Filmgeschichte "Das Auge von Dresden": Ernst Hirsch wird 85

Er besitzt das größte Filmarchiv über Dresden von 1903 bis heute, hat als Kameramann für Peter Schamoni gearbeitet und den Wiederaufbau der Frauenkirche dokumentiert. Jetzt ist Ernst Hirsch 85 und spricht über sein Leben und seine Liebe zum dokumentarischen Bild.

Ernst Hirsch in seinem Filmarchiv
Ernst Hirsch in seinem Filmarchiv in Dresden. Bildrechte: imago/Jörn Haufe

MDR: Herr Hirsch, was ist eigentlich der älteste Film, den es über Dresden gibt, den Sie je in der Hand hatten?

Ernst Hirsch: Ich habe vor noch gar nicht allzu langer Zeit eine kurze französische Aufnahme entdeckt, vom Erfinder Lumière initiiert, und zwar eine 18 Sekunden lange Einstellung: Die alte Augustusbrücke vom Schlossplatz gesehen, die verkehrenden Straßenbahnen, die Fußgänger, Leute mit Hundegespann. Das ist eine solche Faszination. Und überhaupt finde ich: Der dokumentarische Film ohne eine Beeinflussung durch Regie oder durch irgendwelche Gestaltung ist für mich die höchste Form der Geschichtsaufbewahrung. Wenn dazu noch Ton kommt, dann ist das eigentlich für mich höher gestellt als geschriebenes Wort oder nur ein unbewegtes Foto. Alles hat seine Berechtigung, aber das bewegte Filmbild ist für mich ein großes Dokument.

Wenn Sie jetzt zurückschauen aus Anlass Ihres 85. Geburtstages - Sie haben bereits zum Ausdruck gebracht: Dresden ist Ihr Ein und Alles. Nun weiß man aber auch aus Ihrer Biografie, Sie sind 1989 per Ausreiseantrag nach München ausgewandert, haben dort für Peter Schamoni gedreht, sind dann 1993 wieder zurückgekommen. Haben diese Jahre in München Ihren Blick auf Dresden im Wesentlichen verändert?

Nein, in gar keiner Weise. Im Gegenteil, der Blick ist geschärft worden, und ich sage immer: Der Blick über den Tellerrand ist ganz wichtig und der Blick von außen ist ganz enorm. Und man gewinnt völlig neue Erkenntnisse, auch für seine eigene Heimatstadt, wie in diesem Fall für mich für Dresden.

Über Ernst Hirsch und seine Arbeit

Ernst Hirsch in seinem Filmarchiv
Bildrechte: imago/Jörn Haufe

Seit 1965 sammelt Ernst Hirsch Filme über Dresden. Durch seine jahrzehntelange Sammeltätigkeit verfügt er über das größte private Filmarchiv zur Geschichte seiner Heimatstadt von 1903 bis heute. Als Regisseur und Kameramann dreht er, der auch gern als "Das Auge von Dresden" bezeichnet wird, Werbefilme, Künstlerporträts und Dokumentarfilme. Mit filmischen Biografien fand er ein Thema, das ihn bis ins Rentenalter beschäftigen sollte. Von 1970 bis 2008 fing er die Leben so unterschiedlicher Künstler wie Canaletto, Caspar David Friedrich, Max Ernst oder des kolumbianischen Fernando Botero ein.

1986 stellte er mit Frau und Kind den Ausreiseantrag. Drei Jahre später durften die Hirschs nach München gehen. Dort arbeitete er als Kameramann preisgekrönter Filme bei Peter Schamoni. Als es dann 1993 hieß, die Frauenkirche werde wieder aufgebaut, kam Hirsch schnell zurück nach Dresden. Seine Doku-Reihe "Die steinerne Glocke" wurde Hirschs größtes und längstes Filmprojekt. Von 1993 bis 2005 hielt er den Wiederaufbau seiner Taufkirche in beinahe sieben Filmstunden fest.

