Buchtipp "Eine Formalie in Kiew": Literarische Spurensuche des Leipziger Autors Dmitrij Kapitelman

25 Jahre lebte der in Kiew geborene Autor Dmitrij Kapitelman in Deutschland, unter anderem in Leipzig. Schließlich entscheidet er sich, die ukrainische Staatsbürgerschaft aufzugeben. Dafür muss er eine sogenannte Apostille aus seiner Geburtsstadt holen. In seinem Roman "Eine Formalie in Kiew" erzählt er von der Reise, auf der auch Heimat verstehen lernt und seine glücklichen Eltern wiederfindet. Ein empfehlenswertes Buch, meint der Kritiker Matthias Schmidt.

Buch Cover von Eine Formalie in Kiew
In seinem Buch "Eine Formalie in Kiew" erzählt Dmitrij Kapitelman von der Suche nach Heimat und deren Verlust Bildrechte: Hanser Berlin

MDR KULTUR: Und war es nur eine Formalie? Der Titel klingt nach Komplikationen.

Dmitrij Kapitelman
Dmitrij Kapitelman wurde 1986 in Kiew geboren und kam im Alter von acht Jahren mit seiner Familie nach Deutschland. Er studierte Politikwissenschaft und Soziologie an der Universität Leipzig Bildrechte: Christian Werner

Matthias Schmidt: Das kann man so sagen. Aber diese Komplikationen sind völlig andere, als Kapitelman sich anfangs denkt. Nachdem er im Technischen Rathaus zu Leipzig erfahren hat, dass er eine Apostille braucht, denkt der Autor, er werde in dem Land, aus dem er als Kind mit seinen Eltern nach Deutschland kam, in Korruption und schreckliche Verhältnisse verwickelt. Es kommt anders, doch dazu kommen wir später. Erstmal gilt es zu genießen, wie Dmitrij Kapitelman seine Beweggründe beschreibt. Warum will er jetzt doch deutscher Staatsbürger werden? Es ging doch 25 Jahre lang auch so. Das ist lehrreich, vor allem aber mit einem wunderbaren Humor beschrieben. Das macht stilistisch Freude, ist wortgewandt und gedankentief – feinste Kolumnenware. Das ist alles andere als abwertend gemeint. Von Zeit zu Zeit schreibt Kapitelman auch in der "Zeit" oder für den "Spiegel", wo es um die Auflösung des Einkaufsladens seiner Eltern in Leipzig ging. Er berichtet dort sehr persönlich in einer Art New Journalism – sehr lesenswert.

Wie geht es denn mit der Formalie in Kiew weiter?

Entgegen aller Befürchtungen lief es fabelhaft. Es hatten ihn vorher alle gewarnt, dass das ohne Bestechung nie klappen würde. Er hatte auch selbst nicht daran geglaubt, dass in dem Land, in dem man besser nie auf einen Gullideckel tritt, weil er einbrechen könnte, ausgerechnet ein Amtsvorgang einfach sein könnte. Das ist er aber: außergewöhnlich freundliche und ebenso schrill gekleidete junge Frauen stellen ihm seine Papiere aus. Das also ist nicht die Hauptgeschichte des Buches, die viel mehr als nur eine Reise aus Leipzig in die Ukraine erzählt. Auf einer zweiten Ebene geht es Kapitelman um alles, könnte man sagen: Heimatsuche und Heimatverlust – und zwar nicht nur für ihn und seine Generation, sondern auch für die der Eltern. Er läuft also durch Kiew und erinnert sich, denkt über seine Vorurteile und die der anderen nach und trifft einen Sandkastenfreund wieder. Dabei kommt er mehr und mehr zu dem Schluss, dass Menschen wie er im Grunde keine Heimat haben. Nicht hier und nicht dort, sondern gar nicht. Ist das der Preis, den er und seine Familie für die Freiheit zu zahlen haben? Diesen Gedanken zu folgen ist sehr aufschlussreich, aber noch lange nicht das Ende der Fahnenstange: Dieses Buch, das Dmitrij Kapitelman selbst als autofiktionalen Roman bezeichnet, will und kann noch mehr erzählen.

Immer wieder begegnen uns Autorinnen und Autoren in ihren Romanen: Wenn Isabell Lehn in dem Roman "Frühlingserwachen" über eine Autorin namens Isabell Lehn schreibt oder Thomas Glavinic in "Das bin doch ich" über Thomas Glavinic. Was genau bedeutet also Autofiktion.

Ich bin nicht sicher, woran man es hier festmachen kann. Außer vielleicht daran, dass der Autor frei umgeht mit Dingen, sie verdichtet oder Ereignisse dazuerfindet, die hätten geschehen können. Ich habe dieses Buch ins Herz geschlossen, was auch immer es sein mag. Weil die nächste Ebene, die es aufmacht, eine sehr berührende ist: Es ist die Geschichte seiner Eltern. Anfang der 90er-Jahre sind sie mit ihm und einer unheilbar kranken Schwester nach Deutschland gekommen. Der Vater ein Geschäftsmann, unglaublich vital, ein Hansdampf in allen Gassen, der Handel trieb und es zu etwas brachte, damit sie nach Deutschland kommen konnten, das Land ihrer Träume, das Land, in dem man keine Angst haben muss, dass Gullydeckel einbrechen. Die Mutter war ebenfalls eine starke Frau. Aber hier veränderten sie sich, und nun, im Alter, haben sie alles wieder verloren und schauen willenlos zu. Ihr Geschäft ist geschlossen, der Vater wird lethargisch, die Mutter interessiert sich nur noch für ihre Katzen – Katzastan, wie der Sohn ihr Haus nennt.

Plattenbauten in Kiew, davor werden weitere Neubauten hochgezogen. mehrere Kräne stehen neben den Häusern.
Blick auf eine Plattenbau-Siedlung in Kiew Bildrechte: Dörte Hanisch | MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wie reagiert der Sohn darauf?

Dmitrij Kapitelman – also die Figur im Buch – hat die Beziehung zu seinen Eltern beendet. Abgeschlossen. Weil sie nicht mehr die alten sind, weil er sie nicht mehr versteht und sich fragt, woran es liegt. Warum konnten sie nicht richtig ankommen hier? Natürlich liebt er sie trotzdem, das geht eigentlich nicht, dass er seine Eltern verstößt. Also denkt er dauernd über sie nach – über die Früher-Mama und die Heute-Mama. Dem Buch gelingt es, eine überaus dramatische und dann wieder sehr komische und am Ende sogar emotionale Wendung zu nehmen. Sie bringt den Kiew-Reisenden und seine Eltern wieder näher zusammen. In seinen Erinnerungen, die ihm eben nur in Kiew möglich sind, entdeckt er die liebenden Eltern seiner Kindheit wieder. Am Ende kommen auch die Eltern nach Kiew und ausgerechnet in der alten Heimat gelingt ihnen, was in Leipzig nicht gelungen ist. Ein empfehlenswertes Buch.

Angaben zum Buch Dmitrij Kapitelman: "Eine Formalie in Kiew"
Hanser Berlin
176 Seiten
Preis: 20 Euro
ISBN: 978-3-446-26937-8

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Januar 2021 | 18:10 Uhr

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