Doris Zieglers "Passagenbilder" Wie ein Kunstwerk die Wendezeit in Leipzig vorwegnahm

Der saalfüllende Bilderzyklus "Passagenbilder" der Leipziger Malerin Doris Ziegler gehörte 2019 im Leipziger Bildermuseum zu den Neuentdeckungen in der hoch gelobten Ausstellung "Point of No Return". 30 Jahre nach Friedlicher Revolution und Wiedervereinigung war darin verdrängte DDR-Kunst wieder oder neu zu entdecken. Etwa Doris Zieglers "Passagenbilder", die, zwischen 1988 und 1993 geschaffen, von den Umbrüchen zeugen. Nun ist zu dem Bilderzyklus ein Kunstbuch von Paul Kaiser erschienen, das zudem Zieglers Gesamtwerk würdigt.

Doris Ziegler, Große Passage, 1989-1990, Mischtechnik auf Leinwand, 295x350cm, Privatbesitz
Doris Ziegler "Große Passage", 1989-1990 Bildrechte: VG Bild-Kunst Bonn, 2019, Foto: InGestalt/Michael Ehritt

Die prägende Farbe in Doris Zieglers großen Passagen-Bildern ist Grau – gern grünlich gefärbt. Sie verhandeln die DDR-Gesellschaft Ende der Achtziger. Inmitten der ergrauten Innenstadt-Passagen, Leipzigs guter Stube, zeigt die Malerin Wartende, umgeben von Mauern, die Bürde des Wartens während die Lebens-Uhr tickt. Im Mittelpunkt steht eine Komödiantentruppe samt Pierrot, von Watteau und der Commedia dell'arte inspiriert.

"Als ich das konzipiert habe, war das noch weit, bevor irgendwelche Leute auf die Straße gegangen sind", sagt Doris Ziegler. "Die Passage, das ist natürlich auch ein doppeldeutiger Begriff. Für mich war es die perfekte Bühne, die Figuren, die Menschen, die ich gemalt habe, da hinein zu setzen. Und zwar sitzend, nicht sich bewegend."

Gesellschaftsbewegung in Bildern

1994 geht das Grau in belebtes Beige über, die Passagen erscheinen aber noch enger, offenbaren klaustrophobische Ängste und Entsetzen über den Einzug des Marktes, der neuen, verdorbenen Sitten. Einige der Protagonisten kämpfen nun statt zu sitzen. Grellgelb leuchtet der Torso einer Schaufensterpuppe.

Gemälde >>Passage<< von Doris Ziegler
Gemälde "Passage" von Doris Ziegler. Bildrechte: Tympanon Verlag Weimar 2020/Doris Kaiser

Zieglers "Passagen-Werk" wurde in seiner Gesamtheit erst 2019 öffentlich gezeigt – in der Ausstellung "Point of No Return" des Leipziger Bildermuseums. Paul Kaiser, einer der Kuratoren, brachte den Zyklus in die Schau ein. "Der Passagen-Zyklus von Doris Ziegler ist eine einzigartige Antizipation gesellschaftlicher Vorgänge, die man heute als Herbstrevolution oder auch als Transformation aus einer Gesellschaft in eine andere hinein kennt", erklärt Kaiser. "Weil es eben an einem Leipziger Nukleus Leipziger Gesellschaftsbewegung vorwegnimmt."

Frauen Mut machen

Nicht nur Paul Kaiser findet, dass das Passagen-Werk eine besondere Würdigung verdient, die nun mit einem 308 Seiten starken Kunst-Buch erbracht wurde. Aufsätze und Betrachtungen namhafter Kunsthistoriker und Kritikerinnen sind darin vereint. Das Buch nimmt Zieglers gesamtes Werk in den Blick.

>>Selbst mit Mutter und Badewanne<< von Doris Ziegler
"Selbst mit Mutter und Badewanne" von Doris Ziegler Bildrechte: Tympanon Verlag Weimar 2020/Doris Kaiser

Doris Ziegler, Malerin der "Leipziger Schule" zweite Generation, wurde 1949 in Weimar geboren. Ihr Grundlagenstudium absolvierte sie bei Werner Tübke. Ihr Malstil neigt kühl der Neuen Sachlichkeit zu. Anschaulich schildert Paul Kaiser in seinem Aufsatz, wie sie es 1989 schaffte, Assistentin für Malerei an der HGB zu werden, unter Arno Rink als Rektor. Nach Elisabeth Voigt, Ende der 40er-Jahre, war sie die zweite, die in dieser Leipziger Männerdomäne über Malerei dozieren durfte. Von 1993 bis 2014 wurde Ziegler Professorin im Grundlagenstudium Malerei. "Ich habe auch versucht, in der Lehre, die ich selbst ein bisschen vermitteln durfte, den jungen Frauen Mut zu machen. Und zu sagen: Ihr könnt auf einem Arm ein Kind schaukeln und mit dem anderen wird gemalt! Also es geht weiter, es ist alles möglich", erzählt Ziegler. "Natürlich ist eine Partnerschaft gut, in der der andere einem hilft. Ich hatte das kaum – und ja, es geht!"

Porträt Doris Ziegler
Doris Ziegler in ihrem Atelier in Plagwitz Bildrechte: Steffen Junghanns

Mehr als eine "Malersgattin"

Buchcover Doris Ziegler
Cover des Buchs "Doris Ziegler. Das Passagen-Werk. Malerei.
Mit dem Werkverzeichnis der Gemälde (1970 bis 2020)"
Bildrechte: Tympanon Verlag Weimar 2020/Doris Kaiser

Mit dem Motiv der Doppelgängerin in Zieglers Frauenbildern beschäftigen sich im Katalog zwei Aufsätze der bekannten Kunsthistorikerinnen April Eisman und Katrin Arrieta. Mit ihrem bekannten Bild "Brigade Rosa Luxemburg" sowie ihrem Doppel-Portrait "Ich und Du" nahm Ziegler 2015 an der ebenfalls legendären Ausstellung "Die bessere Hälfte" in der Kunsthalle der Sparkasse in Leipzig teil. Auch sie kann das pikante Detail einer Ehe mit einem "namhaften" Leipziger Maler vorweisen: Von 1972 bis 1981 war die Künstlerin mit Thomas Ziegler verheiratet, zu seinem Tod, 2015 galt er als einer der wichtigsten Maler Mecklenburg-Vorpommerns.

In Leipzig hat es Tradition, dass befähigte Malerinnen weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen oder als "Malersgattin" auf der Strecke bleiben. Das ist bei Doris Ziegler nicht der Fall, an Bekanntheit jedoch mangelt es ihr. Das will das neue Buch ändern.

Mehr Informationen Paul Kaiser (Hrsg.):
Doris Ziegler. Das Passagen-Werk. Malerei.
Mit dem Werkverzeichnis der Gemälde (1970 bis 2020)
Weimar: Tympanon 2020
Hardcover, 304 Seiten, 306 Abbildungen,
43 Euro
ISBN: 978-3-00-066335-2

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. Februar 2022 | 08:40 Uhr