15. bis 18. September 2022 Warum ein renommiertes Kunstfestival wie das Werkleitz ins Mansfelder Land zieht

Kunst findet zumeist im urbanen Bereich statt. Nicht jedoch das diesjährige Werkleitz-Festival. Es vereint im Mansfelder Land Künstler und Einheimische – nicht von oben herab, sondern mittendrin in der Region mit all ihrer Schönheit, den Problemen und der faszinierenden Geschichte zwischen Bergbau und Bauernkrieg.

Ein großer Felsen in einer Fabrikhalle
Aus dem FIlm "Geontopower" von Viktor Brim Bildrechte: Viktor Brim, 2022

In diesem Jahr findet das Werkleitz-Festival unter dem Motto "Mehr oder Weniger" im Mansfelder Land statt, einem Landkreis in Sachsen-Anhalt, der wie in einem Brennglas deutsches Landleben bündelt. In dem ehemaligen Kupferbergbaugebiet finden sich Zeugnisse von Deindustrialisierung und Abwanderung ebenso wie politische Themen, vom Strukturwandel über den Kohleausstieg bis hin zum Klimawandel.

All das sind Themen, mit denen sich sechs Künstlerinnen und Künstler für dieses Werkleitz-Festival in ihren Arbeiten auseinandergesetzt haben. Den Mittelpunkt der Auseinandersetzung bildet das Festivalquartier in der Molmecker Straße 82 in Hettstedt.

Das Mansfelder Land erkundet

Wie es zum Mansfelder Land als Festivalort kam, erläutert Werkleitz-Direktor Daniel Herrmann: "Im Rahmen der Reformationsdekade haben wir angefangen das Mansfelder Land zu erkunden. Wir waren viel mit den Fahrrädern querfeldein unterwegs, sind an den Halden vorbeigefahren." So habe die Auseinandersetzung mit dem Mansfelder Land begonnen.

Ein Mann sitzt im Freien auf einem Stuhl
Daniel Herrmann leitet das Werkleitz-Festival Bildrechte: MDR/Anne Sailer

Herrmann lernte neben dem Land auch die Leute kennen und schätzen. Er sah den Landkreis mit der so genannten "roten Laterne", dem wenigen Geld und der Arbeitslosigkeit plötzlich mit anderen Augen. In einer Großstadt Kunst zu machen sei einfach, dachte er sich, aber hierher zu gehen und gemeinsam mit den Leuten zu arbeiten, die eine ganz andere Erwartungshaltung haben, das schien ihm reizvoll.

Künstler ziehen in ein Haus voller Nippes

So lernte Herrmann auch Kurt Quiel kennen, den Pensionsbesitzer, dem er von seinem Projekt erzählte. Kurt Quiel gefiel die Idee und sagte ihm zu: "Egal was ihr macht, wir unterstützen euch." Und so wurde das Haus Molmecker Straße 82 in Hettstedt also nicht für Parkflächen abgerissen, sondern Künstlerinnen und Künstler zogen in das einst liebevoll von einem Ehepaar mit Nippes vollgestellte Haus ein.

bunte Wand mit Regalen
Das Haus in der Molmecker Straße ist mit allerlei kitschigen Gegenständen dekoriert – die während des Werkleitz-Festivals Bestandsschutz erhielten Bildrechte: MDR/Anne Sailer

Werkleitz-Direktor Herrmann bestand darauf, dass im Haus alles so bleiben solle. Kunstwerke sollten nicht über, sondern mit den Menschen entstehen. Und so entstanden neben Kunst auch Freundschaften, angefangen mit Nachbarschaftstreffen im "Alten König". Es wurde geschaut, wo  man sich ergänzen könne und wo zusammen arbeiten, sagt Herrmann und führt fort: "Das war mein großes Ziel: Hier nicht irgendeine Künstlerresidenz zu schaffen, zu der ich dann die Nachbarschaft einlade und allen erkläre worum es geht – um mich danach auch noch an den Grill zu stellen und Würstchen zu braten."

Werkleitz
Kurt Quiel aus dem Mansfelder Land zählt zu den Unterstützern des Kunstfestivals Bildrechte: MDR/Anne Sailer

Stadt trifft auf Land und Kunst auf Handwerk

Mit jeder Hand, die die Künstlerinnen und Künstler anlegten, fand sich also eine andere der Anwohnerinnen und Anwohner. Gemeinsam wurde eine Kinoleinwand installiert, wurden Sitzbänke geschreinert und mit jedem Tag wuchsen die Zugereisten mit den Einheimischen mehr zusammen. Stadt traf auf Land. Verschiedene Künstlerleben auf Montagearbeiter, Arbeitslose und Menschen vom Land, geprägt von der großen Bergbaugeschichte der Region. 

Plötzlich sagte einer: Zum nächsten Treffen bringe ich die Bratwürste mit und grille sie auch, da wusste ich: Das ist der Beginn einer großen Freundschaft.

Daniel Herrmann, Werkleitz-Direktor

Kunst mit Anspruch, die verstanden werden will

Gefällig sind die entstandenen Kunstwerke aber keineswegs. Ein Beispiel: Die Künstlerin Juliane Henrich ging auf Exkursion, die berühmten Mansfelder Schlackehalden weckten ihr Interesse. Diese ragen wie ägyptische Pyramiden in die Luft und sind teilweise schon denkmalgeschützt.

Henrich stellte sich die Frage: Ist Schlacke als Rückstand der Kupferverhüttung vergleichbar mit den zunächst "nutzlosen" Daten, die beim Surfen im Netz auf Servern hinterlassen werden? Daten und Schlacke haben ihren Wert, sie werden gehandelt – wenn nicht jetzt, dann in einer nicht bestimmbaren Zukunft.

Eine Frau schaut in die Kamera
Juliane Henrich ist eine der Künstlerinnen Bildrechte: MDR/Anne Sailer

Das Nachdenken über die Anhäufung digitaler Daten sowie über Kupfer als Rohstoff der Verkabelung führt in die private Kammer eines fiktiven Users, der von Daten beeinflusst ist und zugleich neue Spuren zur Verwertung produziert. Die Künstlerin suchte neben Analogien von "Bergbau und Data Mining" auch nach Zusammenhängen zwischen revolutionären Ideen im Netz und menschenverachtenden Verschwörungstheorien. Ihre Arbeit, der Film "Welt als Draht", ist in dem ehemaligen Hühnerstall im Künstlerquartier zu sehen.

Was in diesem Jahr beim Werkleitz-Festival zu erwarten ist

Mit "Mehr oder Weniger" setzt Werkleitz nach dem erfolgreichen Festival 2020 mit dem Titel "Unter uns" sein Engagement im Mansfelder Land fort. Zum Programm gehört unter anderem der Filmabend "Nichts ist von Dauer" am Freitag mit den Gästen Sophie Hilbert und Egon Bunne, deren Kurzfilme "Strahlend grüne Wiese" (2021) und "Alles wandelt sich" (1990) gezeigt werden.

Auch das Filmprogramm "Fragt die Steine" am Samstagabend schließt eine Gesprächsrunde ein: Zu Gast sind Constanze Wolpers und Jonas Eisenschmidt, die zwei der insgesamt fünf Filme des Abends gedreht haben. Außerdem sind bis Sonntag mehrere Spaziergänge und ein Rundgang durch die Ausstellung geplant. Der Eintritt für alle Veranstaltungen ist frei, für die Spaziergänge wird um Anmeldung gebeten.

Ein beleuchtetes Haus bei Nacht
Die Molmecker Straße 82 in Hettstedt ist jetzt das Domizil der Kunst. Bildrechte: Daniel Herrmann

Das Festival Werkleitz Festival 2022: "Mehr oder Weniger"

15. bis 18. September 2022
im Mansfelder Land

Künstlerinnen und Künstler:
Viktor Brim, Felicitas Fäßler, Falk Haberkorn, Juliane Henrich, Sven Johne und Gregor Müller

Mit Kunst, Ausstellung, Filmen, geführten Spaziergängen in die Hettstedter Nachbarschaft, moderierten Gespräche mit Filmgästen, Gesprächen mit Künstlerinnen und Künstlern

Redaktionelle Bearbeitung: op, Hendrik Kirchhof

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. September 2022 | 07:10 Uhr

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