"New York 9/11 – Krieg in Zeiten von Frieden" Neues Monumentalgemälde in Leipzig: Der Morgen des 11. Septembers 2001

Der Künstler Yadegar Asisi ist für seine riesigen Rundgemälde bekannt und geliebt. In seinem neuesten Kunstwerk versetzt er seine Fans in eine besondere Szene: Nach Manhatten, kurz vor dem Anschlag auf das World Trade Center. In Zeiten, in den mitten in Europa wieder Krieg herrscht, die Ukraine zerbombt wird, stellt die Ausstellung auch Fragen, wie die Wunden wieder heilen können.

Blick in das 32 Meter hohe neue Panorama 'New York 9/11' des Künstlers Asisi.
32 Meter hoch, 110 Meter lang ist das Panoramabild von Yadagar Asisi in Leipzig. Bildrechte: dpa

8.41 Uhr – so zeigt es die Uhr, die Yadegar Asisi in sein neues Panoramabild setzte. Fünf Minuten später wird sich die Welt ändern: Über die Nachrichtenkanäle flirren Bilder von Menschen, die sich aus den markanten New Yorker Twin-Tower stürzen und von Flugzeugen, die zuvor mitten in die Fassaden flogen. 

Genau diese Bilder zeigt Asisi nicht in seiner neuen Ausstellung, wohl aber die Idylle davor: Inmitten einer morgendlichen urbanen Landschaft im Herzen von Manhattan steht man am Fuße der Türme. Drumherum beginnt das Großstadtgewühl voller Menschen und Fahrzeugen. Der Klang einer Stadt mischt sich sanft mit Musik und lässt trotzdem langsam erahnen, dass dieser Tag anders werden wird …

Manhattan-Szene mitten in Leipzig

Erste Simulation des Panoramas im Innenraum des Panometer Leipzig.
Das Panorama in Leipzig versetzt in die letzten fünf Minuten Idylle vor 9/11. Bildrechte: asisi

Die Betrachterinnen und Betrachter stehen im Panoramabild zwischen der Backsteinfassade einer alten Kirche mit Friedhof, geschützt von Bäumen. Menschen eilen an Läden und Cafés vorbei ins Büro – die Straßen werden lebhafter. Kleine und große Häuserfassaden blitzen im Morgenlicht auf. 

"Und dann passiert etwas. Nach drei Minuten gibt es einen Lichtwechsel", beschreibt der Künstler, der seit 2003 im Leipziger Panometer sein Publikum mit den Fragen der Menschheit konfrontiert:  Klimawandel, Regenwald, zuletzt: "Carolas Garten" – eine Hommage an das Werden und Vergehen, den Kreislauf des Lebens, das Loslassen und Vertrauen auf etwas Neues. 

Viertes Anti-Kriegsprojekt in Sachsen

"New York 9/11 – Krieg in Zeiten von Frieden" ist nach "Leipzig 1813", "Die Mauer" und "Dresden 1945" Yadegar Asisis viertes Anti-Kriegsprojekt. Es setzt, so sein Team,  die "Betrachtung der Welt unter besonderem Fokus auf die Kriege der Neuzeit fort." Es erzählt von einem Moment, in dem die Menschheit den Atem anhielt.

Der Künstler Yadegar Asisi sitzt am Tisch und malt auf Papier.
Lange Zeit bereitet der Künstler Yadegar Asisi seine Bilder vor. Bildrechte: asisi

"Wir ziehen alle Farben aus dem Bild raus. Man hat nur noch ein monochromes Bild ohne Grün, Rot und Blau. Es passiert etwas mit der inneren Stimme. Dann beginnt das Herzklopfen", so Yadegar Asisi, der in zwei Wochen die Ausstellung mit seinem Team aufgebaut hat. Wenige Tage vor der Eröffnung steht der 67-Jährige mit den silbergrauen, kurzen Haaren in Kapuzenpulli und Daunenjacke zwischen Kisten und Kartons, Kabeln und Installationen. 

