Kurzfilmfestival Filmfest Dresden: Diese vier Filme könnten Sie begeistern

Beim diesjährigen Filmfest Dresden werden 355 Kurzfilme gezeigt, die ein enormes künstlerisches Spektrum abdecken. Von der Animation über Dokumentation bis zur Fiktion ist alles dabei. Wir haben für Sie einige Filme ausgewählt, die für die Bandbreite dieser Filmfestspiele stehen: eine Doku über die Arbeit der "Working Poor", deren Einkommen trotz Beschäftigung kaum ausreicht; brasilianische Homosexualität in Deutschland zwischen Liebe und Rassismus; ein Beziehungsdrama um einen missglückten Abend und die Geschichte eines Kindes, das reifer sein muss als es sollte.

"PROLL!": Prekäre Arbeitsverhältnisse und die Menschen dahinter

Von Adrian Figueroa

Ein Tag im Leben der Klickarbeiterin Cornelia, des subunternehmenden Paketausfahrers Juri und des Arbeiters Murat in einer Kartonfabrik, die demnächst schließen wird. Alle drei gehören zur "Working Poor", zu den unzähligen Niedriglöhnern hierzulande, deren Alltag bestimmt wird von purer Existenzangst, die die Menschen Tag für Tag ins Hamsterrad steigen lässt und rackern und rackern ... für am Ende so gut wie nichts.

Ein Mann schaut zwischen großen Stapeln von Kartons hervor
Viele Jobs genügen kaum, den eigenen Lebensunterhalt zu sichern. Bildrechte: Filmfive, HAU Hebbel am Ufer

Diese Verbindung zwischen den drei Protagonisten inszeniert Regisseur Adrian Figueroa, indem er die Szenen, in denen von Cornelia, Juri und Murat erzählt wird, sich immer wieder kreuzen lässt. Auch wenn es ihre Lebenswege nicht tun und jeder für sich allein kämpft. Wobei sie eher einen Überlebenskampf führen und keinen widerständigen, der vielleicht noch im Titel des Films, im Wort Proll oder auch Proletarier mitschwingt. Dafür fehlt ihnen die Kraft – und das bekommt man in beklemmender Weise zu spüren, wenn die Kamera die drei hautnah begleitet: den Stress, die kaum noch empfundene oder unterdrückte Wut und die Resignation.

Ursprünglich war "Proll!" als dokumentarisches Theaterprojekt gedacht, Corona und die damit verbundenen Lockdowns durchkreuzten jedoch diese Pläne, so dass sich Regisseur Figueroa entschloss, die Idee filmisch umzusetzen. Dass dies am Ende ein Glücksfall war, dafür sprechen die zahlreichen Preise, wie etwa der Deutsche Kurzfilmpreis, mit denen "Proll!" bereits ausgezeichnet wurde.

Mehr Informationen "PROLL!"
Regie: Adrian Figueroa

Im Programm beim Filmfest Dresden: Nationaler Wettbewerb 1

Aufführungen:
Dienstag, 5.4. 21.30 Uhr, Schauburg Dresden
Mittwoch, 6.4. 20.15 Uhr, PK Ost
Donnerstag, 7.4. 20.30 Uhr, Kino im Kasten
Freitag, 8.4. 22.00 Uhr, Schauburg Dresden
Sonnabend, 9.4. 22.00 Uhr, Schauburg Dresden

Logo MDR 7 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
7 min

Das Kurzfilmfestival startet im analogen Modus und in Solidarität mit den Menschen in der Ukraine. Mit welchen Filmen? Welchen Schwerpunkten? Ein Gespräch mit Festivalleiterin Sylke Gottlebe.

