"Poesie und Verstand – Eine Widmung an Novalis" Magdeburg: Mit zeitgenössischer Kunst den Dichter Novalis neu kennenlernen

Auf Einladung des Puppentheaters Magdeburg zeigt die Kunststiftung Sachsen-Anhalt ihre Ausstellung aus Halle mit dem Titel "Poesie und Verstand – Eine Widmung an Novalis" in Teilen nun in der Figurensammlung der villa p. Anlass ist der 250. Geburtstag des Dichters und Romantikers. In der Ausstellung sind nahezu alle Genres der bildenden Kunst vertreten: von Schmuck über Malerei und textiler Kunst bis hin zur Bildhauerei. Die 30 Positionen zeitgenössischer Kunst sind bis Ende Oktober zu erkunden.

Zu sehen sind zwei Schnitzereien aus Holz. In der linken Schnitzerei lugt nur ein Kopf zwischen zwei Platten hervor. In der Schnitzerei auf der rechten Seite sieht man einen Menschen, der wie ein Baum aussieht - man sieht nur Kopf und Füße.
Die Einheit von Natur und Mensch spielt bei Novalis und auch bei diesem Werk von Daniela Schönemann eine große Rolle. Bildrechte: Marco Warmuth

Das ist schon kurios: In einer Ausstellung über den Dichter Novalis wird der Besucher im Frisiersalon empfangen. Denn Gestalter Sebastian Gerstengarbe sollte mit einer grafischen Wandgestaltung einen Ort schaffen, an dem die Autoren, die sich im Auftrag der Kunststiftung Sachsen-Anhalt mit Novalis auseinandergesetzt haben, aufeinandertreffen.

Erste Begegnung im Frisiersalon

Zu sehen ist eine Handstickerei auf weißer Spitze. Das Werk ist rund mit wiederkehrenden Mustern, in der Mitte sieht man einen fblich dargestellten Kopf mit braunen Haaren im Profil.
Auch in dieser Handstickerei auf Spitze von Lisa Reichmann stehen schöne Haare im Mittelpunkt. Bildrechte: Lisa Reichmann

Zuerst habe er an ein Gasthaus gedacht, in welches die Leute kommen und reden. Bei seiner Recherche zu Novalis habe er dann aber ein Bild von einem Schönheitssalon in Berlin gefunden mit dem Namen "Salon Novalis" und einen Friseursalon "Blaue Blume". Da habe er dann gedacht: Warum eigentlich nicht? Novalis habe immer Wert auf seine Haare gelegt und ein Gang zum Friseur sei eine elementare Situation, die jeder kenne. Und so treffen sich alle im Salon – die Autorinnen und Autoren sowie die Besucherinnen und Besucher.

Novalis als Bergbauingenieur und Klimaaktivist?

Zu sehen sind drei weiße Krüge bzw. Vasen, auf ihnen sind pixelartig blaue Muster dargestellt.
Eine Installation von Jens Gussek mit dem Titel "Blue Flower Searching Novales". Bildrechte: Marco Warmuth

Die unterschiedlichen Autorinnen und Autoren hat Gerstengabe denn auch porträtiert – ihre Texte kann man in einer Zeitung lesen und hören: einen philosophischen Aufsatz von Wolfgang Welsch, kurze Verse von Hans-Eckhardt Wenzel, Lutz Sailer oder süffisant-knappe von Simone Trieder. Neben den literarischen Annäherungen an Novalis haben sich auch bildende Künstler dem in Oberwiederstedt geborenen Dichter gewidmet.

Manon Bursian, die Direktorin der Kunststiftung Sachsen-Anhalt, wollte mit dem Projekt den heute eher unbekannten Novalis in die Gegenwart holen. Anknüpfungspunkte gäbe es in seinem Werk einige: "Bei Novalis spielt natürlich diese Einheit von Natur und Mensch eine große Rolle. Das hat er in all seinen Werken mit unglaublich schönen Zitaten beschrieben." Das Thema des 21. Jahrhunderts sei Klimawandel – wahrscheinlich wäre Novalis heute bei Fridays for Future und würde flammende Reden halten.

