privat & öffentlich. Vom Sammeln der Kunst Zwickauer Kunstsammlung schaffen neue Begegnungen mit Max Pechstein

Marc Chagall, Emil Nolde, Auguste Renoir, Erich Heckel, Karl Hofer und Max Liebermann - es sind große Namen, deren Kunst man derzeit in Zwickau zeigt. Leihgaben einer Hamburger Familie, die anonym bleiben möchte und ihrerseits auch Werke von Max Pechstein jetzt nach Zwickau gab. Die Ausstellung "privat & öffentlich" stellt den Kunstmarkt in Frage und wirft dabei auch ein neues Licht auf den aus Zwickau stammenden Künstler Max Pechstein.

Drei Personen posieren in einem grünen Raum vor einem Wasser-Gemälde.
In den Zwickauer Kunstsammlunge gibt es neue Begegnungen mit Max Pechstein. Bildrechte: MDR/Blanka Weber

"Zum ersten Mal sehe ich manch ein Werk im Original", schwärmt Julia Pechstein, die Enkelin des Zwickauer Expressionisten. Sie reiste extra nach Sachsen, um die Ausstellung zu erleben. Fasziniert sei sie nicht nur von den Porträts, die ihr Großvater Max Pechstein schuf, sondern auch von dem Dialog der Kunst, der beim Betrachten mit den anderen wunderbaren Bildern entsteht. Sie zeigt auf ein zartes Bild, geschaffen von Renoir: ein zarter Kinderkopf.  

Innehalten, sich in die Kunst von Max Pechstein und seiner Zeit fallen lassen, Fragen stellen – vielleicht auch ein wenig auf Spurensuche gehen, das ist die Absicht der Kuratoren dieser Zwickauer Schau: Der klare, kantige Cello-Spieler auf einem Bild war Professor Freundlich, weiß Julia Pechstein. Ein Mann, den ihr Großvater sehr mochte und der wiederum zum engen Kreis von Albert Einstein zählte.  

Pechsteins schwieriges Verhältnis zu Zwickau

Max Pechstein, 1881 in Zwickau geboren, kam aus einer Arbeiterfamilie und hat wohl mit viel Zielstrebigkeit Zeit seines Lebens gekämpft, die eigene Kunst etabliert und sein Leben aus mancher engen Situation gerettet. 1955 verstarb er in West-Berlin. Unterdessen hatte ihn die Stadt Zwickau zum Ehrenbürger ernannt und gemeinsam mit ihm den Max-Pechstein-Preis ins Leben gerufen. Er sei wohl, so erzählt es die Enkelin, in den letzten Lebensjahren altersmilde geworden. Mit seiner Heimatstadt habe er immer gehadert – auch weil man ihm, dem eher mittellosen Studenten der Kunstakademie Dresden, in jungen Jahren ein Stipendium nicht in der erwarteten Höhe hatte zahlen wollen.  

Pechstein ging trotzdem seinen Weg, schuf eine Kunst, die nah an den – oft auch einfachen – Menschen reichte: Porträts mit ernsthaften Gesichtern, gezeichnet von den Härten der Arbeit, der Zeit und vielleicht auch dem eigenen Charakter. Menschen, die ihn begleiteten oder die er begleitete, wie die Fischer in Nidden – auf der Kuhrischen Nehrung. Das karge Leben und die unberechenbaren Wellen – Pechstein hielt die Welt der Arbeitenden in strengen Strichen fest und das tosende Wasser in üppigen, verschlingenden Bögen. 

"Keiner von uns hat ihn persönlich gekannt", erzählt Julia Pechstein. Einer der letzten Familienangehörigen, die ihn noch kannten, Alexander Pechstein, starb vor wenigen Monaten. "Aber nichtsdestotrotz ist er bei uns allen omnipräsent gewesen. Wir haben uns mit ihm beschäftigt und sind schon früh zu den Ausstellungen gegangen."

