Museum für Sächsische Volkskunst Direktor des Dresdner "Weihnachtsmuseums" geht in den Ruhestand

Das Museum für Sächsische Volkskunst im Dresdner Jägerhof ist für Viele das "Weihnachtsmuseum" schlechthin. Das ganze Jahr über werden dort Holzspielzeuge aus dem Erzgebirge, Krippen, kunstvoll bemalte Schränke und eine Puppentheatersammlung gezeigt. Museumsdirektor Igor Jenzen hielt das Haus mit vielen Sonderausstellungen lebendig. Zudem war er maßgeblich an der Entwicklung der Datenbank "Daphne" zur Erfassung der Bestände aller Museen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden beteiligt. Nach 17 Jahren verabschiedet sich Jenzen nun in den Ruhestand.

Igor A. Jenzen 5 min
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Der Direktor des Museums für Sächsische Volkskunst geht: Igor Jenzen hat sich während seiner Amtszeit besonders mit den Traditionen des Erzgebirges beschäftigt – und damit provoziert. Birgit Fritz berichtet.

MDR KULTUR - Das Radio Di 21.12.2021 14:00Uhr 04:31 min

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Was macht man, wenn man die Leitung eines Museums übertragen bekommt von dem die Besucherinnen und Besucher erwarten, dass sich möglichst wenig ändert? "Ich kam hierher und die Aufgabe war tatsächlich, das stimmt vollkommen, das Haus zu modernisieren, aber nicht zu verändern", so Museumsdirektor Igor Jenzen. "Das habe ich begriffen und wir haben darauf geachtet, dass wir die Inhalte, die ja vorher auch schon immer gut waren, den neuen Sehgewohnheiten der nächsten Generation angepasst haben."

Jägerhof, Museum für Sächsische Volkskunst in Dresden
Das Museum für Sächsische Volkskunst im Dresdner Jägerhof. Bildrechte: imago/Torsten Becker

Ein Museum für Kunst der "kleinen Leute"

Der in Frankfurt am Main geborene Kunstwissenschaftler Igor Jenzen kam 1993 nach Dresden, war zunächst im Museum für Kunstgewerbe in Pillnitz tätig, bevor ihn sein Amtsvorgänger vor 17 Jahren an das Museum für Sächsische Volkskunst holte. Das basiert seit seiner Gründung Ende des 19. Jahrhunderts auf dem Konzept von Oskar Seyffert, der ursprünglichen unverbildeten Kunst der kleinen Leute öffentlich Wertschätzung zu schenken und diese Werke auf unverwechselbare Weise in einem Museum zu inszenieren – nicht nur zum Schauen, sondern auch als Vorbildsammlung für die kriselnde Holzspielzeugindustrie, vor allem des Erzgebirges.

Weihnachtsausstellung im Jägerhof. Figuren von Fredo Kunze.
Traditionelle Figuren von Fredo Kunze im "Weihnachtsmuseum" Bildrechte: imago/Sven Ellger

Igor Jenzen hat diese Artefakte vor der Haustür neu beforscht, arrangiert und das Museum weit geöffnet für die Bastler und Gestalter unserer Tage: Volkskunst als Lizenz zum Selbermachen nennt er das Konzept. "Wenn wir das hier ausstellen, gibt es dafür auch eine Öffentlichkeit. Auf diese Weise lernen wir auch Persönlichkeiten kennen, die wahnsinnig spannend sind. Also Leute, die selber machen und ihre eigenen Wege finden, sind meistens auch Leute, die im Leben interessant sind."

Igor A. Jenzen 9 min
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Provokante These

Mit den Gepflogenheiten und der Kunst des Erzgebirges hat sich Jenzen besonders beschäftigt und für seine Einsichten nicht nur Begeisterung geerntet. Manche halten es schlichtweg für eine Provokation, wenn er das innig gepflegte Weihnachtsbrauchtum, vor allem den Lichterglanz der Schwibbögen – nicht ausschließlich, aber auch – als eine Adaption höfischer Repräsentationskunst erklärt. Sein Beispiel: die etwa 1400 Bergleute, die im Plaunschen Grund anlässlich des Planetenfestes 1719 vor einer reich illuminierten Bergwerkskulisse auftraten und – um ungewöhnliche Erlebnisse reicher – ihren Heimweg ins Gebirge antraten.

"Also die Verbindung oder das Verhältnis der Bergleute zu den Bergherren war ein inniges. Man ist in der DDR-Zeit immer davon ausgegangen, dass die Bergleute immer die Faust in der Tasche hatten, wenn sie diese Pracht gesehen haben. Aber sie gehörten ja selber mit zum System. Man muss sich klarmachen, dass nicht ein einzelner Bergmann so etwas erfindet, sondern es ist ein System, eine kulturelle Akkulturation sagt man, also eine Aneignung von Motiven, die dann eben tatsächlich zur bergmännischen Weihnacht geführt haben und die auch noch heute gelten, wo es den Bergbau gar nicht mehr gibt."

Neuer Ausstellungsort für Puppentheatersammlung

Igor Jenzen hat nicht nur Kunstgeschichte und Ethnologie studiert, sondern auch eine praktische Ausbildung zum Holz- und Metallrestaurator absolviert. Deshalb wurmt es ihn doch ein bisschen, dass er, der Möbelmensch, die Ausstellung zum Möbelbau in der vorindustriellen Zeit nicht mehr realisieren konnte, wo sein Haus doch voller Truhen und Schränke ist.

Dafür ist es gelungen, für die bedeutende, aber gänzlich unzureichend untergebrachte Puppentheatersammlung im Kraftwerk Mitte ein neues Domizil zu finden. Dort sind schon Staatsoperette und das Theater Junge Generation mit der Sparte Puppentheater beheimatet. "Wir warten drauf, dass das Gebäude in dem wir geplant sind, fertiggestellt wird. Das wird baulich jetzt erstmal renoviert und ertüchtigt. Im nächsten Jahr wird es, wenn alles gut geht, eine Übergabe dieser Räumlichkeiten geben und im übernächsten können wir dann dort das Museum eröffnen. Da sind wir mächtig froh drum."

500 Jahre mechanische Figurenautomaten

Eines seiner Lieblingsexponate wird im nächsten Jahr außerhalb des Jägerhofs einen großen Auftritt haben – in der Ausstellung "Schlüssel zum Leben. 500 Jahre mechanische Figurenautomaten". Es ist die "Geschichte vom verlorenen Sohn", erzählt und gebaut von dem Multitalent Elias Augst im 19. Jahrhundert in der Nähe von Bautzen. "Die ist mein absolutes Lieblingsstück, weil sich da alles vereint, was auch ich liebe: nämlich Mechanik, künstlerische Darstellung, Dramaturgie, ja und Schnitzkunst – alles was man braucht. Das ist wunderbar."
Privat sammelt der scheidende Museumsdirektor natürlich auch. Aber weder Spielzeug noch Möbel, weder etwas aus dem Erzgebirge, noch aus der Lausitz. Er sammelt Schlagzeuge. Wer Jenzens Nachfolge übernimmt ist noch unklar.

Ausstellung: "Von Spinnen Engeln und dem Licht der Welt"
Die eigentlich für die Weihnachtszeit und den Jahreswechsel geplante Sonderausstellung "Von Spinnen, Engeln und dem Licht der Welt" wird später zu sehen sein, wenn die Museen wieder öffnen dürfen. Bildrechte: Karsten Jahnke/SKD

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Dezember 2021 | 17:10 Uhr

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