Neues Buch Nora Goldenbogen erzählt in neuem Buch vom Überleben ihrer Eltern in der NS-Zeit

In ihrem Buch "Seit ich weiß, dass du lebst - Liebe und Widerstand in finstersten Zeiten" begibt sich Nora Goldenbogen auf die Spuren der Lebensgeschichte ihrer Eltern. Ihr Vater überlebte das KZ-Sachsenhausen, ihre Mutter, eine rumänische Jüdin, die Verfolgung in Bukarest. Die Dresdner Historikerin zeichnet in dem im Leipziger Verlag Hentrich & Hentrich erschienenen Buch anhand von Briefen die bewegende Liebes- und Leidensgeschichte ihrer Eltern nach.

Dr. Nora Goldenbogen, Präsidentin des Landesverbandes Sachsen der jüdischen Gemeinden.
Die Historikerin Nora Goldenbogen erzählt in ihrem Buch "Seit ich weiß, dass du lebst“ die Überlebensgeschichte ihrer Eltern in der NS-Zeit anhand von Briefen. Bildrechte: imago images/Sven Ellger

Den Rahmen der Überlebensgeschichte von Hellmut Tulatz und Annette Kaiser bilden Briefe, die sie sich nach der Befreiung aus Dresden beziehungsweise auch Bukarest schrieben. Sie leiten alle Kapitel ein. Mehrere Suchbriefe hatte er geschrieben, über das Rote Kreuz. Einer kam schließlich bei seiner Nettyca an, wie er seine Frau liebevoll nannte. Drei Jahre erzwungener Trennung lagen bereits hinter ihnen. "Dieser Briefwechsel meiner Eltern beginnt im Frühsommer 1946 und der letzte Brief ist vom November 1946, also nicht mal ’n knappes halbes Jahr", sagt Nora Goldenbogen.

… es war ein böser Traum, der verflucht lange gedauert hat

Annette Kaiser in einem Brief an ihren späteren Mann

Trennung durch den Zweiten Weltkrieg

Ihr Vater habe einen Todesmarsch mitmachen müssen, wie 50.000 Häftlinge, die damals noch in Sachsenhausen waren oder aus den Außenlagern dorthin mussten, erzählt die Autorin.

Ausschnitt aus einem der Suchbriefe von 1945

"Viele sind nachts in den Wäldern vor Hunger und Kälte umgekommen, es war schrecklich. Ich begann unterwegs auf beiden Beinen zu erlahmen und nur der Hilfe meiner Kameraden und meinem unbändigen Willen zum Leben verdanke ich es, dass ich mich noch bis zum 2. Mai vorwärts geschleppt habe. An diesem Tag liefen wir in die Arme der Amerikaner.“

Die Mutter habe sich an die Dresdner Familie des Vaters erinnert und einer ihrer Briefe habe diese dann erreicht. Gemeint sind ihre Großeltern, die Eltern des Vaters in Dresden, die den Bombenangriff vom 13./14. Februar 1945 überlebt hatten. Die Mutter schrieb am 6. Juni 1946 aus Bukarest an ihren "süßen Hellmut“: "Gestern erhielt ich das Schreiben Nr. 1 und heute das zweite und beeile mich, Dir ausführlich zu schreiben… Hellmut, meine Seele, ich will Dir nicht alles, was ich erlebt habe, jetzt schildern, es war ein böser Traum, der verflucht lange gedauert hat.“

Briefe als wichtigste Quelle für Goldenbogen

Für die promovierte Historikerin sind die Briefe ihrer Eltern die wichtigste Quelle, um deren Überleben in Nazideutschland und in Rumänien rekonstruieren zu können. Beide hätten ihr gegenüber wenig über ihre schrecklichen Erfahrungen gesprochen, sagt Nora Goldenbogen. Erhalten geblieben ist außerdem ein Bericht des Vaters an die Parteikontrollkommission, in dem er ausführlich über sein Exil in Frankreich und Rumänien sowie über die mörderische Zeit im Konzentrationslager Sachsenhausen berichtete.

Gefangene werden ins Konzentrationslager Sachsenhausen getrieben
Nora Goldenbogens Vater überlebte das Konzentrationslager Sachsenhausen. Bildrechte: mdr/rbb/Bundesarchiv

"Ich war in Bukarest, ich war auch mehrfach in Sachsenhausen, um bestimmte Sachen dort zu klären, man braucht Zeit, um das, was man alles zusammen hat, zu verarbeiten", so Nora Goldenbogen.

Exil in Paris und kurze Rückkehr nach Dresden

Kennengelernt haben sich Hellmut Tulatz und Annette Kaiser 1933 bei einem Silvesterball von Emigranten in Paris; sie eine Jüdin aus Bukarest mit Wurzeln im Elsass, er ein junger Kommunist, der kurz nach dem Reichstagsbrand aus Dresden geflohen war. Bereits vor der Machtübernahme Hitlers hatte er nach einer Auseinandersetzung mit SA-Leuten sieben Monate Haft in Bautzen absitzen müssen. 

"Mein Vater ist März 1933 weg, da war die Blutwoche gewesen, dann war der sogenannte Judenboykott. Er wurde von der SA gesucht und da ist er mit mehreren anderen jungen Männern in die Emigration gegangen nach Paris und dort haben sich meine Eltern kennen gelernt", so Nora Goldenbogen.

Nora Goldenbogen: "Seit ich weiß, dass Du lebst" (Cover)
Das Buch "Seit ich weiß, dass Du lebst" ist im Leipziger Verlag Hentrich & Hentrich erschienen. Bildrechte: Verlag Hentrich & Hentrich

Die Tochter einer armen jüdischen Familie aus Bukarest wollte sich in Frankreich ein Leben ohne Judenverfolgung aufbauen. Hellmut Tulatz wohnte in einer der Pariser Emigrantenkasernen, lebte später illegal bei seiner Freundin. Weil er sich immer wieder unerlaubt politisch betätigte, beispielsweise in der Roten Hilfe, wurde er 1935 aus Frankreich ausgewiesen. Wahrscheinlich hatte ihn ein Gestapospitzel denunziert. Er entschied sich für Dresden, im Glauben, die Gefahr sei vorüber. Ihre Mutter sei mit ihm gegangen, erzählt Nora Goldenbogen. Damals seien sie schon ein Liebespaar gewesen und hätten sich nicht mehr trennen wollen.

Ein mit der Familie bekannter Polizeiinspektor frisierte die Akte von Hellmut Tulatz. So konnte das Paar einige Zeit unbehelligt in Dresden unterkommen. Doch der Wunsch zu heiraten zeigte ihnen, dass eine gemeinsame Zukunft in Nazideutschland unmöglich ist. Sie hätten ganz schnell gemerkt, dass sie kein Aufgebot mehr auf dem Standesamt aufgeben konnten, berichtet Nora Goldenbogen. "Und dann hat meiner Mutter ein Standesbeamter im persönlichen Gespräch gesagt, er würde ihnen raten, sofort zu gehen. Das war zwei Tage vor dem Gesetz, das allen Standesbeamten verbot, überhaupt noch Aufgebote aufzunehmen, wenn einer der Partner jüdisch war", so die Autorin.

Von der Gestapo beschattet und denunziert

2018 hat Nora Goldenbogen Bukarest besucht. Das jüdische Viertel gibt es nicht mehr.  Aber sie fand auf dem jüdischen Friedhof das Grab ihres Großvaters Wilhelm Kaiser. In der rumänischen Hauptstadt hatten ihre Eltern geheiratet, was nach den Nürnberger Gesetzen verboten war. Beide fanden Arbeit. Jedoch spätestens als das Land 1941 in den Krieg gegen die Sowjetunion eintrat, verschärfte sich die Situation für Juden. Längst hatte die Gestapo begonnen, das Ehepaar Tulatz zu beschatten. Sie seien dann von Hausbewohnern bei der deutschen Gesandtschaft denunziert worden, erzählt Nora Goldenbogen.

Chef der Gesandtschaft war Manfred von Killinger, ehemaliger sächsischer SA-Chef und Ministerpräsident. Ein glühender Nazi, der zur Organisation Condor gehörte, deren Verschwörer Walter Rathenau umgebracht und auch ansonsten viel zur Destabilisierung der Weimarer Republik beigetragen hatten. Dessen Stellvertreter, der junge SS-Mann Gustav Richter, sollte im Auftrag Adolf Eichmanns die Deportation der rumänischen Juden organisieren. Viele Juden waren da bereits in Lagern interniert.

SS-Hauptsturmbannführer Richter forderte Hellmut Tulatz auf, sich von seiner jüdischen Frau scheiden zu lassen. Der gab vor, die Scheidung beantragt zu haben. Als sogenannter Volksdeutscher bekam er 1943 einen fingierten Einberufungsbefehl. Ihre Eltern hätten damals massiv unter Druck gestanden, weil ihr Vater als Deutscher mit einer Jüdin zusammenlebte, so die Autorin.

Da haben sie am Ende gesagt, gut, dann fährt er nach Berlin, um der Einberufung Folge zu leisten, und als er dort angekommen war, ist er verhaftet worden

Nora Goldenbogen

Der Vater entging nur knapp der Todesstrafe

Wegen Rassenschande, Abhören feindlicher Sender und wegen seiner kommunistischen Vergangenheit. Weil sie ihm Radio Moskau nicht nachweisen konnten, entging Hellmut Tulatz der Todesstrafe, wurde aber in Schutzhaft genommen. Die Situation sei für ihre Mutter dann sehr schlimm gewesen, weil sie nicht wusste was mit ihm ist und sie ihm auch nicht schreiben durfte.

