"Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte …" Ingo Schulzes neuer Essayband zeigt den Menschen hinter den Romanen

In seinem neuen Essayband widmet sich Ingo Schulze politischen und literarischen Themen. Denn der Schriftsteller meldet sich außer in seinen Romanen auch in Zeitungsartikeln, Reden und Aufsätzen zu Wort. So analysiert er Merkels "Wir schaffen das" ebenso, wie er seinen eigenen Bezug zum sächsischen Dialekt betrachtet.

Buchcover, Ingo Schulze, "Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte …" 4 min
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Ingo Schulzes Essayband: "Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte …" versammelt zentrale Texte des kritischen und selbstkritischen Denkens eines ostdeutschen Schriftstellers. Vorgestellt von Bettina Baltschev.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 26.01.2022 06:00Uhr 03:58 min

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Wer das Werk von Ingo Schulze kennt, wird von seinem Blick auf die Welt kaum überrascht sein. So wie die meisten Protagonisten seiner Romane – zumindest wenn sie ostdeutscher Herkunft sind – steht auch er den nach 1989 verkündeten Heilsversprechen eher skeptisch gegenüber. In seinem Essayband "Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte …" macht er unter anderem seinem Unmut über das Wort "Wiedervereinigung" Luft. Es sei eben ein Beitritt vom kleinerem zum größeren Deutschland gewesen.

Analyse von Merkels "Wir schaffen das"

Aber Schulzes Texte handeln vor allem von der Gegenwart, in der er sich an gesellschaftlichen Schieflagen stößt. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa, das für ihn weit in den Osten reicht. Eindrucksvoll ist zum Beispiel das Vorwort zum Leningrader "Blockadebuch" von Ales Adamowitsch und Daniil Granin und sein Gespräch mit Dzevad Karahasan über ein Werk des russischen Schriftstellers Andrej Platonow.

Ein Mann hält ein zerknittertes Bild von Angela Merkel hoch.
Für ihre Aussage "Wir schaffen das" erhielt Angela Merkel viel Zuspruch, aber auch scharfen Protest Bildrechte: dpa

Dabei ist die Analyse von Sprache und Literatur auch hilfreich, wenn es um politische Themen geht. In einer Rede, die Ingo Schulze 2017 in Darmstadt gehalten hat, seziert er den wohl berühmtesten Satz von Angela Merkel: "'Wir schaffen das' suggeriert aber auch: Wenn wir das geschafft haben, ist Feierabend, Wochenende, nächstes Jahr dann wieder Urlaub wie eh und je. Und das ist das irreführende Versprechen daran. Das ist der Unterschied zwischen einer gut gemeinten Erzählung und einer guten Erzählung. 'Wir schaffen das' ist eine gut gemeinte Erzählung, aber eben keine wirklich gute, weil sie die Widersprüche nicht enthält."

Perspektivwechsel sind wichtig

Und für Widersprüche hat Schulze ein Faible. Das zeigt sich schon in dem etwas sperrigen Titel seines Essaybandes. Es ist die erste Hälfte eines Zitats von Georg Christoph Lichtenberg, der einmal bemerkte: "Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung". Schulze verbindet dieses Zitat mit dem Wunsch, wir mögen doch öfter die Perspektive wechseln und versuchen, uns in den anderen hineinzuversetzen.

Live aus der Alten Handeslbörse in Leipzig

Schulze wollte Pfarrer werden

Ob es sich um politische Reden handelt, um Sprachglossen oder Essays zur Literatur, oft beginnt Schulze seine Texte mit einer persönlichen Erfahrung. Einmal erzählt er davon, dass er aus einem kirchlichen Elternhaus komme und sogar mit dem Gedanken gespielt habe, Pfarrer zu werden. Nach der Lektüre dieses Buches kann man sich das gut vorstellen, denn eine Botschaft hat Schulze sicher zu verkünden, es ist die Botschaft der Aufklärung und Versöhnung.

Ingo Schulze
In Ingo Schulze Romanen reiben sich die literarische Heldinnen und Helden an der Gegenwart und an den politischen Ereignissen, die ihnen mal Glück, mal Pech bescheren. Bildrechte: imago images/Sabine Gudath

Hochdeutsch vs. Sächsisch

Diese Botschaft verbreitet er in der Regel auf Hochdeutsch, doch wüsste man gern einmal, wie der in Dresden Geborene auf Sächsisch klingt. Schulze schildert seine Sicht auf den Dialekt: "Nicht dass das Hochdeutsche eher erhaben und das Sächsische eher profan wäre. Aber auf Sächsisch war und bin ich ein anderer als auf Hochdeutsch. Es ist nicht nur die Stimme, die anders klingt, es ist nicht nur eine andere Tonfärbung, ein anderes Tempo, eine andere Mimik und Gestik. Man fühlt im Dialekt anders, man ist letztlich ein anderer Mensch."

Schulzes Essayband "Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte …" sei all jenen empfohlen, die den Menschen hinter den Romanen kennenlernen wollen.

Das Buch Ingo Schulze: "Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte …"
320 Seiten, 24 Euro
ISBN: 978-3-10-397043-2
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Januar 2022 | 08:10 Uhr

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