Ich habe mir erzählen lassen, Sie fahren noch immer den Mercedes von Peter Schamoni. Sie sind ja vielen Regisseuren und Künstlern begegnet - ist er trotzdem derjenige, der Sie am meisten geprägt und beeinflusst hat oder vielleicht auch in Ihrer Sicht korrigiert hat?

Korrigiert schon, denn ich hatte die wunderbare Gelegenheit, mit Peter Schamoni in München einen ersten Dokumentarfilm über Max Ernst zu drehen. Das waren für mich völlig neue Erkenntnisse, nicht nur in Deutschland, auch in Amerika und in Frankreich und so weiter. Diese Erkenntnisse möchte ich nicht missen. (...) Ich habe ja immer auch Künstlerfilme gemacht, auch in Dresden und in der damaligen DDR. Das hat schon einen großen Erkenntnisgewinn gebracht. Für mich dann auch der Film über Niki de Saint Phalle, ein weniger bekannter Film über den Künstler Fernando Botero, einen kolumbianischen Künstler und dann auch noch einen Dokumentarfilm über Kaiser Wilhelm. Das war eigentlich die Abschlussarbeit mit Peter Schamoni.

Ich glaube, jeder, der über die Geschichte des Wiederaufbaus der Dresdner Frauenkirche erzählt, erzählt auch irgendwie von den Filmen. Es gibt ja diese siebenteilige Doku-Serie, die Sie gedreht haben. Was war für Sie das Bemerkenswerteste an diesem Wiederaufbau?

Die Tatsache, dass wir in England diese Wiedererschaffung des Kuppelaufsatzes drehen konnten und dort die Versöhnungsarbeit der englischen Freunde spüren konnten, ob das in Coventry war oder mit Dr. Alan Russell zusammen. Das war ein eine tiefe Empfindung, denn ich hatte ja als Kind den Angriff überlebt, mit meinen Eltern mit neun Jahren, und die Engländer waren ja im Wesentlichen daran mitbeteiligt mit ihren Bombenflugzeugen.

Aber die Versöhnungsarbeit, die auch in England geleistet wurde in dieser Hinsicht, als das Denkmal für den Bomber General Harris eingeweiht wurde, standen die Leute mit Protestschildern dagegen. Also man versuchte schon eine Versöhnungsarbeit und das ist auch im Wesentlichen gelungen.

Wir leben ja nun in einer Welt der Bilderflut. Man hat immer den Eindruck, jedes Bild steht noch über dem Fakt bzw. erreicht noch eher die Aufmerksamkeit als Fakten. Wie erleben Sie das? Sind Sie froh darüber, dass das Bild jetzt eine derartige Bedeutung hat?

Diese Bilderflut, die heute mit diesem Taschen-Fernsprechapparaten erzeugt wird, die geht ja ins Millionen-Milliardenfache. Und ich bedauere immer, wie oberflächlich die Leute einfach mit diesen Geräten umgehen, die ihnen alle Möglichkeiten bieten, ein gutes Bild zu machen. Aber da wird im Hochformat geknipst, da wird draufgehalten mit keiner Überlegung. Da fehlt auch eine gewisse ästhetische Schulung. Die Leute sollten nur in die Gemäldegalerie gehen, sich die Bilder angucken: Wie ist ein Bild aufgebaut, wie eine Komposition. Es wäre so einfach und früher gab es direkt Lehrgänge und Kurse, wo man das ein bisschen lernen konnte. Es wäre schön, wenn das heute wieder wäre, weil gerade das ästhetische Empfinden über die Bildgestaltung sehr stark beeinflusst wird.

Das Interview führte Andreas Berger für MDR SACHSEN "Aufgefallen - Das Kulturmagazin".

Mehr Film- und Kulturthemen aus Dresden

Dieses Thema im Programm: MDR 1 RADIO SACHSEN | "Aufgefallen - Das Kulturmagazin" | 12. Juli 2021 | 20:00 Uhr

Abonnieren