Literatur Fünf Buchtipps zu Migration und Heimat

Ein Viertel aller Deutschen hat einen Migrationshintergrund. Dass ihre Geschichten jetzt in größerer Zahl in der Literatur dieses Landes auftauchen, ist längst überfällig. Autorinnen und Autoren wie Mithu Sanyal, Dmitrij Kapitelman, Shida Bazyar, Slavik Junge und Lena Gorelik bieten in ihren Büchern literarische Perspektiven auf Migration – und fragen: Für wen ist Deutschland eine Heimat?

Shida Bazyars wütende Analyse mit "Drei Kameradinnen"

Eine erbarmungslose literarisch-politische Analyse liefert Shida Bazyar. Ihre Eltern waren politische Aktivisten im Iran und mussten fliehen, Shida ist in Deutschland geboren. Und aufgewachsen mit Ereignissen, die damals noch als Einzelfälle behandelt und als "ausländerfeindlich" bezeichnet wurden: Rostock-Lichtenhagen, Mölln. Inzwischen gab es ganze Mordserien, offene Attentate und man spricht nun von Verbrechen, von Rassismus. Einen "Scheißeruck", nennt es die Erzählerin in Shidas Roman. "Wir sind nicht so anders als ihr. Das denkt ihr nur, weil ihr uns nicht kennt, weil ihr keine Kindheit hattet, die so roch wie unsere", schreibt Shida Bazyar und will erzählen, wie Rassismus sich anfühlt, Abgrenzung, Abweichung.

Shida Bazyar
Die Schriftstellerin Shida Bazyar Bildrechte: MDR KULTUR/Buchmesse Spezial

Mein Metier ist auch deswegen Literatur, weil ich die feste Überzeugung habe, dass Literatur ganz viel sensibilisieren kann, Emotionen herstellen kann, die wichtig sind.

Shida Bazyar, Schriftstellerin
Drei Kameradinnen, Shida Bazyar
In ihrem neuen Roman erzählt Shida Bazyar von drei jungen Frauen. Bildrechte: Kiepenheuer & Witsch

"Ihr" und "wir, die "falschen Deutschen", die "richtigen Deutschen", Gräben ziehen, das immer gleiche Opfer-Täter-Schema. Unter dem Himmel von Berlin wird das zum zentralen Thema der Freundinnen in Shida Bazyars Roman. Ein Wohnhaus brannte lichterloh, Menschen sind erstickt und Kasih sitzt in U-Haft. Legen nur Nazis Feuer oder auch wütende schwarzhaarige Frauen? Vielleicht sogar zu Recht, um sich an der deutschen Gesellschaft zu rächen? 

Voller Wut erzählt sie die Geschichte der drei Kameradinnen, die seit ihrer gemeinsamen Jugend in der Siedlung zusammenstehen. Die sich nach Jahren wieder treffen, wie einst auf dem Dach sitzen und sich erzählen, wie dieses Land mit ihnen umspringt, keinen Platz für sie hat.

Informationen zum Buch Shida Bazyar: "Drei Kameradinnen"
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-05276-3
352 Seiten, 22 Euro

Dmitrij Kapitelmans autobiografischer Blick in "Eine Formalie in Kiew"

Dmitrij Kapitelman
Dmitrij Kapitelman wurde 1986 in Kiew geboren. Bildrechte: Christian Werner

Der wirkliche Beitrag, den Autoren wie ich leisten können, ist zu zeigen, dass mehrere Kulturen und Diversität keine Bedrohung sind, dass Identitäten nichts Starres sind und Diversität keine lästige Aufgabe, sondern eigentlich eine große Bereicherung.

Dmitrij Kapitelman, Schriftsteller

Dmitrij Kapitelman ist in Leipzig aufgewachsen, und hier spielt sein autobiografischer Roman. Kapitelman ist Autor – bereits preisgekrönt, studierter Journalist und Musiker. Sein neues Buch beginnt am Technischen Rathaus in Leipzig. Hier sitzt die Ausländerbehörde, zu der sowohl sein Alter Ego im Buch wie auch Kapitelman selbst ein recht gestörtes Verhältnis haben: "Das Beste an der Ausländerbehörde Leipzig ist der Ausblick, den man hat, wenn man rauskommt. Da wurde viel Mühe und Zeit investiert, damit man auch ja nicht vergisst, wo man ist. Eine Kleingartenkolonie und eine orthodoxe Kirche", erzählt der Autor.

