Interview Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer über den neuen "Polizeiruf 110" aus Halle

Anlässlich des 50. Jubiläums der Krimi-Reihe "Polizeiruf 110" hat der Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer gemeinsam mit dem Filmregisseur Thomas Stuber das Drehbuch zur neuen Folge geschrieben: "An der Saale hellem Strande". Die Krimi-Reihe ist damit zum ersten Mal seit acht Jahren zurück in Halle. Über seine Arbeit am Drehbuch hat Clemens Meyer im ARD-Forum im Rahmen von #wirsindbuchmesse im Interview mit MDR KULTUR gesprochen.

Radiocafe mit Clemens Meyer 50 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR KULTUR: Stand der Titel "An der Saale hellem Strande" gleich am Anfang fest oder kam die Idee dazu ganz am Ende?

Clemens Meyer: Der Titel kam irgendwann in der Mitte. Ich bin ja Hallenser und an irgendeiner Stelle beim Schreiben, wenn die Figuren dann ihr Eigenleben entwickeln, fing plötzlich eine Zeugin im Kommissariat an, zu singen "An der Saale hellem Strande". Und da war dann irgendwann in der Mitte klar, dass der Film so heißen wird.

Es ist ein romantischer Titel, kein Titel, der schon andeutet, dass irgendetwas Schlimmes passieren wird.

Szene aus dem Polizeiruf
Das neue Ermittler-Duo: Henry Koitzsch (Peter Kurth) und Michael Lehmann (Peter Schneider) Bildrechte: MDR/filmpool fiction/Felix Abraham

In jedem Krimi sollte irgendetwas Schlimmes passieren oder etwas, das eine gewisse Spannung erzeugt. Es ist ein Film, der mit ganz dunklen Tönen arbeitet, fast schon Sepia. Die Kommissare sitzen in einem getäfelten Polizeipräsidium, wie es das in 70er- und 80er-Jahren gab. Und da machte dieser Titel umso mehr Sinn. Wir haben das Team erfunden und den ersten Fall geschrieben und den Polizeiruf zurück nach Halle geholt – da wollten wir natürlich die Saale schon im Titel haben. Das Lied "An der Saale hellem Strande" vermittelt für mich eine Art Heimatgefühl.

Eine Hommage an Altes, die aber gleichzeitig auch die Tür in neue Richtungen aufmacht.

Clemens Meyer über das Drehbuch zum neuen "Polizeiruf 110"

Nach 390 Polizeiruf-Folgen ist das damit die erste Folge mit einem an ein romantisches Volkslied angelehnten Titel.

Wir wollten einen neuen Ton setzen. Natürlich wollten wir uns aber auch auf die DDR-Polizeirufe beziehen, auf die gute alte Polizeiarbeit und auf das langsame Erzählen. Darauf wollten wir uns auch wieder besinnen und gleichzeitig Komik und Witz mit reinbringen: Eine Hommage an Altes, die aber gleichzeitig auch die Tür in neue Richtungen aufmacht.

Die Hauptfiguren des neuen Polizeirufs, drei rührende Trinker, befinden sich ja durchaus in prekären Situationen. Gibt es da ein Risiko der Verklärung? So eine Poesie, die so ein Stück schwelgerisch ist?

Szene aus dem Polizeiruf
In der neuen "Polizeiruf 110"-Folge gibt es einige Parallelen zu Meyers Leben. Bildrechte: MDR/filmpool fiction/Felix Abraham

Absolut und das soll es nicht sein. Zunächst brauchen die Hauptfiguren eine Funktion, das soll weder moralinsauer, noch verklärend sein. Sie müssen in der Erzählung funktionieren. Es stehen Geschichten und Schicksale dahinter – das ist alles da, das existiert einfach, das muss man nicht verklären. Der Peter Kurth fährt zum Beispiel mein Auto, er fährt einen Opel Vectra und er trinkt meinen Whisky.

Peter Kurth wohnt als Kriminaloberkomissar Koitzsch ja in einem Penthouse mit Blick auf die Saale und auf die Gedenkstätte Roter Ochse – und er hat Kunst von einem nicht ganz unberühmten Halleschen Maler an den Wänden.

Meines Großvaters, Otto Möhwald. Das sind Gemälde aus seinem Frühwerk der 50er-Jahre. Das schien mir passend, denn der Kriminaloberkomissar Henry Koitzsch hat ein gutes Gehalt. Die Figur braucht einen schönen Hintergrund.

Das Interview führte Carsten Tesch für MDR KULTUR.

Drehstart für den Jubiläums-Polizeiruf „An der Saale hellem Strande“ (AT). Das Team in der „Freiraumgalerie“ in Halle (Saale). 17.11.2020
"An der Saale hellem Strande" läuft am 30. Mai um 20:15 Uhr im Ersten. Bildrechte: Felix Abraham

Mehr zu Clemens Meyer

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. Mai 2021 | 12:00 Uhr

Abonnieren

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei