Film "Schocken – Ein deutsches Leben" Neue Doku: Salman Schocken – Kaufhausgründer, Verleger und Kulturförderer

Salman Schocken gründete nach seiner Lehre in Zwickau zu Beginn des 20. Jahrhunderts zahlreiche erfolgreiche Kaufhäuser: in Zwickau, Chemnitz, Aue und in ganz Deutschland. Die Kaufhauskette versprach ein vollkommen neues Einkaufserlebnis. Und er machte sich für Kultur und Literatur stark, besaß die damals größte Privatbibliothek und war Mäzen. 1934 emigrierte Schocken nach Palästina. Sein Leben wurde in der Dokumentation "Schocken – Ein deutsches Leben" verfilmt und zeigt exklusive Bilder aus Chemnitz, Zwickau oder Crimmitzsch.

Schocken – das legendäre Kaufhaus in Chemnitz
Der Schriftzug Schocken am Eingang Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Film "Schocken – Ein deutsches Leben" erzählt von dem Unternehmer, Sammler und Schöngeist Salman Schocken. 1904 gründete er in Zwickau eine Kaufhauskette und wurde deutschlandweit berühmt mit seiner bahnbrechenden Idee, den Lebenstil "der kleinen Leute" bezahlbar zu machen und zu prägen. Und Schocken war zugleich ein großer Mäzen und Literaturliebhaber.

Schocken-Kaufhäuser in Zwickau, Chemnitz, Aue

Der Aufforderung "Komm, Hilde, wir gehen zu Schocken" wurde damals tausendfach gefolgt, denn bei Schocken gab es blumige Kleider und lustige Hüte in lichtdurchfluteten Räumen. Hier machte man sich einen schönen Nachmittag, zumeist mit der Freundin. Kaufen wurde bei Schocken zum Erlebnis. Die Schocken-Warenhäuser standen für die Moderne der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Kaufhaus
So sah es in den Schocken-Kaufhäusern aus Bildrechte: Salzgeber & Co. Medien GmbH

Jede Stadt, in der er war, hat er aufgewertet. Er hat auf alle Fälle Leben in die Stadt gebracht und dafür gesorgt, dass die Städte lebenswerter waren.

Architekt Jens Dietrich im Film über Salman Schocken

Und Schocken baute und betrieb Kaufhäuser, ob in Zwickau, Chemnitz, Aue, Cottbus oder Nürnberg. Er war Autokrat, aber als Mäzen großzügig und pflegte eine riesige Privatbibliothek.

Regisseurin Noemi Schory zeigt sich fasziniert von Schockens "Vielseitigkeit dieser ununterbrochenen Neugier in jede Richtung, ob es um Innovation im Handel, um die deutsche Literatur oder um hebräische und jüdische Literatur ging". Schocken erscheine ihr fast wie ein allumfassend interessierter Renaissance-Mensch, der als Mäzen nicht nur Geldgeber war, sondern involviert bis zum kleinsten Detail. Ein Perfektionist. "Und diese Persönlichkeit hat mich sehr gereizt."

Ein Mann
Salman Schocken Bildrechte: Salzgeber & Co. Medien GmbH

Es gibt keinen Grund, warum ein Arbeiter nicht mit einem gutgeschnittenen Anzug, Arm in Arm mit seiner Frau, die farbige, modische Kleider trägt, herumlaufen soll. Wir werden den Lebensstandard erhöhen und den Konsum demokratisieren.

Salman Schocken

Deutschlands viertgrößte Kaufhauskette

Dabei ging Schocken nur vier Jahre zur Schule, der Rest war lebenslanges Selbststudium. Geboren 1877 in Galizien, kam der Ostjude um 1900 nach Berlin. Dann folgte er dem Ruf seines Bruders nach Zwickau, um gemeinsam ein Kaufhaus zu gründen. In wenigen Jahren entstand – mit 20 Häusern – Deutschlands viertgrößte Kaufhauskette. Der Verzicht auf Marmor, Kristall und Prunk in seinen Häusern ermöglichte preiswerte Qualität.

Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz
Im ehemaligen Kaufhaus Schocken befindet sich heute das Staatliche Museum für Archäologie Chemnitz (smac). Bildrechte: IMAGO

Schocken war auch Verlagsgründer und Büchersammler

"Unser Kapital ist die Arbeitsfreude des Personals" hat Schocken gesagt und baute für seine Mitarbeiter Ferienheime und eine ganze Wohnsiedlung in Zwickau. Ob er davor oder erst danach die Erstausgabe vom "Kapital" von Karl Marx erwarb, ist unbekannt. Bekannt ist, dass er den Schocken-Verlag gründete und Bücher sammelte. Mit rund 60.000 Exemplaren entstand so die größte private Sammlung an deutscher Klassik, Moderne und jüdischer Literatur.

Er war so nach Bildung hungrig, dass er, als er mit Chauffeur von einem Kaufhaus zum anderen fuhr – der hat oft einen Lehrer bei sich gehabt, wo er diese Zeit ausgenutzt hat, um etwas zu lernen, nicht nur Bücher zu lesen, sondern sogar zu lernen.

Noemi Schory, Regisseurin von "Schocken – Ein deutsches Leben"

Schocken gab sein Wissen über Bücher und Literatur gerne weiter. Auch an Samuel Joseph Agnon, dessen Mäzen er wurde. Agnon erhielt 1966 als erster hebräischer Schriftsteller den Literaturnobelpreis. Ihm hat er dauernd Bücherlisten geschickt oder Bücher geschickt, weiß Schory, darunter Autoren wie Balzac oder Strindberg. Agnon sagte über seinen Förderer: "Wer einmal mir ihm zu tun hatte und erlebte, wie er jedes Detail prüft und immer wieder die Veröffentlichung eines Buches wegen Problemen mit der Papierqualität oder der Umschlaggestaltung wegen verschiebt, der weiß, dass dies keine Marotten sind, sondern Merkmale eines willensstarken Mannes sind, der an Details glaubt und keine Kompromisse eingeht."

Männer
Die Brüder Simon und Salman Schocken (rechts) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch heute erkenntnisreich

Bei all den Fakten, Geschichten und Anekdoten historisiert der Film von Noemi Schory notwendigerweise. Doch die Regisseurin versucht, dem Menschen, dem Humanisten Schocken und seinem Erbe näherzukommen.

Wichtig sei ihr auch, die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verbinden. So begleitet die Regisseurin mit der Kamera eine Gruppe Schüler in Zwickau, die über die Stadtgeschichte zu Schocken finden. Einer Schüler formuliert seine Erkenntnisse so: "Ich meine, dass der Aspekt des Menschen, der Wert des Menschen wahrscheinlich bei Salman Schocken damals wesentlich höhergestellt war, also nicht höhergestellt war als der Profit, aber dass er sich trotzdem um die Menschen gekümmert hat, was in der heutigen Zeit, in der es nur noch ums Geld geht und der Mensch nur noch irgendwie als ein Werkzeug funktionieren soll, hinten runterfällt."

Das Wirken Schockens findet in Deutschland ein jähes Ende, als die Nazis die Macht ergreifen. Seine Bibliothek kann Schocken vor ihnen retten, als er 1934 nach Palästina emigriert. Seine Kaufhäuser werden arisiert. Unternehmer, Sammler, Schöngeist – davon erzählt der Film "Schocken – Ein deutsches Leben".

Menschen vor dem Kaufhaus Schocken
Nazis vor einem der Schocken-Kaufhäuser Bildrechte: Salzgeber & Co. Medien GmbH

Über den Film "Schocken - Ein deutsches Leben"
Dokumentarfilm

85 Minuten, ab 6 Jahre
Regie und Drehbuch: Noemi Schory
Kinostart: 4. November 2021

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Artour | 21. Oktober 2021 | 22:05 Uhr