Weltweite Ausstellungen Ausstellungen von London bis Australien: Wie zwei Künstler ihren Traum einer Welttournee wahr machten

Die Künstlerfreunde Moritz Götze und Rüdiger Giebler haben beschlossen, ihre Kunst weltweit zu zeigen und tatsächlich in sieben Jahren von New York über Indien bis in Neuseeland ausgestellt. Den Abschluss ihrer Welttour haben sie ausgerechnet in dem kleinen Ort Pobles bei Weißenfels im Süden von Sachsen-Anhalt zelebriert – und dabei ganz nebenbei eine eigentlich dem Untergang geweihte Kirche zur lebendigen Ausstellungsplattform gemacht.

Ein Wandbild mit zwei Personen, davor sind Blätter eines Baumes zu sehen
Blick an die Ausstellungswand in der Kirche von Poblis Bildrechte: MDR/Theo M. Lies

Wer im 18. Jahrhundert etwas auf sich hielt – und auch die nötigen Taler in der Tasche hatte – den zog es zur großen, mehrmonatigen Bildungsreise, zur Grand Tour durch Europa. Und genau auf eine solche Reise sind die beiden halleschen Künstler Moritz Götze und Rüdiger Giebler vor sieben Jahren aufgebrochen, um auf der ganzen Welt ihre Werke zu zeigen.

Zum Finale haben sie das Örtchen Pobles bei Lützen ausgesucht. Dort, in einer Kirchenruine in tiefster mitteldeutscher Provinz, endet an diesem Wochenende die Welttournee. Und dort liegt auch das legendäre Kaisersaschern aus dem Thomas Mann Roman "Dr. Faustus".

Inspiration durch Superband Chicago

Die Fantasie von Moritz Götze haben schon früh der pure Rhythmus und die pulsierende Spannung der späteren Superband Chicago inspiriert. Dabei war es nicht nur der Klang, der Sound, der den jungen Moritz beflügelte, der von sich sagt: "Ich komm ja auch aus der Musik – aber da war ich erfolglos!" So eine Tournee, das wär schon was, erinnert sich der Künstler an diese Teenagerträume. So wie bei einem Dreifach-Live-Album von Chicago, auf dessen Cover in einer schier endlosen Reihe Auftrittsorte eines Konzertjahres rund um den Globus aufgelistet wurden.

Ausstellungen von New York bis Neuseeland

Geträumt, getan: Der Katalog zur eigenen Grand Tour kommt immerhin auf 30 Stationen, rund um den Globus, die in den letzten sieben Jahren von den Malerfreunden Götze und Giebler angesteuert wurden. Im Gepäck haben sie Emaillearbeiten, Grafiken, Ölbilder, alles, was auch ohne aufwändigen Kunsttransport ins Handgepäck fürs Flugzeug passt.

Thomas Mann über Kaisersaschern in "Dr. Faustus

"Was meine Vaterstadt an der Saale betrifft, so sei dem Ausländer bedeutet, dass sie etwas südlich von Halle, gegen das Thüringsche hin, gelegen ist […] Weder Halle, die Händel-Stadt, noch Leipzig, die Stadt des Thomaner-Kantors, noch Weimar oder selbst Dessau und Magdeburg sind also fern; aber Kaisersaschern, ein Bahnknotenpunkt, ist mit seinen 27.000 Einwohnern durchaus sich selbst genug und fühlt sich, wie jede deutsche Stadt, als ein Kulturzentrum von geschichtlicher Eigenwürde."

Künstler vor einem Wandgemälde
Der Künstler Moritz Götze aus Halle reiste mit seinem Kollegen um die Welt Bildrechte: MDR/Theo M. Lies

Zusammengekommen sind da immerhin Ausstellungen von New York bis Trentham (Australien), von Wellington (Neuseeland) nach Taramgambadi (Indien), von London bis eben ...Pobles bei Lützen. In diesem Örtchen war einst der Großvater von Nietzsche als Pastor zu Hause, den Klein-Friedrich häufig und gern besuchte. Allerdings stehen von der barocken Kirche nur noch die Außenwände und der Glockenturm.

Blick in ein offenes Gebäude ohne Dach, vier Mauern, darin mehrere Bäume
Im Inneren des übriggebliebenen Kirchenraumes sind mittlerweile stattliche Bäume gewachsen. Bildrechte: MDR/Theo M. Lies

Wiederaufbau der Kirche als Kunstraum mit Bäumen

Als Götze Anfang der 90er-Jahre den Ort Pobles für sich entdeckt, ist das Gotteshaus schon aufgegeben, aber es gab zumindest noch ein Dach. "Jetzt aber mussten wir uns erst einmal mit der Kettensäge durch diesen Dschungel kämpfen", beschreibt der Künstler die Situation 2020. Da liegt schon die Idee in der Luft, hier die Grand Tour enden zu lassen. 

Vor reichlich einem Jahr wird deshalb der Kunstverein Kaisersaschern gegründet, der nun auch Eigentümer der Ruine in Pobles ist. Viel hat sich seitdem getan, das Areal ist nun begehbar, das Kircheninnere ist geräumt – beziehungsweise fast geräumt, denn auf drei, vier Bäume wollen die Ausstellungsmacher vorerst nicht verzichten. Weiße hohe Stellwände bieten nun genug Platz für die gut drei Dutzend Werke der beiden Künstlerfreunde.

Ausstellungskirche in Pobles von oben.
Die Kirche von Pobles vermittelt den romantischen Charme eine Ruine – und wird dennoch mittlerweile von Kunst belebt Bildrechte: MDR/Theo M. Lies

Ausstellung der Kontraste

Die eine Seite bedecken die feinen, farbigen Emaillearbeiten von Moritz Götze. Die setzen sich oft mit historischen Themen und Persönlichkeiten auseinander. Mit Hölderlin und Wilhelm IV., mit dem Flottengrab von Scapa Flow und Adam und Eva.

Welch ein Kontrast zur gegenüberliegenden Wand. Dort hat die grobe Gestaltenwelt von Rüdiger Giebler Bleiberecht. Mal erdigbraun, mal quitschbunt. Die beiden kennen sich einige Jahrzehnte, haben schon einige gemeinsame Projekte verwirklicht und so ist Rüdiger Giebler auch mit dabei, die eigene Kunst in all den fernen Orten wirken zu lassen.

Wandbild
Einige der Kunstwerke von Moritz Götze Bildrechte: MDR/Theo M. Lies

Welttournee aus Trotz

Dass es überhaupt zu einer solchen Welttournee gekommen ist, ist eher einer Trotzreaktion geschuldet. Dabei spielt die Brüsseler Landesvertretung Sachsen-Anhalts eine besondere Rolle. Dort stellten die Künstlerfreunde bereits 1994 aus. "Es ist die Zeit der Neugier auf das Neue im Osten", beschreibt Moritz Götze die Athmosphäre jener Tage.

20 Jahre später soll eine Jubiläumsschau an dieses Ereignis erinnern. Die geht dann auch über die Bühne, allerdings mit Irrungen und Wirrungen. "Das kann ich besser!" meint Götze, bringt sein Netzwerk zum Glühen und hat tatsächlich innerhalb einer Woche drei Dutzend Ausstellungen auf vier Kontinenten auf die Beine gestellt. Zu absolvieren in den kommenden fünf Jahren. Sieben sind es dann geworden, Corona sorgt auch hier für eine Verlängerung.

Künstler vor Bildergalerie an der Wand
Rüdiger Giebler vor einigen seiner Werke Bildrechte: MDR/Theo M. Lies

Der Hauch von Nietzsche und Seume

Doch zurück nach Pobles, in die Kunstlandschaft von Kaisersaschern, was die beiden halleschen Künstler als großen Schatz begreifen. Nur einen Steinwurf entfernt wurden sowohl Friedrich Nietzsche wie auch Johann Gottfried Seume geboren, die Schlachtfelder von Lützen sind in Sichtweite, aber auch die Braunkohletagebaue des mitteldeutschen Reviers. Mit deren Verschwinden bröckelt aber auch immer ein Stück Heimat.

Solchen Verlusten kann sich ein kulturell so aufgeladener Ort wie Pobles entgegenstellen, sind die Akteure vom Kaisersaschern e.V. überzeugt. Wenn alles klappt, könnte schon im nächsten Jahr ein Flach-Dach den Kulturbau überspannen. Der erste Schritt ist getan, die Ruine ist bespielbar und erlebt mit dem Finale der Grand Tour nun seine eigene Ouvertüre.

Redaktionelle Bearbeitung: op

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