Meisterschüler von Rolf Wicker erklärt: "Eigentlich ist der Körper wie eine Leerstelle. Der hat so eine Tiefe. Man bringt da etwas ein, und das, was in der Tätowierung aufgesetzt wird, scheint so heraus. Eine fremde Welt."

Simon Baumgart: "ME and YOU" (2022)
Simon Baumgart: "ME and YOU" (2022) Bildrechte: Simon Baumgart

Charlotte Antony, ebenfalls Studentin an der Burg in Halle, bearbeitet wiederum großflächig Papier mit Grafitkreiden solange bis die amorphen Oberflächen wie Metall erscheinen und auch die in Halle und Leipzig studierte Malerin und Textilkünstlerin Maja Behrmann ist mit von der Partie mit ihren farbenfrohen Wandteppichen und Holzobjekten, die an Pop-Art, den DDR-Maler Hans Ticha oder auch an Dada erinnern. Die Ausstellung im Volkspark ist eine, die unkonventionelle bildhauerische Lösungen sucht. So wie man es in einer Hochschul-Galerie erwartet.

Maja Behrmann: "Tulp" (2020)
Maja Behrmann: "Tulp" (2020) Bildrechte: Studio Kela

Mehr zur Ausstellung "in relation to – Positionen junger Bildhauer*innen aus Deutschland"
Galerie der Kunsthochschule Burg Giebichenstein im Volkspark Halle
bis zum 12. Juni 2022

Geöffnet täglich 14 bis 19 Uhr
(kostenfrei & ohne Voranmeldung)

Jeweils sonntags 15 Uhr
Studierende der kunstpädagogischen Studiengänge
führen durch die Ausstellung

Kunst in und um Halle

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. Mai 2022 | 18:00 Uhr

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