Eröffnung "Vorder-Mittel-Hintergrund": Neue Ausstellung in der Neo-Rauch-Grafikstiftung

Seit 2012 gibt es in der Grafikstiftung Neo Rauch Jahr für Jahr eine Ausstellung, die in unterschiedlichen Konstellationen um das Werk des Künstlers kreist. Vergangenes Jahr standen die frühen Arbeiten auf Papier im Zentrum. Zu der neuen Schau mit dem Titel "Vorder-Mittel-Hintergrund" hat er nun zwei Kollegen aus Leipzig eingeladen, um gemeinsam mit ihm auszustellen. Zur Eröffnung unter Pandemiebedingungen war auch MDR KULTUR-Kunstkritiker Andreas Höll in Aschersleben dabei.

MDR KULTUR: Diese ist mittlerweile die zehnte Jahresausstellung der Grafikstiftung. Wen präsentiert denn Neo Rauch dieses Mal?

Der eine Künstler, den Neo Rauch ausgewählt hat für die Schau, ist der Leipziger Maler Hartwig Ebersbach. Der wurde 1940 geboren und ist somit genau 20 Jahre älter als Neo Rauch. Bemerkenswert ist, dass Hartwig Ebersbach auch mit Neo Rauchs Vater studiert hat, an der Leipziger Kunsthochschule. Hanno Rauch kam ja 1960 bei einem Zugunfall ums Leben, zusammen mit seiner Frau, kurz nach der Geburt des Sohns. So wurde Neo zum Vollwaisen und er ist dann bei seiner Großmutter in Aschersleben aufgewachsen. Später dann, in den 80er-Jahren, kam er an die Leipziger Kunsthochschule. Dort traf er dann zufällig auf Hartwig Ebersbach – und zwar im Grafikkeller der Akademie.

Ich mag an Hartwig Ebersbach das gänzlich Andere des Zugriffs auf die Maler und nun auch auf das Papier.

Neo Rauch, Künstler

Neo Rauch erinnert sich lebhaft an diese Begegnung: "Ich erkannte ihn sofort. Von den Fotos her, die mir aus dem Bestand meiner Eltern vertraut waren, habe ich ihn sofort identifiziert und habe ihn gefragt: 'Bist du Hartwig Ebersbach?' Er sagte 'Ja' und verschwand." Der Künstler lacht. "Er war irgendwie schockiert. Aber das ist ja nur eine Episode." Die beiden hätten sich dann sehr bald wieder aufeinander zu bewegt und in freundschaftlicher Verbindung ineinander verkeilt. "Ich mag an ihm das gänzlich Andere des Zugriffs auf die Malerei und nun auch auf das Papier.

Der über 80-jährige Hartwig Ebersbach ist ja bekannt für seine expressiven Bilder. Darin sieht man seine Lust am Fabulieren und am Experimentieren. Offensichtlich liebt er das virtuose Wechselspiel von Abstraktion und Gegenständlichkeit. Das zeigt sich auch beim dem neuen Zyklus aus Aquarellen, die er eigens für die Schau in Aschersleben geschaffen hat. Da sieht man diese flirrende Leichtigkeit, die so ganz anders wirkt als die melancholischen Bildwelten von Neo Rauch. Es ist ein jugendlicher Furor, der sich da austobt. Nicht zuletzt spiegelt der sich in der Präsentation; darin, dass er die Blätter einfach an die Wand gepinnt und übers Eck gehängt hat. Unterdessen ist das für ihn auch ein Wettkampf mit den jüngeren Kollegen, wie Ebersbach mit einem Lächeln sagt:

Hartwig Ebersbach
Künstler Hartwig Ebersbach Bildrechte: MDR/Andreas Höll

"Mir macht es ja immer Spaß, auch mit jungen Leuten zu konkurrieren und zu zeigen, dass ich noch da bin und dass ich noch mithalten kann und überraschen kann. Und scheinbar gelingt mir das immer noch. Also das macht einfach Spaß." So müsse es auch mit seinem Kollegen Neo Rauch funktioniert haben, denn man schaue sich noch immer gegenseitig auf die Finger, man schaue, was der andere mache, sei nach wie vor neugierig aufeinander. Das sei schön, findet Hartwig Ebersbach.

Der dritte Künstler, der in Aschersleben gezeigt wird, ist der 1980 geborene Schweizer Stefan Guggisberg. Warum hat denn Neo Rauch diesen jungen Maler und Zeichner eingeladen?

