Interview Neue Serie: "Pflegionärin" unterwegs in Thüringen: "Das sollte kein Randthema sein"

Mit ihrem Kleinwagen fährt Caro Lache durch Thüringen. Als Pflegekraft muss sie sich um viele Menschen kümmern – mal alt, mal jung. Die neue Webserie "Die Pflegionärin" erzählt in knappen Episoden aus ihrem Alltag. Die Hauptrolle übernahm Benita Sarah Bailey. Wie sie sich auf die Figur vorbereitet hat und was sie sich von der Serie erhofft, erzählt die Schauspielerin im Interview.

MDR KULTUR: Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Benita Sarah Bailey: Indem ich in Berlin ein Praktikum bei einer Freundin gemacht habe, die eben Pflegekraft ist. Das war für mich eine intensive Arbeit und Begegnung. Ich habe auch recherchiert zu dem Thema, wie es politisch um das Thema steht. Ich habe mich auf die Rolle auch anders vorbereitet, indem ich überlegt habe, was ist das für eine Figur: Wie geht Caro Lache mit den Missständen um?

Im Laufe des Lebens kommt jeder mit dem Thema Pflege in Berührung. Hatten Sie vor der Serie schon einen Bezug dazu?

Meine Mutter arbeitet selbst im medizinischen Bereich und seit ich denken kann, macht sie am Wochenende Hausbesuche – bis heute. Als Physiotherapeutin besucht sie vornehmlich ältere Menschen oder Menschen, die einen Unfall hatten und wieder laufen lernen müssen. Ich hatte da sofort ein Bild vor Augen. Ich musste als Teenager auch meinen Opa eine Weile mitpflegen, weil er sich nicht mehr selbst versorgen konnte, mit Waschen und solchen Dingen.

von links: Judith Bonesky (Regie), Carolin Walter (Pflegechefin Katja), Benita Sarah Bailey (Caro Lacher), Noah Bailey (Luca Lacher), Jürgen Rehberg (Kamera), Johanna Teichmann (Produzentin)
Die Serie "Die Pflegionärin" ist mit einem hochkarätigen Ensemble besetzt. Bildrechte: Chris Riebe/Cross Media

Die Serie "Die Pflegionärin" greift ein gesellschaftlich sehr relevantes Thema auf. Wie gut funktioniert das in einem Unterhaltungsformat? Wie geschönt sind die Fälle in den einzelnen Folgen?

Meiner Meinung nach steckt viel Realismus in dieser Serie. Ich finde es total schön, dass man diese Dinge eben nicht umgeht, die vielleicht unschön sind. Es kommt auch immer wieder zu Missverständnissen oder Problemen entweder mit Angehörigen oder mit den Pflegebedürftigen selbst. Man hat zwar ganz klar das Mittel Humor gewählt, um es den realen Situationen entgegenzustellen, ich habe jedoch das Gefühl, dass nicht geschönt wird.

Ein Beispiel: Frau Hammerstädt ist eine Biathletin und Olympiasiegerin, gespielt von Maria Ehrich. Die hatte einen Unfall und ist seitdem gelähmt. Ein Mensch, der völlig gesund im Leben stand, muss mit dieser Lähmung umgehen, dass die Pflegerin sie auf einmal wäscht und alles für sie tun muss. Da kommt noch die mentale Situation dazu, dass dieser Mensch – jung und sehr sportlich – auch den Mut finden muss, das alles zu erlernen, obwohl man alle Lebensträume auf einen Schlag verloren hat. Dieses Beispiel zeigt auch, dass Pflege wirklich jeden angehen kann und eben nicht nur alte Menschen betrifft.

MDR-Streamingserie "Die Pflegionärin" - Caro rollt Silke ins Bad
Die Geschichte um eine gelähmte Olympionikin zeigt, dass das Thema auch junge Menschen betrifft. Bildrechte: MDR/Cross Media/Christian Riebe

In nur 10 Minuten langen Episoden werden die Probleme der ambulanten Pflege gezeigt. Was würden Sie sich denn für ihre Figur und die Pflegebedürftigen wünschen? Was sollte sich verändern?

Ich wünsche mir für Caro, dass sie mehr Zeit für ein Privatleben hat, dass sie sich als Alleinerziehende Zeit für ihren Sohn nehmen kann – auch wenn es nur zum Schuhekaufen ist, dass sie sich für eine eigene Partnerschaft Zeit nehmen kann. Das alles fällt so hinten runter, wegen dieser enormen Arbeitszeiten einer Pflegekraft.

Die Pflegionärin 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Pflegionärin Mi 23.03.2022 11:40Uhr 02:02 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Die Pflegionärin Mi 23.03.2022 11:40Uhr 02:02 min

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Ich wünsche mir aber auch, dass dieser Beruf ein anderes Ansehen findet, dass er den Respekt und die Aufmerksamkeit bekommt, der ihm gebührt. Ich wünsche mir, dass Pflege, der Notstand oder die gesamte Situation mehr in der Mitte der Gesellschaft besprochen wird und dass es nicht nur ein Randthema ist, wie es momentan noch ist. Dafür sollte ein größeres Interesse da sein.

Und ich würde mir wünschen, dass viele Leute sich die Serie anschauen – die Episoden sind ja kurz. Es gibt viele Überraschungen: Wir sprechen direkt in die Kamera, also mit dem Publikum. Also wir reizen dieses Genre der Dramedy auch aus und ich würde mich freuen, wenn sich so viele Menschen wie möglich von dem überraschen lassen würden, was wir da spielen.

Das Gespräch führte Moderatorin Rachel Gehlhoff für MDR KULTUR.

Weitere Informationen Alle fünf Folgen der Serie "Die Pflegionärin" sind bis zum 23. September 2022 in der ARD Mediathek verfügbar.

Die Episoden sind zwischen 9 und 12 Minuten lang.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. März 2022 | 06:10 Uhr

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