Ausstellung Von Bürgerkrieg bis Abraumhalde: Kunsthalle Erfurt zeigt Videokunst

Pop-Up-Stores – hinter diesem Begriff steckt ein spannendes Konzept: Ein Laden steht leer, der Vormieter ist raus, der Nachmieter kommt erst ein paar Wochen später. Und so zieht ein temporäres Geschäft ein, poppt auf, sozusagen, sorgt so für Gesprächsstoff – und verschwindet dann wieder. Die Kunsthalle Erfurt hat das Prinzip nun für sich entdeckt. Mit "Pop-Up Video" bekommt die Videokunst hier zwischen zwei größeren Ausstellungen die große Bühne.

 Eine Frau scheint links zu boxen, rechts im Bild ist ihr Schatten zu sehen. Das Bild ist verschwommen. 4 min
Bildrechte: Susanna Hanna
4 min

Mareike Wiemann über die neue Ausstellung "Pop up Video" in der Erfurter Kunshalle.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 07.02.2022 06:00Uhr 03:53 min

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Eine Frau kämpft mit sich selbst. Mit ihrem Schatten. Schnell und präzise boxt sie in die Luft, kickt mit dem Fuß. "The Fight" – so hat die Erfurter Videokünstlerin Susanna Hanna ihre jüngste Arbeit genannt, die nun in der Kunsthalle zu sehen ist: "Die Idee einen Kampf zu zeigen rührt daher, dass ich finde, dass der Kampf ein ganz starkes Element in jedem Leben darstellt. Kampf als Beispiel für Herausforderung, für Hindernisse, denen wir begegnen. Denen wir uns stellen müssen."

Ein dunkler Raum ist zu sehen, vorn steht eine erleuchtete Leinwand auf der der Schatten einer Frau zu sehen ist.
Szene aus "The Fight" von Susanna Hanna Bildrechte: Stadtverwaltung Erfurt

Im Video ist die Erfurterin Michaela Michl zu sehen. Sie weiß genau, was sie tut: Sie ist mehrfache Kickbox-Weltmeisterin. Gefilmt wurde sie von Hanna durch eine Leinwand hindurch. Leicht verschwommen ist Michl zu sehen, ihr Schatten im Vordergrund dagegen wirkt umso prägnanter. "Es baut sich auf, sie beginnt erstmal in der Mitte, begrüßt quasi ihren eigenen Schatten oder sich selbst, dann bewegt sie sich in diesem Bereich und ist auf der Suche: Wo kommt jetzt der Gegner her, wo setze ich an? Und dann steigert sich das bis zu einem richtig expressiven Kampf."

Vom Bürgerkrieg in Kolumbien bis zur Abraumhalde bei Sangerhausen

"Wir präsentieren Filme, die wir als sehr sehenswert empfinden. Wir haben auch eine Auswahl getroffen, die wirklich sehr heterogen ist und das Medium Film/Video natürlich auch in seiner Bandbreite vorstellt." Das sagt Susanne Knorr von der Erfurter Kunsthalle, sie hat die Pop-Up-Videos kuratiert. Neben "The Fight" wählte sie Arbeiten von drei weiteren Solo-Künstlern, sowie von einem Künstlerinnen-Kollektiv. Im Animationsfilm "Der Gesang der Fliegen" von Catalina Giraldo Vélez und Ana María Vallejo geht es etwa um den Bürgerkrieg in Kolumbien in den 90er-Jahren. Der Streifen der zwei Studentinnen der Bauhaus-Uni wurde bereits auf Festivals ausgezeichnet.

Christoph Blankenburg hingegen hat sich mit Mitteldeutschland auseinandergesetzt. Von ihm ist eine Arbeit mit Titel "Ulung Bak" zu sehen, in der er eine Abraumhalde bei Sangerhausen hinabsteigt, oder eher hinabfällt. Hinter sich zieht er ein neongelbes Band durch die steinige, grau-braune Mondlandschaft. "Christoph Blankenburg ist letztendlich ein Künstler, der sehr performativ arbeitet. Das heißt, eigentlich steht für ihn nicht der Film im Vordergrund, sondern die Performance. Und er filmt diese Performance, dokumentiert sie damit. Und das sind dann letztendlich diese Ergebnisse, die uns zugänglich sind", erläutert Susanne Knorr.

Ein Mann hat die Hälfte seines Kopfes unter Wasser, nur das Gesicht schaut heraus
Videoarbeit von Thomas Taube Bildrechte: Thomas Taube

Mehr Aufmerksamkeit für Videokunst im Museum

Die Arbeiten der verschiedenen Künstlerinnen und Künstler werden nacheinander gezeigt, jeweils für vier Tage. So habe das Publikum Zeit, sich mit der Kunst auseinanderzusetzen und gerate nicht in eine Art Over-Kill an Eindrücken, sagt Kai-Uwe Schierz, Direktor der Erfurter Kunstmuseen. Für ihn ist Pop-Up Video ein Versuch, der Videokunst mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. In klassischen Ausstellungen mit Gemälden und Plastiken gehe diese Kunstform oft unter:

Ein dunkler Raum ist zu sehen, in der Mitte steht eine erleuchtete Leinwand. Auf ihr sind in ganz einfacher, fast kindlicher Darstellung große Blätter zu sehen, in der Mitte und scheinbar auf den Blättern stehen zwei Häuser.
Szene aus "Gesang der Fliegen" von Catalina Giraldo Vélez und Ana María Vallejo Bildrechte: Stadtverwaltung Erfurt

"Sie kennen vielleicht auch schon die Statistiken, wie lange in der Regel Besucher in einem Museum sich auf ein Bild konzentrieren? In der Regel sind das drei Sekunden! Und das ist natürlich etwas, was – ich sage das mal ganz brutal – Videos geradezu abschmieren lässt. Also in der Besucheraufmerksamkeit sind die auf jeden Fall ganz schwierig zu handelndes Material."

So versucht man in der Kunsthalle nun, den Zugang so leicht wie möglich zu machen. Es werden nur Videos gezeigt, nichts anderes. Der Eintritt ist frei, man kann kommen und gehen wie man mag. Und es ist alle Tage geöffnet – auch am Montag. Die Erfurter Kunsthalle betritt somit Neuland: Vielleicht wird es ja künftig mehr solcher Pop-Up-Interventionen geben.

Verschiedene Flyer der Veranstaltung liegen auf einer weißen Oberfläche.
Bildrechte: Stadtverwaltung Erfurt

Informationen zur Ausstellung Pop-Up Video in der Erfurter Kunsthalle
Vom 5. bis 20. Februar 2022
Der Eintritt ist frei.
Täglich geöffnet von 11 bis 18 Uhr

Susanna Hanna, Christoph Blankenburg, Thomas Taube, Catalina Giraldo Vélez und Ana María Vallejo bespielen in dieser Reihenfolge nacheinander für jeweils vier Tage die Kunsthalle mit ihrem Beitrag und sind zu ausgewählten Zeiten in der Ausstellung vor Ort, um mit den interessierten Besucherinnen und Besuchern ins Gespräch zu kommen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Februar 2022 | 07:10 Uhr