Interview mit Filmemacherin Katja Herr zur Webserie "Amok" Wie der Amoklauf von Erfurt bis heute nachwirkt

Am 26. April 2002 lief ein Schüler Amok am Erfurter Gutenberg-Gymnasium. Er erschoss elf Lehrerinnen und Lehrer, eine Referendarin, eine Sekretärin, zwei Schüler und einen Polizeibeamten. 20 Jahre ist das jetzt her, doch für die Überlebenden bleibt die Bluttat ein traumatisierendes Ereignis. Wie es ihre Lebenswege beeinflusst hat, was sich am System Schule, in der Prävention oder der Polizeiarbeit geändert hat, das ergründet Filmemacherin Katja Herr in einer fünfteiligen Doku-Serie, die jetzt in der ARD-Mediathek zu sehen ist.

Menschen stehen vor dem Gutenberg-Gymnasium in Erfurt
Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Es ist viel debattiert worden über die Gründe für den Amoklauf von Erfurt, über den Zugang zu Waffen oder den Einfluss von Killerspielen. Mit welcher Motivation wollten Sie noch mal darauf schauen, was da vor 20 Jahren passiert ist?

Es war nicht einfach, sich dem Thema zu nähern. So ein Trauma geht nicht weg, das ist das Erste, was ich bei der Arbeit an der Dokumentation gelernt habe. Die Schülerinnen und Schüler guckten damals auf blühende Mandelbäume vor den Fenstern, es war Prüfungszeit. Und dann passierte dieses Unfassbare ... Für uns standen die Geschichten und Biografien der Menschen im Mittelpunkt, die das miterleben mussten.

Die Doku in der ARD-Mediathek

Wie haben Sie es geschafft, darüber mit ehemaligen Lehrern oder Schülern ins Gespräch zu kommen?

Am Anfang hatte ich nur Absagen. Ein Lehrer, der erst bereit war, Auskunft zu geben, rief mich am nächsten Tag an und meinte, er habe wieder eine Nacht nicht geschlafen. Er sei so froh, dass das alles eigentlich ein Stück weit weg ist. Das änderte sich erst, als uns Maxi Bohn unterstützte, eine ehemalige Schülerin, die damals in der elften Klasse war. Die sagte: "Das treibt mich bis heute um, da müssen wir drüber reden. Ich helfe Ihnen." So bekamen wir Zugang zu mehreren Schülern und Lehrern, die Schulleiterin stimmte zu, der Hausmeister hat mit uns gesprochen, wir konnten Rettungskräfte noch einmal interviewen oder den Leiter des Polizeieinsatzes. Das war so wie ein Tor, das sich öffnete, aber nur über Vertrauen und sehr, sehr lange Vorgespräche.

Was haben Sie gelernt: Was hilft, mit so einer Erfahrung umzugehen?

Ich habe Demut bekommen. Also gerade auch im Moment, im Angesicht des Krieges in der Ukraine muss ich sagen, wir ahnen gar nicht, wie sehr und wie massiv solche Erfahrungen in die Psyche eingreifen. Das ist so, weil man das Vertrauen in die Menschheit so ein bisschen verliert. Der normale Alltag ist völlig außer Kraft gesetzt. Wir müssen da wirklich sehr sensibel und aufmerksam sein. Ich habe selber ein Kind, inzwischen 20 Jahre alt, eine junge erwachsene Frau. Aber natürlich höre ich, wenn sie mir bestimmte Dinge erzählt, noch mal mehr hin heutzutage.

Sie befassen sich auch mit der Frage, ob seither genug getan wurde, damit sich so etwas nicht wiederholt? Wie fällt die Antwort aus?

Es ist sehr viel in den Polizeiverordnungen geändert worden oder in der Strategie der Rettungskräfte. Aber auch im Thüringer Bildungssystem. Ich denke, diese Dimension wie in Erfurt vor 20 Jahren wird es so nicht mehr geben, weil man durch die Maßnahmen wesentlich früher eingreifen kann. Auch weil aus meiner Sicht die Sensibilität an den Schulen gestiegen ist. Wir haben heute Vertrauenslehrer oder psychologische Berater, die an die Schulen gehen können. Vor allen Dingen sind die Schülerinnen und Schüler untereinander sensibler geworden.

Nichtsdestotrotz ist die Gefahr eines Amoklaufs allgegenwärtig. In den letzten beiden Jahren der Covid-Pandemie ist die Vereinsamung von Kindern und Schülern sehr, sehr stark gewesen. Sie hatten nicht ihren normalen, auch regulierenden sozialen Umkreis. Und die sozialen Medien bringen da nicht nur Gutes: Wenn ich eine Meinung habe, kann ich mir im Netz immer Bestätigung holen. Und wenn einer sagt: 'Ich drehe jetzt mal richtig durch. Ich mache was richtig Schlimmes in meiner Schule.' Und dann Leute sagen: 'Cool, das trauen wir dir gar nicht zu, mach' doch.' Das kann sich aufschaukeln. Also verhindern werden wir es nicht können. Aber in den letzten Jahren sind aus den Erfahrungen von Erfurt auch Amokläufe in sehr, sehr frühem Keim abgebrochen worden. Eben weil Schüler mit Lehrern geredet haben: 'Da hat einer so etwas angekündigt, schauen wir mal alle genauer hin.'

Das Gespräch führte Annett Mautner für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. April 2022 | 08:10 Uhr

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