Themenjahr "Neue Natur" der Klassik Stiftung Weimar Weimarer Ausstellung "Ich hasse die Natur" öffnet – und provoziert

Von Goethes Erbe bis zum Bauhaus – die Klassik Stiftung Weimar ist bislang eher als Verwalterin des Schönen bekannt. Das ändert sich mit der neuen Jahresausstellung unter dem Titel "Ich hasse die Natur": ein Zitat von Thomas Bernhard, anhand dessen im Schiller-Museum dem schwierigen Verhältnis zwischen Mensch und Natur nachgespürt werden soll. Die Ausstellung ist Teil des Weimarer Themenjahrs "Neue Natur" – und will Fragen aufwerfen, provozieren und Diskussionen anregen.

Die interakive Arena, Ideenskizze der Firma RE:SORB
"Die Arena" ist ein interaktives, mediales Erlebnis und Teil der Ausstellung "Ich hasse die Natur". Bildrechte: Klassik Stiftung Weimar

Willkommen in der Arena: ein Schauplatz der Auseinandersetzung zwischen Mensch und Natur mitten im Weimarer Schiller-Museum. Ein runder Raum, dessen Inneres komplett mit elf Beamern ausgeleuchtet wird. Über den Fußboden schwappen Meereswellen, an den Wänden ziehen Möwen ihre Kreise. Kurator Thomas Schmuck führt in die Ausstellung ein: "Wir stehen gerade in Indien, in einer Küstenlandschaft unberührt vom Menschen. Aber je mehr Menschen in diese Arena strömen, desto mehr verwandelt sich diese Landschaft in einen vom Menschen überformten Industriehafen. Bis am Ende kein Stück Natur mehr da ist."

Eindrücklich vor Augen geführt zu bekommen, dass unsere bloße Anwesenheit in einem Raum dazu führt, dass sich die Umwelt dieses Raumes verändert, das wollten wir darstellen.

Thomas Schmuck, Kurator
Porträt Thomas Schmuck
Kurator Thomas Schmuck Bildrechte: Mareike Wiemann

In der Arena läuft kein Video vom Band ab, viel mehr reagiert die Projektion sensibel darauf, wieviele Besucherinnen und Besucher im Raum sind und passt das Gezeigte an, erklärt Schmuck: "Eindrücklich vor Augen geführt zu bekommen, dass unsere bloße Anwesenheit in einem Raum dazu führt, dass sich die Umwelt dieses Raumes verändert, das wollten wir darstellen. Und wenn wir uns vorstellen, wie Schulklassen da durchwandern, die dann ausprobieren, wieviel Teilnehmer dieser Klasse dann welche Wirkung hervorbringen ... das stellen wir uns animierend vor."

Wechselwirkungen zwischen Mensch und Natur

Erinnerungen an eine Blumenwiese, Birgit Severin und Guillaume Neu-Rinaudo, 2018
Werke wie "Erinnerungen an eine Blumenwiese" von Birgit Severin und Guillaume Neu-Rinaudo zeichnen ein dunkles Zukunftsszenario. Bildrechte: Klassik Stiftung Weimar

Die Frage nach den Wechselwirkungen zwischen Mensch und Natur steht im Fokus der kompletten Ausstellung. In drei Räumen behandelt sie unterschiedliche Aspekte dieses Verhältnisses: im ersten geht es um Schönheit und Schrecken der Natur, darum, welche Macht sie über den Menschen hat. Es geht um Altern, Krankheit und um den Tod. Goethes letzte Medizinflasche ist ebenso zu sehen, wie Nietzsches Krankenstuhl. In einem Video wird die Verwesung eines Hasen im Zeitraffer dargestellt. Und auch die komplexe Ordnung der Natur wird thematisiert, die Replikation der DNA als Gesamtkunstwerk in den Fokus gestellt.

Attacke auf die persönliche Komfortzone

Im zweiten Raum dagegen kommt die Frage auf, was der Mensch der Natur antut. Etwa mit einem Kunstwerk von Swantje Güntzel: eine Art Kaugummiautomat, unten knallrot gestrichen, in dem Dutzende durchsichtige Kugeln mit Plastikspielzeug liegen. Die Künstlerin habe Mageninhalte aus dem Nordpazifik, die sie auf Hawaii gefunden hätte, gesammelt, erklärt Schmuck: "Die Albatrosse sterben an diesen Mageninhalten. Die letztlich ja nichts anderes sind als ein wertloses Kinderspielzeug, das um den ganzen Globus geht."

Stomach Contents, Guentzel Swaantje, 2014
"Stomach Contents", Swaantje Güntzel, 2014 Bildrechte: Klassik Stiftung Weimar

Entdeckt man in den Kugeln dann vertrautes Spielzeug aus den Zimmern der eigenen Kinder, wird es einem durchaus flau im Magen – diese Ausstellung attackiert die persönliche Komfortzone. Auch mit Video- und Audiostationen. Literatur und Lyrik zum Hören wird mit Bildern verknüpft. Das Gedicht "Durchgearbeitete Landschaft" von Volker Braun über den Tagebau wird etwa verknüpft mit Aufnahmen von Schönheitsoperationen – da wird richtig tief ins Fleisch geschnitten. "Wir setzen da den Leib eines Menschen parallel zum Text, der den Leib der Erde sozusagen schildert", so Schmuck, "und beleuchten das, was wir an Zerstörungen, an Operationen, an Eingriffen in diese Leiber tun und antun."

Was tun wir einander an?

Das ist die große Frage im Kopf, mit der man diese Ausstellung verlässt. Kurator Thomas Schmuck betont, es gehe nicht darum, mit dem Zeigefinger auf den Menschen und seine verheerenden Spuren auf diesem Planeten zu zeigen, und die Natur gleichzeitig als verwundbar und schwach darzustellen – sondern darum, das Verhältnis zwischen zwei Kräften zu untersuchen. Und so werden im dritten Raum, am Ende der Ausstellung, dann drei völlig verschiedene Zukunftsszenarien präsentiert. Welche das sind, wird an dieser Stelle nicht verraten. Nur so viel: der Mensch spielt nicht in allen eine Rolle.

Schleimpilz am Schiller-Museum
Das Weimarer Schiller-Museum beherbergt die Schau "Ich hasse die Natur". An der Fassade des Hauses wurde eigens dafür ein Schleimpilz angebracht. Bildrechte: André Kühn

Mehr Informationen Die Ausstellung "Ich hasse die Natur" im Schiller-Museum ist im Rahmen des Modell-Projekts der Stadt Weimar ab dem 28. Mai 2021 von Dienstag bis Sonntag jeweils von 9:30 bis 18 Uhr für Besucherinnen und Besucher geöffnet.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Mai 2021 | 07:10 Uhr

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