Künstler-Nachlässe Warum der Leipziger Maler Hartwig Ebersbach seine Bilder verbrennt

Die Nachricht hat erschreckt: Der renommierte Leipziger Maler Hartwig Ebersbach verbrennt seine Bilder. Tatsächlich hat sich der bald 82-Jährige dazu entschlossen, "ein Fanal" zu setzen: Um auf den überraschenden Umstand aufmerksam zu machen, dass ein Künstler Steuern zahlen muss, wenn er einem Museum seine Werke schenkt. Nicht nur für Ebersbach stellt sich die Nachlass-Frage, wie der Bund Bildender Künstler in Leipzig betont.

Der Maler Hartwig Ebersbach wollte Werke an Museen verschenken und bekam den absurd erscheinenden Bescheid, dass er für die Schenkung Steuern zahlen müsse. Da hilft nur ein starkes Zeichen, sagte er sich:

Und da habe ich mich dann wirklich für das Fanal entschlossen: Ich verbrenne Bilder und hoffe, dass das eine Wirkung hat.

Hartwig Ebersbach Leipziger Maler

Steuern auf Geschenke an Museen?

Warum Hartwig Ebersbach Bilder verbrennt
Der Leipziger Maler Hartwig Ebersbach fragt sich, was aus seinem Nachlass wird. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ebersbach ist immer noch fassungslos: "Das kann doch nicht sein, dass der Künstler der Einzige ist, der in solchen Aktionen Steuern bezahlt." Experte Robert Brückner von der "iq steuerberatung" muss leider entgegnen: "Ja, das ist Tatsache so. Es kommt ganz darauf an, ob der Vermögensgegenstand aus einem Privat- oder aus dem Betriebsvermögen übergeben wird. Denn während der Schaffung des Werkes konnte der Künstler natürlich alle Kosten, die damit im Zusammenhang stehen, von seiner Steuer absetzen und geltend machen. Und genau das ist der entscheidende Punkt."

Warum Hartwig Ebersbach Bilder verbrennt
Arbeiten des Malers Hartwig Ebersbach. Was wird aus dem Nachlass des Künstlers, wenn Werke nicht steuerfrei an Museen verschenkt werden dürfen? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mit Ebersbachs Problem verbindet sich ein zweites, größeres: Was wird aus dem Nachlass? Dieser Maler, der mehrere sächsische Museen gleichsam als Dank an Heimat und Herkunft beschenkt, hat seinen Platz in der Kunstgeschichte sicher – seine Werke sind willkommen.

Überangebot an Vor- und Nachlässen

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Bildhauer Tobias Rost vom Bund Bildender Künstler Leipzig verweist auf das Nachlass-Problem. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Masse der Künstler wäre glücklich, wenn sie Ebersbachs steuerliche Sorgen hätten, wie Bildhauer Tobias Rost aus seiner Arbeit im Leipziger Bund Bildender Künstler weiß: "Nicht so viele Museen oder öffentliche Sammlungen wollen Kunstwerke geschenkt haben. Es gibt ein großes Überangebot an Nach- und Vorlässen. Bei uns sind die Angehörigen eines Bildhauers weinend aufgeschlagen, weil sie nicht wissen, wohin mit dem Oeuvre ihres fleißigen Vaters. Es gibt durchaus Fälle, wo Vor- und Nachlässe verbrannt werden."

Erstes "Brandopfer" zu DDR-Zeiten

Ebersbach liebte immer die große Geste, den starken Auftritt: Er gehört zu den "wilden Malern", voller Zweifel und Aggression zeigt er den Zorn vor – und die Selbstbehauptung, zieht sich den Kaspar über und fletscht die Zähne. 1965 wurde er für ein wütendes Bild von der Kritik und von Funktionären selbst bedroht: "Da haben sie gesagt: 'Gestern haben wir vier Schriftsteller verhaftet, solche wie dich.' Ich habe Panik gekriegt und dann das Bild in einem Ofen verbrannt. Das war eigentlich der Anfang meiner Radikalität, meiner Radikalität im Umgang mit meinen Bildern."

Warum Hartwig Ebersbach Bilder verbrennt
Hartwig Ebersbach malt mit seinem ganzen Körper, auch mit den Füßen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Der brennende Mann" als Motiv in Ebersbachs Bildern

Die Distanz, die Sehen eigentlich hat – schleift dieser Maler, er schreibt den Bildern alle Sinne ein. Bilder sind ihm heilig wie Opfertiere eines Rituals, unter dem macht Ebersbach es nicht. Zum Kult gehört das Brandopfer – "Der brennende Mann" – ein Motiv seiner Bilder – verfolgt ihn nun über ein halbes Jahrhundert: "Das bin natürlich ich, so stehe ich da, und der Bauch glüht, das Ich, das Es", erzählt er in einem Interview 2015 und meint heute: "'Der brennende Mann' war immer Türöffner. Immer, wenn ich aus Erregung, aus Träumen kam ... oftmals stand ich unter Tränen, so hat sich da eine Erneuerung angekündigt – wie verändere ich ihn, damit er meine weiteren Träume darstellen kann."

Warum Hartwig Ebersbach Bilder verbrennt
Auch die Handpuppen-Sammlung der Ebersbachs soll in die öffentliche Hand übergeben werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Von Schmerz und Befreiung, Zerstörung und Neubeginn erzählen seine Werke. Vor dem Hintergrund seiner Arbeit wird das neue Fanal des Künstlers also besser verständlich. Abgesehen von einer weiteren Kunst-Schenkung haben Monika und Hartwig Ebersbach vor, ihre wunderbare Puppenspielfiguren-Sammlung weitgehend geschlossen in öffentliche Hand zu geben – vielleicht ist das dann steuerlich einfacher.

Auf die Bild- und Steuergestaltung kommt es an

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Steuerberater Robert Brückner erklärt, was bei Bilder-Schenkungen zu beachten ist. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Steuerberater Robert Brückner erinnert an die wichtige Unterscheidung: Zuallererst gelte es, "sich genau zu überlegen oder zu prüfen, ob der Vermögensgegenstand, den man übertragen will, wirklich aus dem Betriebs- oder aus dem Privatvermögen kommt." Und er erläutert weiter: "Wenn der Vermögensgegenstand schon aus dem Betriebsvermögen übertragen wird, dann gibt es eine steuerliche Gestaltung über eine Kaufpreis-Ermittlung." Das bedeute, dass man die Gegenstände nicht spende, sondern zunächst "zu einem ganz geringen Preis veräußert und im zweiten Schritt auf die Zahlung dieses Kaufpreises verzichtet."

Das sei keine windige Steuergestaltung, sondern ein durchaus anerkanntes Verfahren: "Denn, was hat man getan? Man hat seine Kunstwerke selbst bewertet. Und das ist etwas, was man dann sozusagen dem Finanzamt abgenommen hat, und was man dann auch nicht widerlegen muss."

Finanzämter rechnen mal so und mal so. Und so kommt es also nicht nur auf die Bild-, sondern auf die Steuergestaltung an. Wem es unangenehm ist, den Wert seiner Kunst dafür finanztechnisch zu verkleinern, der muss allerdings hoffen, dass Hartwig Ebersbachs Fanal gehört wird.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 27. Januar 2022 | 22:05 Uhr

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