Herkunftsforschung Thüringen: Woher kommen die Objekte in unseren Museen?

Woher kommen eigentlich die Objekte in den Museen? Diese berechtigte Frage wird seit Jahren immer dringlicher gestellt. Fakt ist: Vieles davon, was in den letzten über 100 Jahren in die Sammlungen gekommen ist, kam nicht immer auf rechtmäßigem Weg dahin. Am 4. April findet die Tagung zur "Provenienzforschung in Thüringen – Chancen und Perspektiven" auf Schloss Heidecksburg in Rudolstadt statt. Der Präsident des Museumsverbands Thüringen, Thomas T. Müller, war vorab bei MDR KULTUR im Interview, um über die Herkunftsforschung von Ausstellungsobjekten zu sprechen.

Thomas T. Müller, 2020
Thüringer Museen: Thomas T. Müller, Präsident des Museumsverbands Thüringen, zur Herkunftsforschung in kleineren Museen. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Wieso hinken die kleinen Häuser beim Thema Herkunftsforschung hinterher?

Thomas T. Müller: Ja, das liegt genau daran, dass es eben die kleinen Häuser sind. Es gibt zu wenig Personal und häufig wenig Mittel. Mit dem, was tagtäglich zu tun ist, bleibt wenig Zeit, um sich solche wichtigen Aspekte der musealen Arbeit auch noch anzuschauen.

Was möchten Sie vom Museumsverband Thüringen gegen das Ressourcenproblem unternehmen?

Wir haben eine Koordinierungsstelle eingerichtet, in der wir uns besonderen Themen der Provenienzforschung widmen. Die beiden Kolleginnen, die dort seit einiger Zeit leider bislang nur befristet angestellt sind, gehen in die Museen, arbeiten mit den Kolleginnen und Kollegen, um Wege zu finden, um weiterzukommen. (...)

Wir freuen uns, dass wir mit den beiden Kolleginnen jemand haben, die auch unterwegs sein können, um möglicherweise zu helfen, Mittel einzuwerben, damit in den Museen an diesem wichtigen Thema geforscht werden kann.

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Kleine Museen haben es bei der Provenienzforschung meist schwer. Der Museumsverband Thüringen leistet Hilfe. Wie weit ist man schon gekommen? Welche Baustellen bleiben? Fragen an Präsident Thomas T. Müller.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 04.04.2022 06:00Uhr 08:29 min

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Haben Sie Beispiele von Museen, kleineren Häusern in Thüringen, die von den Auswirkungen der Provenienzforschung betroffen sein könnten?

Das ist relativ einfach. Quasi jedes Museum in Thüringen ist betroffen. Die beiden Kolleginnen haben im vergangenen Jahr eine Untersuchung gemacht und haben den Stand bei zehn Prozent der Thüringer Museen abgefragt. Dabei ist herausgekommen, dass mutmaßlich 90 Prozent aller Thüringer Museen von Aspekten von NS-Raubgut betroffen sind. Etwa 50 Prozent der Museen stehen irgendwie mit kolonialen Kontexten in Verbindung. Und nahezu 100 Prozent aller Museen haben mit unrechtmäßig entzogenem Kulturgut aus SBZ- (Anm. der Red.: SBZ = Sowjetische Besatzungszone) oder DDR-Zeit zu tun. (...)

Und selbst wenn das Museum nach 1989/90 gegründet worden ist, könnte auch dort zumindest noch der DDR-Aspekt kommen. Irgendwo müssen die Objekte ja herkommen, die sie dort ausstellen, erworben oder geschenkt bekommen haben.

Es ist natürlich auch eine Umbruchsphase für ein Museum, sich mit der Herkunft der Objeke zu beschäftigen. Wie ist das bei kleineren Museen? Gibt es Vorbehalte von Direktorinnen und Direktoren aus der Befürchtung heraus, was nach der Erforschung noch bleibt?

Nein, das würde ich so nicht sehen. Ich glaube, dass eigentlich alle Kolleginnen und Kollegen verstanden haben, wie wichtig es ist, eine Klarheit darüber zu bekommen, wo die Objekte eigentlich herkommen, die wir in den Museen haben. Dass da jemand sagen würde, ich mache das jetzt nicht, weil ich mein Zeug nicht hergeben will, das glaube ich tatsächlich nicht.

Wichtig ist aber zu sensibilisieren, welche Objekte überhaupt in Frage kommen können. Manchmal hat man das gar nicht in der täglichen Arbeit auf dem Schirm, dass ein Objekt, das jetzt erstmal gar nicht so aussieht, als wäre es aus einem dieser Kontexte, möglicherweise eben doch dort herstammt. Ein großes Beispiel sind, zumindest für die DDR-Zeit, häufig Waffen. Da gibt es also einen Sammler in der DDR, der Waffen gesammelt hat. Irgendwann kommt der Staat und fordert die Abgabe der Waffen. Und dann wird geguckt, was man eventuell über die Koko (Anm. d. Red.: Kommerzielle Koordinierung) verkaufen kann.