Stefan Guggisberg war Meisterschüler von Neo Rauch. Das war ziemlich ungewöhnlich, denn zuvor hatte Stefan Guggisberg Fotografie studiert. Und dann wollte er plötzlich das Fach wechseln und bei Neo Rauch Malerei studieren. Das hat Neo Rauch seinerzeit durchaus verblüfft. "Das war ein Sonderfall. Das gab es nicht. Das Gegenteil war üblich. Die Maler ließen reihenweise die Pinsel fallen und desertierten in die elektronischen Kabinette hinein. Das brachte einen höheren Coolness-Faktor mit sich. Und das hat mir sofort imponiert." Er sei aus der Fachklasse der Fotografie bei Timm Rautert heraus gekommen und habe an seine Tür geklopft, berichtet Neo Rauch weiter. "Ich wollte es erst gar nicht glauben." So seien sie Lehrer und Schüler füreinander geworden.

Und aus der ursprünglichen Lehrer-Schüler-Beziehung ist in den letzten Jahren eine Künstlerfreundschaft entstanden. Und ähnlich wie bei Hartwig Ebersbach lebt auch diese Freundschaft davon, dass Stefan Guggisberg radikal anders arbeitet als Neo Rauch und dabei auch ganz andere Handwerkstechniken ausprobiert, somit neue Wege geht.

Mit welchen Techniken experimentiert denn der junge Schweizer Künstler?

Zum einen trägt Stefan Guggisberg Ölfarbe mit dem Pinsel auf Papierbögen auf, radiert die dann aber mit einem Radiergummi wieder weg. Mit dieser ganz eigenen Technik, bei der auch Radiermaschinen aus den 1960er-Jahren zum Einsatz kommen, entstehen dann filigrane Gemälde, die mitunter an urzeitliche Gesteinsformationen oder eigenartige Mikrorganismen erinnern. Auf der anderen Seite hat Stefan Guggisberg auch damit begonnen, digitale Technik zu nutzen und mit dem iPad großformatige Zeichnungen anzufertigen, die er dann auf Papier ausdruckt. Von weitem sehen diese Zeichnungen aus wie verschwommene Schwarz-Weiß-Fotografien, poetische Arbeiten, die mit dem Reiz von Fokussierung und Unschärfe spielen. Jedoch hat der Künstler keine Kamera verwendet, sondern jede Figur und jedes Detail mit der Hand gezeichnet, mit dem digitalen Stift, der auch zum Pinsel und zur Air-Brush-Pistole werden kann. So wird das iPad zur Leinwand. Und dieser Prozess eröffnet zugleich für den Künstler eine ganz eigene Raumerfahrung beim Arbeiten. Stefan Guggisberg hat das erlebt: "Das iPad hat 13 Zoll. Die Bilder hier sind 1.50m breit, 2.25m hoch, also ein Vielfaches größer. Das heißt, man arbeitet im Kleinformat, denkt aber großformatig." Dass das funktioniert, erstaune ihn selbst, bemerkt der Schweizer Künstler.

Zum Abschluss noch die Frage: Welche neuen Arbeiten sind denn in dieser Schau von Neo Rauch selbst zu sehen?

Das ist wieder eine große Bandbreite von Arbeiten auf Papier, wie sich das für eine Grafikstiftung gehört. Da gibt es großformatige Gemälde, aber auch hinreißende, farbintensive Skizzen mit dem Leuchtstift, die der Künstler selbst als "Beifang" bezeichnet, wenn er in Malpausen zum Stift greift. Des Weiteren sind Grafiken zu sehen. Dabei springt ein Motiv ins Auge, das in mehreren Arbeiten auftaucht: Ein brennender Besen, mit dem der Boden gereinigt wird. Inspiriert wurde Neo Rauch zu diesem symbolträchtigen Bild in der eigenen Werkstatt, wie er verrät.

Der Besen habe plötzlich in der Ecke seines Ateliers gestanden und zur Hand genommen werden wollen, um bestimmte Verunreinigungen hinaus zu kehren. "Das ist eine Metapher für den Versuch, das Vorfeld des Tempels, als den ich ja das Atelier deklariere, zu reinigen, auszukehren."

Das Interview für MDR KULTUR führte Carsten Tesch.

Informationen zur Ausstellung

Die Ausstellung "Vorder-Mittel-Hintergrund" ist noch bis März 2022 in der Grafikstiftung Neo Rauch in Aschersleben zu sehen.

Wilhelmstraße 21-23,
06449 Aschersleben

Beteiligte Künstler: Hartwig Ebersbach, Stefan Guggisberg, Neo Rauch

Öffnungszeiten:
Mittwoch – Sonntag, 11 – 17 Uhr

Eine Anmeldung für einen Besuch in Pandemiezeiten ist über die Internetseite möglich.

Mehr Kultur in Sachsen-Anhalt

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 31. Mai 2021 | 08:10 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR

Abonnieren