Streit um den Unesco-Titel Verliert der Naumburger Dom seinen Welterbe-Status?

Blick in den Altarraum im Dom zu Naumburg mit Marienaltar
Der neue Marienaltar, der vom Leipziger Künstler Michael Triegel vervollständigt wurde, gefährdet den Weltkulturerbe-Status des Naumburger Doms. Bildrechte: Falko Matte

Dem Naumburger Dom könnte die Aberkennung des Unesco-Weltkulturerbe-Titels drohen. Grund ist der am vergangenen Samstag im Westchor des Doms wiedererrichtete Marienaltar. Die Aufstellung hat nach Einschätzung der Unesco "eine beträchtliche Auswirkung auf die wesentlichen Merkmale des Welterbes Naumburger Dom", wie die Staatskanzlei am Donnerstag mitteilte. Sie berief sich dabei auf eine von der Unesco verfasste Stellungnahme, die sie und das Landesministerium für Kultur am 1. Juli erreicht habe.

Gesamtblick auf Stifterfiguren beeinträchtigt?

Der Marienaltar stammt von Lucas Cranach dem Älteren, 1541 war dessen Mittelteil zerstört und nun vom Leipziger Maler Michael Triegel mit einem neuen Gemälde ergänzt worden. Wiederaufgestellt worden war der Altar im Westchor des Domes, wo er nach Meinung der Unesco nun den Gesamtblick auf die berühmten zwölf Stifterfiguren des Doms aus dem 13. Jahrhundert, darunter Uta von Naumburg, beeinträchtigt. Die besondere Bedeutung der Figuren im Westchor hatten dem Naumburger Dom 2018 zum Welterbe-Titel verholfen.

Marienaltar im Dom zu Naumburg in Nahaufnahme
Die Rückseite des Marienaltars, der aus Sicht der Unesco den Blick auf die Stifterfiguren und den Gesamteindruck beeinträchtigt Bildrechte: Falko Matte

Evangelische Kirche äußert Unverständnis

Die Drohung, dem Naumburger Dom den Unesco-Weltkulturerbe-Status zu entziehen, stößt in der evangelischen Kirche auf Unverständnis. Hier habe der Denkmalschutz den Tourismus, aber nicht die lebendige Kirchengemeinde im Blick, sagte der Regionalbischof des Propstsprengels Halle-Wittenberg, Johann Schneider, am Freitag. Zudem würde die Debatte nur auf Grundlage eines Votums des Internationalen Rates für Denkmalpflege (Icomos) geführt, dem noch nicht einmal ein Beschluss der Unesco-Kommission vorausgegangen sei.

Icomos-Empfehlung: Anderen Ort für Altar finden

Der Internationale Rat für Denkmalpflege (Icomos), der die Welterbeverträglichkeit von Maßnahmen in Weltkulturerbe-Stätten für die Unesco prüft, empfiehlt daher laut Staatskanzlei, eine andere Lösung zu suchen, also einen alternativen Aufstellungsort. Dafür ist die Stiftung "Vereinigte Domstifter" zuständig, die Eigentümer des Naumburger Doms ist.

Aus der Staatskanzlei hieß es dazu: "Es ist darauf zu setzen, dass die Vereinigten Domstifter den Hinweisen von Icomos International Rechnung tragen und damit die Wahrung des Status als Unesco-Weltkulturerbe in den Mittelpunkt ihrer Entscheidungen stellen."

Ostchor statt Westchor?

Die deutsche Icomos-Monitoring-Gruppe Deutsches Nationalkomitee erklärte auf Anfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur KNA: "Unsere Empfehlung für den Altar war, das Retabel im Ostchor aufzustellen, da wir es im Westchor als äußerst hinderlich für die Wirkung und Wahrnehmung des Zusammenhangs von Architektur, Bildhauerei und Glasfensterkunst ansehen." Ein Sprecher ergänzte:

Dass die Aufstellung im Westchor liturgisch begründet sein soll, wie dies von den Vereinigten Domstiftern vorgetragen wurde, und eine rechtliche Privilegierung gegenüber dem Denkmalschutz bedeuten würde, können wir nicht recht nachvollziehen.

Sprecher des Rates für Denkmalpflege (ICOMOS)

Laut den "Vereinigten Domstiftern" bleibt der Altar zunächst nur bis 4. Dezember 2022 im Westchor des Doms, um die denkmalschutzrechtlichen Fragen zu klären. Die Domstifter räumten "unterschiedliche Auffassungen" zwischen Icomos und ihrer Ansicht zur Aufstellung ein, wollten sich jedoch auf Anfrage im laufenden Prozess nicht näher dazu äußern.

Robra kritisiert Vereinigte Domstifter

Der für Kultur zuständige Staatsminister Sachsen-Anhalts, Rainer Robra (CDU), hat Kritik an den "Vereinigten Domstiftern" geübt. Robra sagte laut einer Mitteilung, die MDR SACHSEN-ANHALT vorliegt, er hätte sich gewünscht, dass die Domstifter ihre Entscheidung nicht ohne Kenntnis einer Stellungnahme des Internationalen Rates für Denkmalpflege Icomos treffen. Das sei seitens des Landes gegenüber den Vereinigten Domstiftern im Vorfeld mehrfach deutlich gemacht worden: "Ich hoffe, dass die eingetretene Situation zu heilen ist."

Personengruppe vor dem Marienaltar im Dom zu Naumburg
Der Altar wurde erst am 2. Juli im Naumburger Dom wiedererrichtet in Anwesenheit von Holger Kunde, Stiftsdirektor der Vereinigten Domstifter zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatstifts in Zeitz und des Künstlers, Michael Triegel. (v.l.n.r.) Bildrechte: Falko Matte

Beispiel "Waldschlößchenbrücke" in Dresden

Dem Dresdner Elbtal hatte die Unesco 2009 nach fünf Jahren den Weltkulturerbe-Status aberkannt, nachdem die Stadt eine vierspurige Elbquerung, die Waldschlößchenbrücke, mitten durch das Tal gebaut hatte und damit nach Unesco-Auffassung die erhaltenswerte Kulturlandschaft zerstörte. Zu diesem äußersten Mittel, der Aberkennung des Welterbestatus, griff das Welterbekomitee bisher erst zweimal. 

Weltweit gibt es mehr als 1.000 Welterbestätten, 46 davon liegen in Deutschland. Dazu zählen beispielsweise der Aachener Dom, die Würzburger Residenz oder das Wattenmeer. Der Welterbe-Titel verpflichtet zum Erhalt der Stätten für künftige Generationen. Welterbe zu sein, gilt als prestigeträchtig, garantiert aber nicht automatisch einen touristischen Boom. 

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Juli 2022 | 16:30 Uhr