Buch Cover von Eine Formalie in Kiew
"Eine Formalie in Kiew" ist nach "Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters" (2016) das zweite Buch Kapitelmans. Bildrechte: Hanser Berlin

Dima Kapitelman kommt mit sechs Jahren zusammen mit seinen Eltern aus der Ukraine nach Deutschland. Als die Eltern nach Deutschland ziehen, weil die Angriffe auf ihr Judentum unerträglich werden, verlieren sie die Sicherheit und ziehen sich zurück. Dima aber will Deutscher werden und muss dafür eine sinnlose Formalie erfüllen. Und zwar in Kiew. Er kämpf sich dort durch einen Dschungel aus Korruption und Erinnerungen und stellt bittersüß fest, wie schwer es ist, wenn Eltern und Kinder ihr Heimatgefühl nicht teilen können. Kapitelman will, wie sein Held, ein guter Deutscher sein und den Pass – nach 25 Jahren: "Zum einen gebührt er mir, nach all der Zeit meiner Deutschwerdung", erklärt Kapitelman. "Zum anderen will ich auch volle politische Teilhabe. Das heißt: Ich will wählen, ich will nicht ewig am Flughafen stehen, wenn ich nach Hause komme, wie die personifizierte Armutsmigration von der Bundespolizei angesehen werden."

Informationen zum Buch Dmitrij Kapitelman: "Eine Formalie in Kiew"
Hanser Berlin
ISBN: 978-3-446-26937-8
176 Seiten, 20 Euro

Lena Gorelik über Identitätssuche in "Wer wir sind"

"Wer wir sind", Lena Gorelik
In "Wer wir sind" erzählt Gorelik auch von alltäglicher Diskriminierung. Bildrechte: Rowohlt Verlag

Auch Lena Goreliks Roman ist autobiografisch, erzählt vom Aufbrechen und Schwer-Ankommen. Damals lag sie oft im Gras, starrte in den Himmel und kniff die Augen so lange zusammen, bis der Stacheldraht, der das Flüchtlingswohnheim umgab, nicht mehr zu sehen war. Im Buch folgen wir dem Mädchen, das mit elf Jahren zusammen mit seinen Eltern aus der Sowjetunion kam, durch die Zeit des Erwachsenwerdens im Sehnsuchtswesten. Mit all den Dingen, das es mit Deutschsein verknüpft. 

Der Leser erlebt, wie alltägliche Diskriminierung vonstatten geht und wie schwer sich diese auf die Seele legt. Lena Gorelik erzählt, wie sie zu sich als Frau fand, zu ihrer Identität und verhandelt damit zwangsläufig die Frage, wer wir sind, wir alle – im heutigen Deutschland. Es ist jenes "Dazwischen", das Heimat und Identität ausmacht. Diese Erkenntnis hat Gorelik zu einer politischen Autorin werden lassen, fast wider Willen, erzählt sie: "Wir erleben die Dinge politischer. Wenn ich mit meinen Eltern essen gehe und die werden von einem Kellner aufgrund ihres Akzents anders behandelt als ich, dann ist für mich dieses Essen-Gehen eine politische Auseinandersetzung mit Rassismus. Nicht, weil ich das gerne möchte oder weil es mir Spaß macht."

Die Autorin Lena Gorelik sitzt in der alten Börse in Leipzig, im Hintergrund ein Buchcover
Autorin Lena Gorelik in der Alten Handelsbörse in Leipzig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dann ist dieses verdammte Schnitzel, was ich da esse, leider ein politisches Essen gewesen. Und das bringen wir natürlich in unsere Bücher ein. Nicht als Agenda, sondern als etwas, was wir tagtäglich erleben.

Lena Gorelik, Schriftstellerin

Informationen zum Buch Lena Gorelik: "Wer wir sind"
Rowohlt Berlin
ISBN: 978-3-7371-0107-3
320 Seiten, 22 Euro

Slavik Junge träumt groß in "Vom Präsident zum Hartz IV"

Slavik Junge – Rapper, studierter Schauspieler, Comedy-Preisträger 2020. Deutscher Pass, migrantische Biografie. Als er fünf war, kam Slavik mit seiner Mutter aus Kirgistan nach Berlin. "Ich kann weder ohne die russische Kultur leben, noch ohne die deutsche, erzählt Slavik Junge. "Ich brauche beides, und genau das bereichert es. Das schafft neue Ideen, ein neues Weltbild, verschafft dir vielleicht einen umfangreicheren Blick."