MDR KULTUR - Das Radio Di 05.04.2022 06:00Uhr 06:34 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

"Nicht die brasilianischen Homosexuellen sind pervers, sondern die Situation, in der sie leben": Hommage an Rosa von Praunheim

Von Eduardo Mamede und Paulo Menezes

Es ist ein wirklich langer Titel für einen kurzen Film: "Nicht die brasilianischen Homosexuellen sind pervers, sondern die Situation, in der sie leben". Inspiriert dazu wurden die beiden brasilianischen Filmemacher Eduardo Mamede und Paulo Menezes allerdings von keinem geringeren als Rosa von Praunheim und seinem 1971 veröffentlichtem Spielfilm "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt". Und auch formal finden sich durchaus Parallelitäten, etwa der nachträglich eingesprochene Text und die nicht synchronen Dialoge.

Zwei nackte Männer am Strand
Bei Brasilien und Strand denkt man unweigerlich an Palmen und Sonne - die beiden Protagonisten dieses Filmes liegen an einem eher unscheinbaren Berliner Gewässer Bildrechte: The Open Reel

Dass dieser Film die Gemüter ähnlich stark bewegt und provoziert wie von Praunheims "Original" (dieser war damals der Starschuss für die westdeutsche Schwulen- und Lesbenbewegung), scheint eher unwahrscheinlich. Dafür strahlt er eine viel zu große Unbeschwertheit aus. Zumindest vordergründig, wenn beispielsweise die beiden queeren Brasilianer einen Sommernachmittag an einem See in Berlin verbringen, baden, sich sonnen und ihre Nacktheit zelebrieren.

Worüber sich die zwei im entspannten Plauderton dabei unterhalten, hat es dennoch in sich. Denn in ihren Gesprächen über Liebe und Sex schwingen immer auch Erfahrungen mit Migration, Rassismus und kolonialem Denken mit – nicht etwa in ihrer Heimat Brasilien, sondern in Berlin, wo die Filmemacher leben. Ein selbstkritischer Blick in diesen Spiegel, den Mamede und Menezes den Zuschauerinnen und Zuschauern vorhalten, lohnt sich also allemal, zumal er sehr unterhaltsam und humorvoll verpackt ist.

Mehr Informationen "Nicht die brasilianischen Homosexuellen sind pervers, sondern die Situation, in der sie leben"
Regie: Eduardo Mamede und Paulo Menezes

Im Programm beim Filmfest Dresden: Nationaler Wettbewerb 4

Aufführungen:
Mittwoch, 6.4. 17.30 Uhr, Schauburg Dresden
Donnerstag, 7.4. 19.00 Uhr, Schauburg Dresden
Freitag, 8.4. 22.30 Uhr, Schauburg Dresden
Sonnabend, 9.4. 13.00 Uhr, Schauburg Dresden

Im Programm beim Filmfest Dresden: Panorama National

Aufführungen:
Freitag, 8.4. 19.30 Uhr, Schauburg Dresden
Sonntag, 10.4. 22.30 Uhr, Thalia Dresden

"Steakhouse": Surreales Beziehungsdrama als Animationsfilm

Von Spela Čadežs

Rache ist süß! Im Fall von Spela Čadežs Animationsfilm "Steakhouse" wohl aber eher pikant. Da wäre Franc, der mit viel Hingabe und vor allem zeitlicher Präzision das perfekte Steak zubereitet – für das gemeinsame Abendessen mit seiner Frau Liza. Die wurde allerdings von ihren Kolleginnen und Kollegen im Büro mit einer Geburtstagsparty überrascht und kommt nicht weg. Immer wieder geht ihr Blick zur Uhr und man ahnt, wenn man beim Szenenwechsel Franc mit der Stoppuhr am Herd sieht, dass der Konflikt vorprogrammiert ist.

Eine gezeichnete Frau schaut aus einem Fenster
Ein gemeimsames Abendessen wird in dem Kurzfilm "Steakhouse" von Spela Čadežs zur Geduldsprobe Bildrechte: Finta Film, Fabian&Fred

Endlich zu Hause angekommen, betritt Liza eine verrauchte Wohnung. Nur schemenhaft erkennt man Franc oder besser seinen Mund, verbissen das verbrannte Fleisch kauend. Die Gesichtszüge seiner Frau dagegen abwartend, eingeschüchtert, ängstlich.