So eine Waffensammlung wird dann irgendwann jemandem weggenommen. Und das, was man für den Verkauf nicht gebrauchen kann, gibt man dann an ein Museum. Das ist gar nicht mal so selten der Fall. Und jetzt haben Sie also eine Waffe, die aus dem 19. Jahrhundert stammt, vielleicht sogar aus dem 18. Jahrhundert. Da kommen Sie jetzt nicht als Erstes darauf, dass das möglicherweise was mit DDR-Entzug zu tun hat. Und das ist eben auch so ein wichtiger Aspekt, noch mal zu sagen: Okay, das muss gar nicht unbedingt in der DDR-Zeit entstanden sein.

Zum Beispiel "Republikflucht", wie es damals genannt wurde: Jemand ist in den Westen gegangen, hat seine Wohnung aufgegeben, und dann geht man da rein und stellt fest, der hat ja Kunst gesammelt. Und das Ganze wird konfisziert und an ein Museum übergeben. Und heute weiß man in manchen Fällen nicht einmal, von wem das stammt. In Mühlhausen, da kann ich konkret werden, haben wir solche Beispiele, da steht dann eben "Übernommen aus Eigentum des Volkes". Und da hilft dann eben die Provenienzforschung, um nachzuschauen, wer hat es denn wann übergeben? Gibt es irgendwo anders noch Unterlagen? Und da haben wir in Deutschland den Fall, das ist ein großes Glück, das in der DDR natürlich eine anständige Bürokratie geherrscht hat. Und irgendwo werden die Provenienzforscher dann fündig.

Das heißt, wenn wir die Herkunft von Objekten aus SBZ- und DDR-Zeiten mit der Erforschung in Sachen Kolonialgeschichte oder Nationalsozialismus vergleichen, ist Letzteres besonders schwierig?

Das ist auf jeden Fall schwieriger. Aber auch da sind natürlich Unterlagen geschaffen worden. Aber koloniale Sammlungen mit kolonialem Kontext sind nicht selten, zumindest in den kleineren Museen, als Schenkung von Menschen gekommen, die dort in irgendeiner Form tätig waren.

Also beispielsweise ein Kolonialbeamter aus damals Deutsch-Südwest, heute Namibia, bringt seine private Sammlung mit, verstirbt irgendwann, und die Nachfahren sagen, das gehört eigentlich ins Museum. Wenn das Museum das annimmt, ist das natürlich kein bürokratischer Akt gewesen, höchstens dann bei der Übernahme durch das Museum, im besten Fall. Aber das ist etwas anderes, als wenn die Staatsmacht sozusagen notiert: Wir haben dem und dem das weggenommen und das ist jetzt dorthin gekommen.

Diese Tagung in Rudolstadt zur Provenienzforschung betrifft erst einmal Thüringen. Aber können auch kleinere Museen in Sachsen und Sachsen-Anhalt davon profitieren?

Unbedingt. Wir haben auch eine unglaublich gute Resonanz auf diese Tagung bekommen. Es sind Kolleginnen und Kollegen aus fast allen Bundesländern anwesend. Es gibt ja mittlerweile überall Provenienzforschung. Häufig, wie bei uns auch, bei den Museumsverbänden angesiedelt. Aber es gibt natürlich auch Häuser, auch in Thüringen, wo Provenienzforscher direkt am Museum angesiedelt sind. Beispielsweise in Weimar, Altenburg oder in Gotha. Und die Kolleginnen und Kollegen berichten häufig auch über ihre Arbeit. Also so auch bei der Tagung. Da wird es ein Beispiel geben vom Deutschen Optischen Museum, wo man in den letzten Jahren sehr intensiv an der Provenienzforschung gearbeitet hat.

Bei uns zu Gast sind eben auch die Kollegen aus Hessen, Sachsen-Anhalt, Sachsen, sogar aus Hamburg kommt jemand, um sich auszutauschen, um sich vor Ort zu vernetzen und gemeinsam daran zu arbeiten, dass wir hoffentlich irgendwann – es wird sicher noch eine Weile dauern – in den Museen nur noch Dinge haben, bei denen wir sicher sein können, dass sie niemandem weggenommen worden sind. Sondern, dass sie in einem ganz sauberen Kontext an die Museen gekommen sind. Und dann macht es uns natürlich auch viel mehr Spaß, die Sachen zu zeigen und für die Besucherinnen und Besucher vorzubereiten.

Das Interview führte Vladimir Balzer für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. April 2022 | 07:10 Uhr

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