Kommentar Was Buchenwald mit dem Krieg in der Ukraine zu tun hat

Vor 77 Jahren befreiten Truppen der Alliierten die Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar und Mittelbau-Dora bei Nordhausen. Mit Veranstaltungen wird an die Befreiung erinnert. In diesen Tagen denkt Jens-Christian Wagner, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, auch an die KZ-Überlebenden in der Ukraine, die unter dem Angriff Russlands leiden. Dass Putin den Krieg mit dem Kampf gegen die Nazis begründet, wirke fast zynisch. Und Wagner warnt davor, historische Vergleiche zum Holocaust zu ziehen. Ein Kommentar.

Am 11. April 1945 befreiten amerikanische Soldaten das KZ Buchenwald. Der 11. April ist seither ein Tag der Freude über die Befreiung und des Dankes an die Befreier und ein Tag des Nachdenkens – über die Frage, wie es zu diesen Verbrechen überhaupt kommen konnte, wer dafür verantwortlich war und in welcher Welt wir heute und in der Zukunft leben möchten.

Neben dem Dank an die Befreier steht am 11. April die Trauer um diejenigen im Zentrum, die den Tag der Befreiung nicht mehr erleben konnten: 56.000 Männer, Frauen und Kinder überlebten die Deportation nach Buchenwald nicht. Sie starben, weil ihnen die Nationalsozialisten nicht zubilligten, zu der von ihnen propagierten "Volksgemeinschaft" zu gehören, weil sie sie für minderwertig und gefährlich hielten oder weil sie sich dem nationalsozialistischen Plan der rassistischen Neuordnung Europas widersetzten.

Jens-Christian Wagner
Jens-Christian Wagner, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora Bildrechte: dpa

Überlebende aus Buchenwald leiden in der Ukraine

77 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges herrscht in Zentraleuropa erneut Krieg. Auf Befehl von Diktator Wladimir Putin haben russische Streitkräfte die Ukraine überfallen. Für die ukrainische Zivilbevölkerung und für Tausende ukrainische Holocaust- und KZ-Überlebende stellt der Krieg eine existentielle Bedrohung dar. Nichts zeigt das deutlicher als der gewaltsame Tod des Buchenwald-Überlebenden und IKBD-Vizepräsidenten Boris Romantschenko. Er kam vor drei Wochen ums Leben, als ein Geschoss sein Haus in seiner Heimatstadt Charkiv traf. Wenn wir heute um die Opfer von Buchenwald trauern, denken wir auch besonders an ihn.

Teilnehmer einer Gedenkstunde für den Buchenwald-Überlebenden Boris Romantschenko stehen vor dessen Foto
Auch in Weimar trauerten Menschen um Boris Romantschenko, der Buchenwald überlebte und im Ukraine-Krieg starb. Bildrechte: dpa

Neben Polen trug die ehemalige Sowjetunion die Hauptlast des deutschen Raub- und Vernichtungskrieges. Russische, belarussische und ukrainische Häftlinge stellten in Buchenwald etwa ein Drittel aller Gefangenen. Sie litten in Buchenwald gemeinsam – und gemeinsam stellten sie sich der SS entgegen. Gemeinsam schworen sie nach der Befreiung im April 1945 auf dem Appellplatz in Buchenwald, eine Welt des Friedens und der Freiheit zu errichten.

"Eine Schande, in welchem Ausmaß deutsche Rechtsextreme den russischen Angriffskrieg rechtfertigen"

Es ist eine zynische Anmaßung, wenn Putin behauptet, die Ukraine "entnazifizieren" zu wollen. Ja, in der Ukraine gibt es rechtsextreme militärische Verbände wie etwa das Azow-Regiment. Im Unterschied zu Deutschland und Russland haben extrem Rechte bei den Wahlen der letzten Jahrzehnte in der Ukraine aber keine nennenswerten Stimmenanteile erzielt. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj stammt aus einer jüdischen Familie, die etliche Holocaust-Opfer zu beklagen hat.

Ein Mann fährt auf einem Fahrrad an einem zerstörten Wohnhaus in der Stadt Borodjanka vorbei
Am 24. Februar 2022 marschierten russische Truppen in die Ukraine ein. Der Krieg gegen die Ukraine hat seitdem viele Menschen das Leben gekostet, die Städte des Landes sind zerstört. Bildrechte: dpa

Es ist eine Schande, dass NS-Überlebende wegen des russischen Angriffs um ihr Leben fürchten müssen oder sogar, wie unser Freund Boris Romantschenko, getötet werden. Und es ist eine Schande, in welchem Ausmaß deutsche Rechtsextreme bis hin zur AfD den russischen Angriffskrieg rechtfertigen. Sie feiern Putin, weil sein System alle Anzeichen einer faschistischen Herrschaft zeigt: Autoritarismus, Hass auf die liberale Demokratie und die offene Gesellschaft, Homophobie, imperialer Expansionismus, Nationalismus, Verachtung der Menschenrechte – und immer wieder auch Antisemitismus.

Eine junge Frau trägt in der Gedenkstätte Buchenwald eine Fahne in den Farben der Ukraine
Eine junge Frau trägt in der Gedenkstätte Buchenwald eine Fahne in den Farben der Ukraine um die Schultern. Bildrechte: dpa

Nichts gleicht dem Holocaust

Doch Putin ist kein neuer Hitler. Mit historischen Analogien sollten wir vorsichtig sein. Das haben wir schon in den vergangenen zwei Jahren immer wieder gesagt, als Pandemieleugner*innen notorisch die Corona-Schutzmaßnahmen mit den NS-Verbrechen gleichgesetzt und die Shoah damit verharmlost haben. Bei aller Empörung über den Machthaber in Moskau, der die Ukraine überfallen ließ und vor brutaler Unterdrückung seines eigenen Volkes nicht zurückschreckt: Die Shoah und die weiteren Verbrechen der Nazis waren singulär, und sie wurden in einem spezifischen historischen Kontext begangen.

Innenansicht einer Häftlingsbaracke in Buchenwald
Blick in eine Häftlingsbaracke im KZ Buchenwald Bildrechte: imago/StockTrek Images

Hüten wir uns vor falschen historischen Analogien, hüten wir uns davor, die Opfer der NS-Verbrechen für aktuelle politische Auseinandersetzungen zu instrumentalisieren. Bleiben wir auf dem sicheren Boden wissenschaftlich fundierter, nach allen Regeln der Quellenkritik sorgsam abwägender kritischer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und der Gegenwart – und das immer mit einem klaren ethischen Kompass, der ausgerichtet ist an der Würde des Menschen und der Achtung von Menschenrechten und Demokratie.

Der Ukraine-Krieg und die Reaktionen der Kultur

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. April 2022 | 08:40 Uhr

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