Čadežs aus Papier ausgeschnittene Figuren wirken so lebendig und greifbar, dass man mit ihnen regelrecht mitfühlt, die angespannte Atmosphäre mit durchlebt, die sich im dichten Nebel zwischen Franc und Liza immer weiter aufbaut – bis schließlich Blut fließt. Wessen? "Steakhouse" schauen, dann erfahren Sie es!

Mehr Informationen "Steakhouse"
Regie: Spela Čadežs

Im Programm beim Filmfest Dresden: Nationaler Wettbewerb 1

Aufführungen:
Dienstag, 5.4. 21.30 Uhr, Schauburg Dresden
Mittwoch, 6.4. 20.15 Uhr, PK Ost
Donnerstag, 7.4. 20.30 Uhr, Kino im Kasten
Freitag, 8.4. 22.00 Uhr, Schauburg Dresden
Sonnabend, 9.4. 22.00 Uhr, Schauburg Dresden

Logo MDR 47 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Rae": Kindheit zwischen Freude, Trauer und Trostspende

Von Kawennáhere Devery Jacobs

Auch in diesem Jahr kann das Filmfest Dresden mit Big Names, großen Namen aufwarten. Kawennáhere Devery Jacobs ist einer davon, wobei die Kanadierin vor allem bekannt ist als Schauspielerin, etwa in der hoch gelobten Serie "Reservation Dogs". Mit dem Spielfilm "Rae", der im inzwischen schon traditionellen Filmfest-Programm "Fokus Québec" läuft, präsentierte sie sich aber gleichzeitig auch als Regisseurin.

Ein Kind sitzt vor einer Kerze, die ihr von einer Frau gereicht wird
Die kleine Rae freut sich auf ihren Geburtstag, so wie es wohl nur Kinder können – doch der verläuft anders als erwartet Bildrechte: Prospector Films

Kawennáhere Devery Jacobs erzählt in ihrem Film die Geschichte von Rae, einem Mohawk-Mädchen. Sie wird sieben und freut sich auf ihre Geburtstagsparty. Während sie mit den Vorbereitungen beschäftigt ist, beginnt ihre Mutter hektisch sämtliche Freundinnen und Freunde abzutelefonieren, da sie vergessen hat, die Einladungen zu verschicken.

Das vor Vorfreude strahlende Gesicht Raes auf der einen – der verstohlene, schuldbewusste Blick der Mutter auf der anderen Seite. Als niemand kommt, möchte man das traurige kleine Mädchen am liebsten in den Arm nehmen, stattdessen umarmt Rae ihre Mutter, verdrückt sich die Tränen und blickt mit einem fast mütterlichen Blick auf sie – ganz klar, wer hier die Mutter- und wer die Tochterrolle spielt.

Es ist ein liebevoll erzählter Film, was sicher auch damit zusammenhängt, dass Kawennáhere Devery Jacobs hier ihre eigene Familiengeschichte bzw. die ihrer Mutter verarbeitet hat und in der man die Regisseurin in der Rolle der eigenen Großmutter, die an Schizophrenie litt, erleben kann.

Mehr Informationen "Rae"
Regie: Kawennáhere Devery Jacobs

Im Programm beim Filmfest Dresden: Fokus Québec

Aufführungen:
Mittwoch, 6.4. 20.00 Uhr Thalia Dresden
Freitag, 8.4. 21.45 Uhr Kino Schauburg Dresden

Und noch ein Tipp: MDR-Kurzfilmnacht am 8./9. April 2022

Anlässlich des 34. Filmfestes in Dresden präsentiert der MDR in der Nacht vom 8. zum 9. April fünf neue Kurzfilme, die erstmals im deutschen Fernsehen zu sehen sind. Los geht es kurz nach Mitternacht. Außerdem gibt es ein großes Mediatheks-Special bereits ab 5. April als Best-of zum Filmfest Dresden aus den letzten Jahren. Mehr zur MDR-Kurzfilmnacht:

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. April 2022 | 13:10 Uhr

Mehr MDR KULTUR