Stadtgeschichte Ausstellung zu 950 Jahren Görlitz zeigt Höhen und Tiefen der Stadt

Das sächsische Görlitz begeht in diesem Jahr sein 950. Jubiläum. Große Feierlichkeiten sind aufgrund von Corona zwar nicht möglich, aber zumindest hat die Stadt sich selbst, aber auch den Einwohnerinnen und Einwohnern von Görlitz sowie denen im polnischen Teil, in Zgorzelec, eine Sonderausstellung im Kulturhistorischen Museum Kaisertrutz zum Geschenk gemacht. Bei einem Rundgang werden Wendepunkte der 950-jährigen Geschichte sichtbar.

Exponate der Ausstellung 950 Jahre Zukunft Görlitz
"950 Jahre Zukunft": Die Görlitzer Ausstellung präsentiert Stadtgeschichte an neun ansprechenden Stationen Bildrechte: Kerstin Goswisch

Das erste Exponat der Ausstellung "950 Jahre Zukunft" in Görlitz ist die originale Urkunde von 1071, mit der beglaubigt wurde, dass König Heinrich IV. eine Reihe von Ländereien an den Meißner Bischof Benno verschenkt, unter anderem ein Dorf namens Goreliz. Heute weiß man, dass bevor daraufhin die Siedler aus Thüringen und Franken kamen, slawische Bauern schon 300 Jahre früher dieses Land in Besitz genommen hatten. Aber dafür gibt es kein offizielles Dokument und so ist das der Auftakt zur 950-jährigen Geschichte von Görlitz und eben auch zur Jubiläumsausstellung. Mit ihr wolle man Schlaglichter auf historische Wendepunkte werfen, erläutert Kuratorin Ines Haaser: "Auch unbekannte Sachen, wie das Herzogtum Görlitz, was zu nichts führt scheinbar – das stimmt nämlich nicht. Die Görlitzer haben das Allerbeste daraus gemacht und haben viele politische und wirtschaftliche Rechte erworben, von denen sie 200, 300 Jahre profitiert haben."

Kaisertrutz in Görlitz - Außenansicht
Ausstellungsort ist der Kaisertrutz in Görlitz Bildrechte: MDR/Nadine Jejkal

Figuren aus der Stadtgeschichte berichten

Über derartige Chancen für die Stadt war man sich 1378 im Görlitzer Stadtrat möglicherweise nicht so einig, wie ein unterhaltsamer Dialog zwischen zwei Ratsherren auf einem Monitor erahnen lässt. Diese beiden und noch weitere fiktive, aber durchaus auch reale Persönlichkeiten aus der Stadtgeschichte sind im Grunde die Hauptakteure in der Ausstellung. Jedem historischen Ereignis ist eine Figur zugeordnet, die den Besucherinnen und Besuchern das Geschehene aus der jeweils eigenen Perspektive berichtet.

Exponate der Ausstellung 950 Jahre Zukunft Görlitz
Mit historischen Figuren auf Augenhöhe: Monitore in der Görlitzer Ausstellung zum Stadtjubiläum Bildrechte: Kerstin Goswisch

Jasper von Richthofen, Leiter des Kulturhistorischen Museums, erklärt wie mit filmischen Mitteln aus der anonymen Vergangenheit persönliche Ereignisse werden können: "...das sieht man bei den Stadtbränden. Da ist es die Patrizierfrau, die davon berichtet, wie das Haus überm Kopf abfackelt und das alles ganz schrecklich ist, da wird das plötzlich ganz lebendig. Darum ging es uns. Das lebendig zu gestalten und in der Geschichte zu zeigen, dass sich Phänomene nicht wiederholen, aber gleichen."

Von Richthofen hat auch gleich das passende Beispiel parat: der Stadtrichter und Bürgermeister Bartholomäus Scultetus. Mit seinem Wirken hat er sich unter anderem während der Pestepidemie 1585 in der Görlitzer Geschichte verewigt, indem er erstmals den Verlauf der Seuche untersuchte, in einer Karte dokumentierte und eben auch geeignete Gegenmaßnahmen anordnete:

Medizingeschichtlich ist das unglaublich, dass jemand im 16. Jahrhundert feststellt, es sind nicht die vergifteten Brunnen, sondern das läuft von Haus zu Haus. [...] dass man die Badehäuser schließt, um Ansteckungen zu vermeiden – also Lockdown ist keine Erfindung von 2020.

Exponate der Ausstellung 950 Jahre Zukunft Görlitz
Ein Schaubild zur Pestepidemie 1585 in Görlitz. Bildrechte: Kerstin Goswisch

Neun Stationen mit prägnanten Exponaten

In neun Stationen wird die 950-jährige Stadtgeschichte im Kulturhistorischen Museum Görlitz im Kaisertrutz jetzt erzählt. Wie kleine Inseln reihen sie sich aneinander, in einem ansprechenden Gelb mit schwarzer Schrift. Jede ist mit einer Jahreszahl bedacht, mit kurzen erläuternden Texten in Deutsch und Polnisch und natürlich mit den auf Kopfhöhe angebrachten Monitoren, von denen die Zeitzeugen zu den Besucherinnen und Besuchern sprechen. Ergänzt wird das Ganze durch eine Auswahl prägnanter Originalexponate und -dokumente, die bis in die jüngste Gegenwart hineinreichen. So etwa der Bolzenschneider, mit dem die Grenze zwischen Zgorzelec und Görlitz nach dem ersten Lockdown 2020 wieder geöffnet wurde.

Exponate der Ausstellung 950 Jahre Zukunft Görlitz
Görlitz/Zgorzelec 2051: Die Ausstellung verweist auch in die gemeinsame Zukunft der geteilten Stadt Bildrechte: Kerstin Goswisch

Diesem besonderen Kapitel in der Geschichte von Görlitz widmen sich die beiden letzten Stationen: 1945 – als mit Kriegsende die Stadt durch eine Grenze geteilt wurde und seither von Deutschen dies- und Polen jenseits des Neißeufers bewohnt wird, und 1998 – wo die Proklamation der Europastadt Görlitz/Zgorzelec unterzeichnet wurde, eine gemeinsame Zukunftsvision der Zwillingsstadt, an der stetig gearbeitet wird. Mit der Ausstellung will sich das Kulturhistorische Museum an diesem Prozess beteiligen und zu Diskussionen über drängende Themen der Stadt bei den Besucherinnen und Besuchern von beiderseits der Grenze anregen. Der Blick in die Geschichte könnte dabei helfen, denn nicht von ungefähr lautet der Titel schließlich "950 Jahre Zukunft".  

Informationen zur Ausstellung "950 Jahre Zukunft Görlitz Zgorzelec", Kulturhistorisches Museum Görlitz, 19. Juni 2021 bis 2. Januar 2022

Adresse:
Kaisertrutz
Platz des 17. Juni 1
02826 Görlitz

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Donnerstag, 10 bis 17 Uhr
Freitag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr
Montag geschlossen

Eintritt: 6 Euro, ermäßigt 4 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Juni 2021 | 17:45 Uhr

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