Erst als Rumänien das Kriegsbündnis mit Nazideutschland aufkündigte und sich den Alliierten annäherte, verbesserte sich die Situation der überlebenden Juden. Von Killinger nahm sich beim Einmarsch der Roten Armee das Leben, Richter geriet in Gefangenschaft.

Endgültige Heimkehr nach Dresden und DDR-Zeit

Hellmut Tulatz schreibt in einem Brief von der Trümmerwüste, in der nur Mäuse und Ratten wohnten. Er macht Netty dennoch Mut, nach Dresden zu kommen. Er wollte sich nicht dem Hass gegen alles Deutsche in Rumänien aussetzen. Nach monatelangem Warten bekam sie die Ausreiseerlaubnis. Doch an der böhmischen Grenze war Schluss. Die Sowjets wollten sie nicht durchlassen.

Eine Frau geht in einer Straߟe in Dresden an Häusern vorbei, von denen nach Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg nur noch Ruinen geblieben sind (undatierte Aufnahme).
Nach den Bombenangriffen auf Dresden im Februar 1945 lagen große Teile der Stadt in Trümmern. Bildrechte: dpa

Aber Hellmut fand eine Lösung. Als Jugendarbeiter in der Gohliser Windmühle hatte er viele Kontakte: "Freunde in Böhmen haben sie an die Grenze gebracht und hier in Dresden hat keiner gefragt. Die kannten alle Wege. Es sind ja auch viele in die Emigration über diese Wege in der Sächsischen Schweiz gegangen. Der Witz ist, dass meine Mutter über diese geheimen Pfade wieder nach Deutschland gekommen ist", so Nora Goldenbogen.

Ausschnitt aus dem Suchbrief von Hellmut Tulatz an seine Frau in Bukarest

„Bis 5. Juli habe ich in Schwerin im Lazarett gelegen, und am 24.Juli hatte ich Gelegenheit, mit einem Auto nach Dresden zu fahren und wohnte jetzt bei den Eltern“

Kritik an DDR-Regierung

Am Anfang beteiligte sich Hellmut Tulatz als Überlebender des NS-Regimes engagiert am gesellschaftlichen Neubeginn. Der Sozialismus sei für ihn und auch für seine Frau Kompass gewesen, erzählt Nora Goldenbogen. Doch er geriet wie zahlreiche ehemalige Exilanten und Häftlinge in die Mühlen der stalinistischen Parteibürokratie, ein Schmerz, den er bis zu seinem Lebensende nicht verwinden konnte. Die Familie Tulatz entschied sich jedoch in der DDR zu bleiben.

Ich kann mich gut erinnern, dass mein Vater noch Ende der 70er, Anfang der 80er seine Vorsicht vor dem Parteiapparat geäußert hat. Das war etwas, was er nicht erwartet hatte

Nora Goldenbogen

Doch genau verfolgten Überlebende wie Hellmut Tulatz, dass frühere Nazis im Westen wieder zu Amt und Würden kamen, Richter, Polizeibeamte, Politiker – wie Gustav Richter, der ihn in Bukarest verhört und dann an die Gestapo ausgeliefert hatte. "Bis tief in die 80er Jahre hinein konnten solche Leute als Schreibtischmörder unbescholten leben", sagt die Historikerin.

Zwei Frauen sitzen auf einer Bühne
Autorin Nora Goldenbogen (li) und Verlegerin Nora Pester am 1. Dezember bei der Buchvorstellung im Dresdner Kulturpalast. Bildrechte: Verlag Hentrich & Hentrich

Mit ihrer Geburt wurde Nora Goldenbogens Eltern 1949 ein spätes Glück beschert. Netty Tulatz war da bereits 42. Während der Nazizeit ein Kind auszutragen war unmöglich gewesen. Der Vater arbeitete zuletzt im Rathaus, wo er Opfer des Faschismus betreute. Die Mutter übersetzte französische und rumänische Texte. In der jüdischen Gemeinde fanden sie Gleichgesinnte. Beide starben kurz nacheinander im Jahr 1982. Das Buch ist für die Tochter auch eine Art Vermächtnis der Eltern. "Was für mich ganz wichtig ist: man braucht solch eine Geschichte, um den Menschen Mut zu machen, für eigene Entscheidungen zur Wahrheit", betont die Autorin.

Angaben zum Buch Nora Goldenbogen: "Seit ich weiß, dass du lebst - Liebe und Widerstand in finstersten Zeiten“

Verlag Hentrich & Hentrich
174 Seiten
24 Euro
ISBN: 978-3-95565-553-2

Redaktionelle Bearbeitung: Lilly Günthner

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Dezember 2022 | 16:10 Uhr

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