Interview Neonazis bedrohen Zwickauer Kunstverein: "Es ist verheerend"

Die "Freunde aktueller Kunst" in Zwickau gehören zu den profiliertesten Kunstvereinen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Mit Ausstellungen zu Hans Haacke, Neo Rauch und Henrike Naumann hat er sich in den vergangenen Jahren einen Namen gemacht und ist auch überregional anerkannt. Seit Jahren wird die Galerie jedoch von Anhängern der rechten Szene bedroht. Über die rechtsextremen Störaktionen vor der Galerie spricht Klaus Fischer, Gründer und Vorsitzender der "Freunde aktueller Kunst", im Interview.

Klaus Fischer, Vorsitzender der «Freunde Aktueller Kunst», steht in der neuen Galerie in der Zwickauer Hauptstraße 6 min
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MDR KULTUR: Aktuell läuft bei Ihnen die Schau "Fast noch Zeit" des renommierten Fotografen Thomas Florschuetz. Vor rund zehn Tagen gab es die Vernissage, auf der es zu Bedrohungen kam. Was ist konkret passiert?

Klaus Fischer: Es gab mal wieder eine Bedrohung. Wir bekommen eigentlich seit Kurzem regelmäßig zwei Mal in der Woche, montags und freitags, Besuch. Ganz verlässlich, wenn wir Ausstellungen eröffnen, so wie am vorletzten Freitag mit Thomas Florschuetz. Pünktlich um halb sieben tauchten einige Leute auf, die dem rechten Spektrum Zwickaus zuzurechnen sind und beglückten uns mit ihrer Anwesenheit – dadurch, dass sie lautstark rumkrakelen, ihre rechtsradikalen Slogans von sich geben, mit Transparenten rumlaufen und sich auch wirklich ganz nah an unsere Scheiben heranwagen und durchfilmen, fotografieren. Jetzt kam eben sehr schnell die Polizei und hat sie vertrieben.

Bei der Pipilotti Rist-Eröffnung, bei der es im Sommer ganz massiv war, haben sie mit 20 Leuten direkt vor unserem Kunstverein richtig Randale gemacht. Die wissen ganz genau, wann wir eröffnen. Sie sind da, um ihre wirklich kruden Ansichten verlauten zu lassen. Dazu gehört dann zum Beispiel, dass wir kein Geld bekommen sollten, wenn sie an der Regierung wären, dass alles gestrichen werden würde, weil wir keine völkische Kunst zeigen. Das war übrigens auch vor zwei Jahren ein Vorwurf, als wir die Leipziger Künstlerinnen gezeigt haben. Da kamen sie in einer Horde und haben laut rumgerufen: 'Dies ist eine deutsche Galerie, warum stellen die Ausländerinnen aus, das werden wir ändern!'. Ausländerinnen deshalb, weil wir die 75 Namen an die Fensterscheibe geplottet haben, und da waren auch ausländisch klingende Namen dabei. Es ist verheerend.

Klaus Fischer, Vorsitzender der «Freunde Aktueller Kunst», steht in der neuen Galerie in der Zwickauer Hauptstraße
Bei der Ausstellung "Nach dem Bild ist vor dem Bild" zeigte der Zwickauer Kunstverein Bilder von 75 Malerinnen aus Leipzig. Bildrechte: dpa

Sie sagen, die marschieren sehr regelmäßig auf, Montag und Freitag. Aber im Inneren der Galerie waren sie noch nie. Kann es sein, dass die Rechtsextremen sehr geschickt die Grenzen des Rechtsstaats austesten wollen?

Ja, die wissen ganz genau, was sie dürfen und was sie dann doch besser lassen sollten. Obwohl es auch schon Situationen gab, wo sie versucht haben, wirklich einzudringen. Zitat: 'Wir möchten jetzt rein und fotografieren!' Und in dem Fall war ich da und habe ihnen natürlich den Weg versperrt. Die Polizei war zwei Meter entfernt und hat nichts unternommen. Und das ist ein bisschen das Problem, wie sich vereinzelte Polizisten verhalten und doch auch zu einer kleinen Täter-Opfer-Umkehr kommen. Im Großen und Ganzen hat uns die Polizei jetzt durchaus auch unterstützt. Ohne das wäre die Angelegenheit womöglich eskaliert, insofern ist die Polizei wichtig. Aber rein kommen sie nicht, daran haben sie überhaupt kein Interesse. Es sei denn, sie wollen eine Veranstaltung drinnen stören. Aber das werden wir nicht zulassen, weil wir außerhalb auch Ordner postieren.

Das klingt insgesamt nach einer recht gespenstischen Drohkulisse, auch weil gefilmt und fotografiert wird. Haben Sie denn als Schutzreaktion selber schon einmal fotografiert, auch um Beweise in der Hand zu haben?

Ja, natürlich haben wir auch selbst fotografiert. Ich habe zum Beispiel bei der Eröffnung von Pipilotti Rist aus einem Abstand von zwei bis drei Metern ein 11-jähriges Mädchen fotografiert, das freudestrahlend auf mich zukam, um die Nazi-Flugblätter zu verteilen. Ich war wirklich zu schockiert und habe das fotografiert. Und während ich dann meine Eröffnungsrede hielt, kam dann die Polizei rein und meinte: 'Wir müssen Sie jetzt befragen.' Dann wollten sie das Foto sehen und abfotografieren. Es geht so weit, dass ich dann Anzeigen bekomme, weil ich Kinder fotografiere und in einem Online-Blog wird mir Pädophilie vorgeworfen. Es ist unvorstellbar, wie dumm und aggressiv zugleich Nazis vorgehen.

Klaus Fischer, Vorsitzender der «Freunde Aktueller Kunst», steht in der neuen Galerie in der Zwickauer Hauptstraße
Klaus Fischer, Vorsitzender der "Freunde Aktueller Kunst" vor der neuen Galerie in der Zwickauer Hauptstraße Bildrechte: dpa

Wie wollen Sie damit in Zukunft umgehen? Wie wollen Sie die Bedrohungslage in den Griff bekommen? Gibt es da Unterstützung aus der Stadt?

Ja, es gibt Unterstützung. Wir haben bereits Workshops für unsere Mitglieder durchgeführt, und es wird auch noch weitere Workshops dazu geben, wie man sich den Rechten gegenüber verhält. Man muss sie vermutlich, so gut es geht, links liegen lassen und ignorieren. Sie bringen sich zwar immer wieder in Erinnerung, weil sie zweimal in der Woche diesen kleinen Stadtrundgang ablaufen, um immer wieder, auch vor der Freien Presse, ihre "Botschaften" loszuwerden. Sie selbst wird man nicht los, daran muss man sich einfach gewöhnen und trotzdem muss man einfach etwas gelassen mit der ganzen Sache umgehen.

Das Interview führte Moderatorin Lydia Jakobi für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Oktober 2021 | 07:40 Uhr