"Vom Präsident zum Hartz IV", Slavik Junge
Slavik Junges Debütroman "Vom Präsident zum Hartz IV" Bildrechte: Benevento

In der Platte wuchs er auf – für viele ein Schicksalsort. Jetzt hat Mark Filatov, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, ein Buch geschrieben – eine Art Märchen, nur ohne klassisches Happy End. Über einen Jungen in Jogginghose, mit Latschen und weißen Socken, der träumt: "Vom Präsident zum Hartz IV". Man könnte auf die Idee kommen, dass das Buch biografisch ist. Eine Prophezeiung im alten kirgisischen Heldenepos besagt: wer den Namen Slavik Junge trägt, muss Präsident werden. Und so besteigt er den kirgisischen Thron und verändert den politischen Stil. Mit Russenhocke, Grammatikfehlern, aber auch gesundem Menschenverstand und einem großen Herz.

Das Buch ist ein Spiel mit Klischees über Leute wie ihn. Die zentrale Botschaft: träum groß! Sein Buch soll Leuten wie ihm eine Eintrittskarte in die Literatur sein, in das Heimatgefühl, was Bücher geben können.

Slavik Junge
Mark Filatov, besser als "Slavik Junge", ist Schauspieler, Rapper und Autor. Bildrechte: MDR KULTUR/Buchmesse Spezial

Ich habe ja Abitur, und ich habe studiert, aber wenn die mich auf der Straße sehen würden, würden die denken: 'Der Assi ist zu dumm, um überhaupt ein Buch zu lesen.' Deshalb wollte ich da rein, um die Branche wachzurütteln.

Slavik Junge, Rapper und Schauspieler

Mehr Informationen zum Buch Slavik Junge: "Vom Präsident zum Hartz IV"
Benevento
ISBN: 978-3-7109-0107-2
240 Seiten, 20 Euro

Mithu Sanyals witzige Perspektive in "Identitti"

Das Buch "Identitti" von Mithu Sanyal
2021 veröffentlicht Sanyal ihr Romandebüt "Identitti". Bildrechte: Hanser Verlag

In Düsseldorf-Oberbilk lebt und schreibt Mithu Sanyal. Bei ihrem ersten Versuch zu veröffentlichen, sagte man ihr noch, der Verlag hätte schon eine indische Autorin. Blöd – nicht nur, weil sie gar keine Inderin ist, sondern Deutsche. Eine Postmigrantin, von der es inzwischen auch zwei oder drei in einem Verlag sein dürfen.

Nach ein paar Sachbüchern hat Mithu Sanyal jetzt ihren ersten Roman geschrieben. Der spielt genau hier – zwischen Dönerbuden und Gemüseläden und debattiert die große Frage nach Identität. Im Zentrum der Handlung steht die Studentin Nivedita. Seit ihrer Kindheit kämpft sie gegen das Gefühl, nicht dazuzugehören. Die Romanheldin und die Schriftstellerin haben einige Gemeinsamkeiten: den Stadtteil Oberbilk, den indischen Vater, die Düsseldorfer Alma Mater.

"Es ist kein autobiografischer Roman", erklärt Sanyal. "Aber ich teile mit Nivedita, dass ich immer das Gefühl hatte, ich darf nicht sagen: Ich gehöre wo auch immer hin, ich gehöre zu Deutschland, ich gehöre zu Indien. Ich hatte immer das Gefühl, dass mir sofort jemand auf die Schulter tippt und sagt: Halt! Hast du deine Existenzberechtigung dabei? Wenn nicht, dann geht das natürlich nicht."

Niveditas Professorin nennt sich Saraswati und gilt als Superexpertin zum Thema Identität. Doch dann stellt sich heraus: Sie hat sich selbst nur als Person of Color ausgegeben, sie ist in Wahrheit weiß. Wie festgefügt ist Identität eigentlich? Klug, witzig, fulminant verhandelt Mithu Sanyal diese Frage in "Identitti" und gibt People of Color in der deutschen Literatur eine Stimme. 

Mithu Sanyal
Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal Bildrechte: IMAGO / Manfred Segerer

Romane können Dinge, die Sachbücher nicht können. Das war das riesige Problem in meinem Leben, dass es Geschichten über mixed-race-Menschen in der deutschsprachigen Literatur eigentlich nicht gibt.

Mithu Sanyal, Schriftstellerin

Informationen zum Buch Mithu Sanyal: "Identitti"
Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-26921-7
432 Seiten, 22 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 29. Mai 2021 | 22:50 Uhr

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