"Ich denke radikal positiv" "Stadtmensch" Susann Seifert: Engagiert für Kultur in Altenburg

Ursprünglich hat sie im Ordnungsamt von Altenburg gearbeitet. Doch die gebürtige Norddeutsche wollte sich mit den Hürden nicht zufrieden geben. Stattdessen brachte sie sich selbstständig in die Soziokultur der Stadt ein, wo sie mit vielen Mitstreiterinnen und Unterstützern bereits Bemerkenswertes geschafft hat, um für Leben in der Stadt zu sorgen und der Abwanderung etwas entgegen zu setzen.

Susann Seifert Foto Virginie Glawion 36 min
Susann Seifert Foto Virginie Glawion Bildrechte: Virginie Glawion

MDR KULTUR - Das Radio Sa 27.02.2021 11:00Uhr 36:11 min

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Dass sie 1981 in Rostock geboren ist, hört man Susann Seifert nicht an. Ihr Dialekt verrät: Lange war sie nicht im Norden, sie ist seit dem zweiten Lebensjahr Altenburgerin – mit Leib und Seele. Aufgewachsen in der Platte und in den Wirren der Wende, sehnt sie sich zunächst nach einem geregelten Arbeitsleben mit sicherem Einkommen. Nach der Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten wurde sie persönliche Referentin des Oberbürgermeisters, bekleidete Stellen in der Kämmerei und im Ordnungsamt – und wurde schließlich Graffiti-Beauftragte Altenburgs. Susann Seiferts erster Schritt in die Soziokultur der Stadt.

Ordnungsamtsmitarbeiterin mit Graffiti-Dose

"Um überhaupt zu wissen, worum es bei Graffiti geht, habe ich selbst zur Sprühdose gegriffen und mich an der dafür freigegeben Wand ausprobiert. Ich wollte wissen, wie das riecht und wie das so ist", erzählt Susann Seifert bei MDR KULTUR. Dabei habe sie ein Talent bei sich entdeckt und sei dran geblieben. Sie habe gelernt, dass es Sprühern nicht um Sachbeschädigung geht, dass sie andere Motive haben, schildert sie, wie sie Sympathien für die Szene entwickelte: "Ich habe schnell festgestellt, dass allein repressive Maßnahmen wie die Strafverfolgung nicht zielführend sind – sondern dass wir auch ein Netzwerk bilden müssen."

"Es hat sich einiges getan"

Die künstlerische Erfahrung, der Kontakt zu anderen Sprühern und eine gewisse Frustration über mangelnden Veränderungswillen in den Behörden lassen sie neu auf ihr Umfeld schauen, das sie von "Verwaltern, Erbsenzählern und institutionellen Bedenkenträgern oder Status-Quo-Haltern" bestimmt sieht: "Es gab auch engagierte Mitarbeiter. Aber häufig haben die Möglichkeiten nicht gereicht, um einbetonierte Strukturen aufzubrechen." Angetreten, um ihre Stadt mitzugestalten, stößt sie in der Verwaltung immer wieder an Grenzen. Also beschließt Susann Seifert 2016, aus der Beamtentätigkeit auszutreten und sich mit Einzelunternehmungen selbstständig zu machen.

Seitdem hat sich in Altenburg viel verändert – für sie und auch auf Behördenebene: "Es steht und fällt vieles mit Menschen, die es machen. Ich erlebe aktuell in Altenburg Veränderungen, die auch wieder Lust auf die Zusammenarbeit mit der Verwaltung machen. Da hat sich einiges getan." Es gebe mehr Offenheit und lösungsorientierteres Denken, berichtet sie.

"Farbküche" und Gründerlabor "Ahoi": In den Stadtraum wirken

Auch, weil sie einiges getan hat. Susann Seifert gründet nach ihrem Austritt aus der Stadtverwaltung in Altenburg die "Farbküche", die "Stadtmensch Initiative" und das Gründerlabor "Ahoi". In den vergangenen drei Jahren hat das Bundesministerium des Inneren, Bau und Heimat lediglich vier von 100 Projekten mit 664.000 Euro gefördert – ihre Stadtmensch-Initiative gehört dazu. Kurz vor dem Lockdown im November präsentiert Susann Seifert ihre Arbeit im Bundestag. Im Dezember bekommt sie von einer Schweizer Stiftung Geld für die Grüpnderlabor-Idee.

Mit "Ahoi" sollen Projekte in sozialen, kreativen Bereichen initiiert werden, sie sollen Raum bekommen und unterstützt werden. Die "Farbküche" bezeichnet Susann Seifert als "Mitmachladen, offenes Atelier, offene Werkstatt". Dorthin seien alle Menschen eingeladen, um mit den Mitteln vor Ort etwas zu erschaffen, wenn es die Pandemie dann wieder zulässt. "Leinwände oder Holz gestalten, töpfern, drucken – drauf losgestalten. Aber bei uns kann man auch einfach nur abhängen, einen Kaffee trinken, gute Gespräche führen." Dabei entstünden oft gute Ideen, die dann wieder in den Stadtraum hineinwirken.

Lockdown ist, was man draus macht

Mit dem Lockdown gerät Susann Seiferts Erstunternehmung, die "Farbküche" zunächst in Gefahr: Die Miete kann nicht bezahlt werden. Doch die Altenburger helfen aus und so kann das Projekt dank Spenden weiter gehen. Susann Seifert und ihr Team lassen sich von der Krise nicht ausbremsen: "Wir sind keine Menschen, die in Warteposition bleiben", sagt sie. Und: "Wir können die Situation selber nicht beeinflussen, aber wir können beeinflussen, wie wir damit umgehen. Wir gehen kreativ damit um, suchen uns die Wege in die Wohnzimmer über das Digitale und das Telefon." Den täglichen Umgang miteinander vermisse sie aber.

Wir sind keine Menschen, die in Warteposition bleiben.

Susann Seifert

Altenburg nachhaltig verändern

All ihre Projekte dienen einem Ziel: Die Lebensqualität in Altenburg erhöhen und Menschen zusammen bringen. Nur so könne sich die Abwanderung stoppen lassen. "Wir sind da als Bürger angehalten, Verantwortung zu übernehmen und uns selbst zu ermächtigen. Wir schaffen Voraussetzungen, dass wir wieder in einer Stadt leben, in der wir leben wollen und in der es auch gewisse Angebote gibt", sagt Susann Seifert bei MDR KULTUR. Dabei sei man auf einem guten Weg. Es kommen auch vermehrt Menschen zurück, beobachtet sie: "Da geht aber noch etwas!"

Nächster Höhepunkt soll das Stadtmensch-Festival vom 3. bis 6. Juni werden. Dabei findet ein Akademietag zum Thema Stadtentwicklung statt. Darüber hinaus geht es vor allem um Erlebnisse der Stadtgesellschaft miteinander – von Tanzflashmobs bis zum gemeinsamen Gestalten einer Häuserfassade. Das Ziel verliert Susann Seifert dabei nicht aus den Augen:

Wir wollen die Potentiale sichtbar machen, ein Umfeld und Freiräume schaffen, in denen sich Menschen engagieren können. Identität wächst ja auch, wenn Menschen mitwirken dürfen.

Susann Seifert

Ob es stattfinden kann trotz Corona? Susann Seifert, die auch Mutter von drei Kindern ist, sagt: "Ich denke radikal positiv."

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Februar 2021 | 11:00 Uhr

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