Neues Museum in Wittenberg Wasag-Werk: Ehemalige Sprengstofffabrik in Wittenberg wird zum Museum

Die Museumslandschaft in Wittenberg wird reicher. Das neue Museum hat diesmal nichts mit Luther, Cranach oder der Reformation zu tun, sondern widmet sich der industriellen Vergangenheit der Stadt. Denn bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 war Wittenberg ein Zentrum der deutschen Rüstungsindustrie: Im Wasag-Werk wurde Sprengstoff hergestellt. Wasag steht für Westfälisch-Anhaltische Sprengstoff-Actien-Gesellschaft. Jetzt wird daraus ein Museum.

gelbes Pförtnerhäuschen mit rotem Spitzdach und Uhr
Auf dem Gelände der ehemaligen Sprengstofffabrik stand später eine Klinik. Ihr Pförtnerhäuschen wird jetzt zum zentralen Ausstellungsort des neuen Wasag-Museums in Wittenberg. Bildrechte: MDR/André Damm

Das Gebiet um Reinsdorf, Apollensdorf und Braunsdorf hat sich die Natur längst zurückgeholt: Wiesen und kleine Wälder sind entstanden. Doch vor allem die älteren Wittenberger wissen, dass sich hier am Stadtrand der Lutherstadt das gewaltige Wasag-Firmengelände erstreckte. Es war eine Stadt in der Stadt. 

Angefangen hat alles 1891. Damals hatte die Westfälische-Anhaltische Sprengstoff-Aktien-Gesellschaft ihren Sitz in der Elbstadt Coswig bezogen. Doch in Anhalt wollte niemand, dass vor der Haustür Sprengstoff hergestellt wird. Solche Berührungsängste kannten die Preußen im benachbarten Wittenberg nicht und gaben grünes Licht für den Bau einer Fabrik.

Areal mit Krankenhaus, Kasino und Wohnhäusern

Mann mit weißem Bart steht auf einer Pflasterstraße im Grünen: Voreinsvorsitzender Joachim Zander des des Geschichts- und Forschungsvereines "Wasag Haupt-Werk Reinsdorf" e.V.
Voreinsvorsitzender Joachim Zander des des Geschichts- und Forschungsvereines "Wasag Haupt-Werk Reinsdorf" e.V. will aus dem ehemaligen Sprengstoffwerk in Wittenberg ein Museum zum Anfassen machen. Noch sind hier nur wenige Ausstellungsstücke zu sehen. Bildrechte: MDR/André Damm

Das Wasag-Werk wuchs und wurde immer größer, sagt Joachim Zander, ein pensionierter Ingenieur und heutiger Leiter des Wasag-Informations-und Forschungszentrums. "Die gesamte Werksfläche betrug 5,5 Quadratkilometer. Es gab hier auch nicht nur die Sprengstofffabrik, sondern auch ein Krankenhaus, eine Gärtnerei und sogar ein Kasino. Die Mitarbeiter bekamen zinslose Darlehen, um sich hier Häuser oder Wohnungen zu kaufen."

Während des Zweiten Weltkrieges arbeiteten in dem Rüstungsunternehmen bis zu 14.800 Menschen. In Wittenberg wurde hergestellt, was das deutsche Militär an Schießpulver und Sprengstoff benötigte. Nach Ende des Krieges wurde das gesamte Areal von der Sowjetarmee besetzt. Die Soldaten demontierten wichtige Anlagen, der Rest wurde eingeebnet. Binnen kurzer Zeit war von der Wasag-Fabrik kaum noch etwas zu sehen. Später siedelten sich auf dem Gelände zuerst eine Lungenklinik, dann ein Krankenhaus an.

Ausstellung steht noch am Anfang

leere Holzkiste in einer Vitrine im Wasag-Museum Wittenberg
Im Wittenberger Wasag-Werk wurden Schießpulver und Munition für den Zweiten Weltkrieg hergestellt. Mehr als 380.000 Euro stehen nun zur Verfügung, um das neue Museum auszustatten. Bildrechte: MDR/André Damm

Für Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör ist das ein Teil der jüngeren Wittenberger Historie, den man nicht verdrängen dürfe. Gerade das militärisch-industrielle Erbe müsse man entsprechend einordnen: "Auch dieser Betrieb war ein ganz großes Zahnrad der damaligen Kriegsmaschinerie. Das muss in den Vordergrund gestellt werden, wenn man diese Geschichte aufarbeitet." Laut Vereinschef Zander wolle man im neuen Wasag-Museum alle Seiten beleuchten. Vier Jahre lang hat er das Projekt geplant, Spenden gesammelt und Fördermittel aufgetrieben. Mehr als 380.000 Euro stehen zur Verfügung.

Zentraler Ausstellungsort ist das frühere Klinik-Pförtnerhäuschen, dass sich nach dem Betreten als langgestrecktes Gebäude erweist. Die Ausstattung ist noch karg. Derzeit stehen nur wenige Vitrinen im neuen Museum. Darin befinden sich Zeugnisse aus der Zeit der Sprengstofffabrik: Bücher und Arbeitsbekleidung, Chemikalien-Kanister und Betriebsausweise. Die derzeit noch wenigen Exponate werfen ein Schlaglicht. Aber das sei erst der Anfang, sagt Zander.

Wasag-Museum soll Museum zum Anfassen werden

"Unser Konzept für Industrietechnik und Sozialgeschichte ist etwas Besonderes. Das ist eine Art kleines Pilotprojekt, wie man so etwas interessant gestaltet und jungen Menschen näher bringen kann. Denn ein wichtiger Teil meiner Arbeit ist auch der Geschichtsunterricht zum Anfassen für Schulen." Mit dem Cranach-Gymnasium in Wittenberg-Piesteritz stehe er bereits in Kontakt, erzählt Zander, ebenso mit der Sekundarschule in Reinsdorf. Viel verspricht sich der Vereinschef von der geplanten multimedialen Einrichtung des neuen Museum. Anfang des Jahres soll sie eingebaut werden. Aber bei den Lieferproblemen heutzutage, so der 66-Jährige, könne sich das auch schnell bis März hinziehen.

redaktionelle Bearbeitung: Sabrina Gierig

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. November 2022 | 06:10 Uhr

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