30 Künstlerinnen über Novalis und die unerfüllte Liebe

So haben sich die 30 Künstlerinnen und Künstler mit den unterschiedlichsten Facetten Friedrich von Hardenbergs beschäftigt – mit dem Dichter, aber auch dem Wissenschaftler. Novalis war schließlich auch Bergbauingenieur, Geologe und Salineassessor. Laut Manon Bursian lässt sich an den Grafiken und der Malerei sehen, was er im Bergwerk gemacht und wie er die Ausbeutung der Natur gesehen hat.

Es gibt in der Ausstellung aber auch Stickereien, damit hinterfragt eine Künstlerin, warum wir ein Taschentuch so sehr lieben, in welches wir eine Träne weinten. Die unerfüllte Liebe ist bei Novalis schließlich ein Riesenthema gewesen, wie Bursian anmerkt.

Zu sehen ist ein weißes Stoff-Taschentuch, welches schon leicht gelblich angelaufen ist, auf ihm ist ein Spruch eingestickt: "Wir halten einen leblosen Stoff wegen seiner Beziehungen, seiner Formen fest. Wir lieben den Stoff insofern er zu einem geliebten Wesen gehört, seine Spur trägt, oder Ähnlichkeiten mit ihm hat."
Eine Handstickerei auf einem Taschentuch von Lisa Reichmann thematisiert die unerfüllte Liebe. Bildrechte: Lisa Reichmann

Gemeint ist hier vor allem seine Beziehung zu Sophie von Kühn, die mit 12 Jahren seine Verlobte wurde und mit nur 15 Jahren an Tuberkulose verstarb – ein Thema, das mehrere Künstler aufgegriffen haben. Man sieht Schmuckstücke, Gemälde aber auch ein etwas skurriles Brautkleid. Kurator Bjön Hermann erklärt: "Wenn man nah rangeht, sieht man, dass das Oberteil aus Masken besteht, wie sie uns mittlerweile im Alltag geläufig sind." So wird dieser frühe Tod thematisiert.

Die blaue Blume zum Mitnehmen

Trauer, Traum und Sehnsucht spielen immer wieder eine Rolle – und daran anknüpfend das Symbol der Romantik schlechthin: die blaue Blume. Augenzwinkernd thematisiert sie auch Rebecca Rauschhard, bezugnehmend auf Novalis Ballade "Ich weiß nicht was". Als textile Plastik hat sie ein überproportionales Grasbüschel mit Wurzeln genäht. Das Material– Matratzenschaumstoff und Bettlaken – kommt nicht von ungefähr aus ihrem Schlafzimmer. Es sei sehr groß, weich und lade ein, sich hineinzulegen und Dinge zu tun, bei denen man nicht so genau weiß, was.

So begegnet man dem heute wohl kaum noch gelesenen Dichter auf teils naive, träumerische, aber auch auf witzige Weise. Spielerisch und unbedingt wohltuend sind auch die Zitate an den Wänden oder auf Merchandise Artikeln. Auf einem himmelblauen Bleistift steht: "Wir träumen von Reisen durch das Weltall, ist denn das Weltall nicht in uns?" Und auf einer Tragetasche: "Jeder geliebte Gegenstand ist Mittelpunkt eines Paradieses."

Zu sehen ist ein Foto, im Hintergrund hängen zwei Bilder an der Wand: eines ist sehr groß und in dunklen Farben gehalten, das zweite ist kleiner und eher in weiß gehalten. Im Vordergrund liegt eine Plastik, scheinbar aus Holz.
Die verschiedensten Genres sind in der Ausstellung zu sehen, hier dargestellt sind Malerei und eine Plastik von Cornelia Weihe. Bildrechte: Marco Warmuth

Man hat also in die Trickkiste gegriffen, um den Dichter wieder zugänglich zu machen – sogar im wahrsten Wortsinn zum Blühen zu bringen. Denn es gibt auch Samen für blaue Blumen, die man pflanzen soll. Das alles ist vielleicht wenig tiefgründig, aber regt die Gedanken an und macht Spaß.

Weitere Informationen zur Ausstellung "Poesie und Verstand – Eine Widmung an Novalis"
Ausstellung der Kunststiftung Sachsen-Anhalt
9. September bis 30. Oktober 2022

Figurensammlung in der villa p.
Puppentheater Magdeburg
Warschauer Straße 25, 39104 Magdeburg

Öffnungszeiten:
Mittwoch bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. April 2022 | 08:15 Uhr

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