Weltgeschichte vor der Haustür Wie Limbach-Oberfrohna zur Welthauptstadt des Handschuhs wurde

Sechs Mal am Tag die Handschuhe zu wechseln ist für britische Gentlemen der Viktorianischen Ära ein Muss. Besonders gefragt unter den Angelsachsen waren Handschuhe aus dem sächsischen Limbach-Oberfrohna. So reisten die Stoffhandschuhe um die Welt: nicht nur nach England, sondern auch auf die Weltausstellungen –in Chigaco und St. Louis nach Amerika. Limbach entwickelte sich zur Welthauptstadt der Handschuhherstellung. Doch was machte die dort gefertigten Handschuhe so besonders?

Handschuhe mit Quasten 22 min
Bildrechte: IMAGO / Artokoloro

Vierzig Arbeitsschritte braucht ein Handschuh, bis er fertig ist. Und in Limbach-Oberfrohna benutzen sie für jeden Schritt Maschinen, die auch in Limbach-Oberfrohna gebaut werden. "Dieses Zusammenwirken war die Stärke der Region. Heute sagt man ein Cluster und nennt das eine Wirtschaftsförderungsmaßnahme. Damals haben das die Leute untereinander selber gemacht", erklärt Irmgard Eberth, die Vorsitzende des Fördervereins Esche-Museum.

Hier kann man Schritt für Schritt nachvollziehen, wie ein Handschuh entsteht und einige Arbeitsschritte sogar an den Maschinen erleben. Vom hölzernen Wirkstuhl von 1800 bis zur Malimo-Maschine haben die Limbacher eine deutschlandweit einzigartige Sammlung noch funktionierender Textilmaschinen in ihrem Haus. 

Vom Macht- zum Modesymbol

Schon vor 3.000 Jahren tragen Perserkönige und Pharaonen Fingerhandschuhe als Zeichen der Macht. Daran ändert sich lange Zeit nichts. Kostbar verzierte Fingerhandschuhe bekleiden die Hände von Fürsten, Königen und Bischöfen, der wärmende Fausthandschuh die Hände der Handwerker und Bauern.

Abgaben werden in Handschuhen, prallgefüllt mit Pfennigen und Groschen, überreicht. Schickt umgekehrt der Fürst seinen Untertanen einen Handschuh, verspricht er ihnen Schutz. Und der hingeworfene Fehdehandschuh ist bis heute sprichwörtlich. Seit dem 18. Jahrhundert verliert der Handschuh seinen Symbolcharakter und wird vom Macht- zum Modeartikel. Kunstvolle Stickereien verzieren die Oberseite, die Bündchen verschließen Perlmutt-Knöpfe, wenn der Handschuh nicht gleich bis zum Ellbogen oder gar zur Schulter reicht. Knapp sechs Mark kostet ein Paar Handschuhe vor gut 100 Jahren. Zum Vergleich: Schuhe gibt es für zehn Mark.

Esche Museum
Postkarte zur Bewerbung der Limbacher Stoffhandschuhe Bildrechte: Esche-Museum

Handschuhproduktion als Wirtschaftsfaktor

Handschuh helloliv außen
Einer der historisch-eleganten Handschuhe aus Limbach-Oberfrohna Bildrechte: Esche-Museum

Der Aufstieg Limbachs, Oberfrohnas, Grünas und Kändlers beginnt im 18. Jahrhundert, als die Rittergutsbesitzerin Helena Dorothea von Schönberg Strumpfwirker ansiedelt und Johann Esche den ersten hölzernen Wirkstuhl baut. Ein Nachbau steht heute im Esche-Museum, einem kirchenähnlichen Fabrikgebäude, das ein Nachfahre Esches 1853 als Strumpffabrik erbaut hat.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts verdienen die Limbacher mit Strümpfen ihr Geld, dann wandert die Strumpfindustrie ins billigere Erzgebirge ab und die Limbacher schwenken auf die aufwändigere Handschuhproduktion um. "Man kann sich Limbach-Oberfrohna als Bienenstock vorstellen, wo praktisch jeder direkt oder indirekt mit der Handschuhherstellung beschäftigt war und eben alles ineinander gegriffen hat. Die Stoffherstellung, die Textilveredelung, die Konfektion und der Maschinenbau waren vor Ort. Es war viel Fachkenntnis in allen Bereichen vorhanden", erklärt Museumspädagogin Gabriele Pabstmann.

Handschuhnähmaschine UNO RECORD
Die Handschuhnähmaschine Uno Record Bildrechte: Esche-Museum

"Glove-Valley" – Welthauptstadt der Handschuhherstellung

Gefragt sind die Handschuhe aus Limbach-Oberfrohna vor allem in der angelsächsischen Welt. Auf den Weltausstellungen in Chicago und Saint Louis werden die Handschuhe mit Medaillen ausgezeichnet. Zwei Drittel exportieren die Sachsen in die USA, 30 Prozent gehen nach England. Die offenbar weniger modebewussten Kontinentaleuropäer begnügen sich mit dem Rest. Fast 84 Millionen Handschuhe verlassen die Stadt im Erzgebirgsvorland im Jahr 1913.

Das Esche-Museum in Limbach-Oberfrohna außen
Das Esche-Museum in Limbach-Oberfrohna Bildrechte: IMAGO / Hanke

Darunter in Limbach-Oberfrohna entwickelte Novitäten, wie Handschuhe aus Wildlederimitat, erzählt Irmgard Eberth: "Die Stoffe wurden aufgerauht und daraus entstanden diese feinen wildlederähnlichen Handschuhe, die sie aber waschen konnten, die viel billiger waren, aber genauso aussahen und sich genauso anfühlten wie Wildleder."

Bis in die 50er- und 60er-Jahre trotzen die Limbacher Handschuhmacher allen Krisen. Dann aber kommt das Ende. Aus dem gleichen Grunde wie ihr Aufstieg: der Mode. Das Handschuhtragen ist nicht mehr "in".

Esche Museum
Dieses Limbacher Desgin erinnert an die Handschuhe auf historischen Gemälden. Bildrechte: Esche-Museum

Esche Museum Sachsenstraße 3
09212 Limbach-Oberfrohna

Dienstag, Mittwoch, Freitag: 13 bis 17 Uhr;
Donnerstag 13 bis 19 Uhr;
Samstag, Sonntag, Feiertag 11 bis 17 Uhr

4 Euro, ermäßigt: 2 Euro

Es gilt die 2-G-Regelung. Zudem wird darum gebeten, eine FFP-2-Maske zu tragen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. März 2022 | 08:15 Uhr

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