Glauben an die eigene Kunst

Ein Mann und eine Frau stehen in einem grünen Raum vor einer Wand mit mehreren Gemälden.
Julia und Martin Pechstein entdecken immer neue Seiten an ihrem Großvater. Bildrechte: MDR/Blanka Weber

Oft wird Julia Pechstein gefragt, wie er wohl gewesen sein mag, der berühmte Großvater. Und manchmal steht auch sie rätselnd vor seinen Bildern und versucht, die unbekannten Schönen zu entschlüsseln. Er habe oft und gerne gefeiert, getanzt und doch muss er bei aller Lebensfreude auch viele Härten in Kauf genommen haben. Seine Brücke-Künstlerkollegen mochten ihn nicht mehr in den eigenen Reihen dulden, nachdem er sich anderen Künstlerkollektiven zugewandt beziehungsweise neue gegründet hatte.

Auch die Zeit des Nationalsozialismus gehört zum ambivalenten Teilen seiner Biografie. Jüdisch war er nicht, doch als Expressionist war seine Kunst in den Augen der Nationalsozialisten verfemt und "entartet".  "Das Durchhalten", sagt Martin Pechstein, ein weiterer Enkel, habe ihn immer fasziniert beim Blick auf den Großvater. "Immer weiter an seine eigene Arbeit zu glauben, ist schon eine Leistung zur damaligen Zeit. Er hat immer an sich geglaubt."

Er hatte immer ganz klare Vorstellungen von dem, was er machen möchte und hat sich durchgesetzt. Für ihn gab es nicht: Oh das kann ich nicht – oder will ich nicht.

Julia Pechstein

Starke Farben in der Zwickauer Ausstellung

Eine Frau in einer rosa Jacke sieht auf ein Bild mit Fluss und Brücke.
Annika Weise hat die Ausstellung in Zwickau gestaltet. Bildrechte: MDR/Blanka Weber

Mehr als 100 Werke – sowohl aus der eigenen Zwickauer Sammlung als auch von den Hamburger Leihgebern – sind derzeit in Zwickau zu sehen, teils vor kräftig grünen, teils vor magenta-farbenen Wänden. "Wir versuchen uns in jeder Ausstellung nochmal anders an die Kunst heranzupirschen", erklärt Kuratorin Annika Weise den Mut zur Farbe im Raum mit Pechsteins Kunst. "Gerade bei Expressionisten mit ihren stark farbigen Werken, empfanden wir es als ein positives Wagnis mit einer Farbe, die viel Aufmerksamkeit zieht." Zum Glück, meinte sie, würde dieses farbige Wagnis an den Wänden auch den Leihgebern gefallen – und auch den beiden Enkeln, Julia und Martin Pechstein.

Ob sie beide denn auch künstlerisch tätig seien, verneinen sie. "Aber eine künstlerische Ader steckt wohl in jedem von uns und auch ein Auge für Farben und Arrangement", meint schmunzelnd die Enkelin, die oft für Vorträge und Führungen angefragt wird und beruflich den Weg als Pharmazeutin eingeschlagen hat. Martin Pechstein ist hingegen beruflich als Art Director aktiv.

Manchmal staunen beide, was es noch immer zu entdecken gibt bei ihrem Großvater aus Sachsen. Und vielleicht tauchen noch weitere Werke auf – wer weiß das schon? Doch eines wünschen sich die beiden Nachkommen: Die Kunstsammlungen in Zwickau könnten noch moderner werden, Räume mit WLAN ausstatten, die Kunst und den Künstler künftig auf modernere Art und Weise vermitteln – als Sohn einer Stadt, der in bescheidenen Verhältnissen groß wurde und uns heute seine Blick auf berühmte Cello-Spieler, einfache Fischer, farbenfrohe Stilleben und stürmische Natur schenkt. 

Mehr Informationen Die Sonderausstellung "Privat und Öffentlich. Vom Sammeln der Kunst" ist noch bis zum 15. Januar in den Kunstsammlungen Zwickau zu sehen.

Adresse:
Lessingstraße 1
08058 Zwickau

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag von 11.30 bis 17 Uhr

Redaktionelle Bearbeitung: Thilo Sauer

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Oktober 2022 | 06:15 Uhr

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