Ausstellung mit großen Fragen zu Krieg und Terror

Yadegar Asisi malt zahlreiche Striche auf den Boden des Leipziger Panometers.
Mit kleinen Installationen weist Asisi auf die Opfer des Krieges hin. Bildrechte: asisi

Das Panoramabild ist 32 Meter hoch, 110 Meter lang. Es ist der 360-Grad-Blick auf die verletzbare Normalität im Alltag. Yadegar Asisi hat parallel dazu eine Ausstellung mit kleineren Installationen konzipiert: Er konfrontiert mit der Frage: Was kosten uns Krieg und Terror? Werden wir bereit sein, auch künftig diesen Preis zu zahlen?

Er lässt die Besucher über zahllose Striche laufen – es sind jene Kriegsopfer, deren Namen wir nicht kennen. Asisi fügt sie in Kästchen und Strichen zusammen und lässt so Einzelschicksale zu Wort kommen. Namenlose Menschen, getötet im Namen eines Krieges. Und die Schaue führt in die heimischen Wohnzimmer, wo Nachrichtenbilder die Schrecken von Kriegen transportieren und doch im täglichen Informationsstrudel versickern. 

Kunst über Kreislauf des Seins

Yadegar Asisi, geboren 1955 in Wien, hat persische Wurzeln. Sein Vater floh einst vor dem Schah im Iran. Als Kind kam Yadegar Asisi nach Sachsen, studierte später Architektur, zog nach Westberlin und studierte nochmals Malerei. Heute begreift er sich als Künstler, der sich mit seinen Monumentalwerken dem Werden und Vergehen auf diesem Planeten widmet: Lebenskreisläufe, die Zerbrechlichkeit einer vermeintlichen Idylle, menschengemachtes Glück und Unglück und immer wieder die Frage nach der Rolle des Menschen als Teil eines großen Universums. 

Für das aktuelle Bild hat er sich eine Ausstellung mit drei Erzählebenen ausgedacht, bevor der Besucher dort landet, wo fünf Minuten vorher noch idyllische Ruhe herrschte. Retrospektiv beleuchtet er die 20 Jahre nach dem Anschlag auf die Twin Tower in Manhattan und fragt:  Was hat sich geändert? Was sind die Lehren? 

Insgesamt genommen hat sich die Welt - von einer ganz bestimmten Position aus - wirklich verschlechtert.

Yadegar Asisi, Künstler

Wunden und Narben des Krieges

Mitarbeiter des Asisi-Teams bauen einen symbolischen Grenzzaun für die Begleitausstellung zum neuen Panorama 'New York 9/11' auf.
Krieg und Hass hinterlassen Spuren in der Gesellschaft. Bildrechte: dpa

Asisi zeigt, wie aus Grenzen neue Mauern werden, projiziert Drohnenflüge und lässt Wörter, die das Denken verändern, als Laufschriften an Wänden erscheinen. "Wir müssen begreifen, dass alles, was wir anfassen, was mit Krieg zu tun hat, irgendwann auch auf uns selbst zurückgeworfen wird. Hass, der durch Krieg entsteht, ist über Generationen nicht zu heilen."

Ein Thema, das angesichts des Russland-Ukraine-Krieges aktueller nicht sein könnte. Wie denkt er über ein vermutlich bis zu 80 Prozent zerstörtes Mariupol? Ist ein Wiederaufbau realistisch? Asisi überlegt – zumal auch er mehrere Male den Krater der Twin Tower besichtigte und kurz nach dem Anschlag fotografiert hat, um später den Architekten Daniel Liebeskind beim Wettbewerb für das neue World Trade Center zu unterstützen.

Er kennt den Ort seit vielen Jahren und damit auch die Wucht der Zerstörung und das spätere Ringen um Lösungen für den Wiederaufbau. Und was heißt das für zerstörte Städte in der Ukraine und den Krieg der Gegenwart? "Die Katastrophe wird immer größer und wenn wirklich der Tag da ist: Jetzt ist wieder Frieden! Da erwacht eine Energie, die ist nicht vorstellbar. Deswegen glaube ich, dass sich Menschen finden werden, die sagen: So, jetzt bauen wir diese Stadt wieder auf."

Weitere Informationen "New York 9/11 – Krieg in Zeiten von Frieden" ist ab dem 9. April zu sehen.

Adresse:
Panometer Leipzig
Richard-Lehmann-Str. 114
04275 Leipzig

Öffnungszeiten:
Täglich von 10 bis 17 Uhr

Mehr aus der Leipziger Kunstszene

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. April 2022 | 08:45 Uhr