Literatur aus Halle Atemlos durch Ost-Berlin: Spannende Liebesgeschichte versetzt zurück in die Nachwende-Zeit

Andreas Montag, 1956 in Gotha geboren, studierte am Leipziger Literaturinstitut "Johannes R. Becher". 1990 las er beim Ingeborg-Bachmann-Preis und wurde im selben Jahr Redakteur bei der Mitteldeutschen Zeitung in Halle. Dort ist er heute Leiter des Kultur-Ressorts. Das literarische Schreiben hat er jedoch nicht vergessen: In "Glückliche Menschen" erzählt er jetzt von Paul und Linda, einem jungen Paar, dass angekommen scheint, sich aber im Ost-Berlin der Nachwendezeit verliert.

Porträt von Andreas Montag: Ein Mann in Lederjacke und mit verschränkten Armen schaut in die Kamera
Andreas Montag ist Kulturchef bei der Mitteldeutschen Zeitung in Halle, jetzt hat er den Erzählband "Glückliche Menschen" veröffentlicht. Bildrechte: Andreas Stedtler

Berlin-Prenzlauer Berg, irgendwann in der Nachwendezeit. Hier wohnen Paul und Linda in einer rustikalen Altbauwohnung, samt beschattetem Balkon und Wäscheleinen-Innenhof. Während sich Paul als Hausmeister für den Vermieter, einen dubiosen Zuhälter und Immobilienhai namens "Mogul", durchs Leben schlägt, kümmert sich seine Freundin um den jüngst geborenen Sohnemann.

Angekommen in der Kleinfamilie

Seitdem der da ist, plätschert der Alltag der Kleinfamilie eher beschaulich vor sich hin. Es gibt nur noch wenig Zeit und Raum für intime Bedürfnisse, vor allem wenn Pauls pedantische Spießereltern aus Thüringen über die Wochenenden zu Besuch kommen.

Früher war das Leben des Paares sehr viel abwechslungsreicher. Paul hatte mehr Zeit für Trinkgelage und Jam-Sessions, während Linda nach der Uni in einem Kultur-Café als Kellnerin jobben konnte. Zusammen waren sie ein Team, unzertrennlich, glücklich und freiheitsliebend.

Ausschnitt aus der Erzählung "Glückliche Menschen"

So schön war es damals am See hinter Angermünde, ein winziges Zelt hatten sie, einen Schlafsack für zwei, Bauch an Bauch, vier Hände und Füße, die wie kleine Tiere klammerten. Morgens rannten sie nackt ins Wasser, die Enten flogen krakeelend auf aus dem Schilf. Ich will dich, sagte er, als er sie umfasste, du kriegst mich nicht, sagte sie, und dann lagen sie doch beieinander im schlickrigen Sand des Ufers.

Raus aus dem Alltag: Andreas Montag erzählt über Rausch und Versuchung

Ein wenig Abwechslung vom öden Alltag, mal wieder Leute treffen und Musik machen, denkt sich Paul, und begibt sich kurzentschlossen, nachdem er das Kind seinen Eltern anvertraut hat, auf Kneipentour. Und dann taucht da in seiner Lieblingsbar "Robins Garden" auf einmal diese unbekannte Frau auf und es kommt, wie es kommen musste.

Ausschnitt aus der Erzählung "Glückliche Menschen"

"Schön hier", sagt Paul, weil er denkt, er müsse jetzt mal was sagen. "Findest du?", fragt die Grünäugige und verzieht spöttisch den Mund. "Nein", antwortet Paul. Und dann spinnt das Schweigen beide wieder ein, wie eine Decke legt es sich um sie, warm und nicht unangenehm. Paul würde die Dinge gern so lassen, wie sind, einfach festhalten den Moment, mehr nicht, aber er weiß ja, dass das nicht funktioniert. Dieses Schweigen wird sie immer enger zusammenrücken lassen.  

Zur selben Zeit ist auch Linda bei einem anderen. Ausgerechnet der "Mogul" hat sie in sein protziges Penthouse eingeladen. Nach ein paar Drinks im Pool eröffnet ihr der zwielichtige Magnat eine offensichtlich lukrative Position als Servicekraft in einem seiner zukünftigen Vergnügungsetablissements.

Jubelnde Menschen sitzen mit Wunderkerzen auf der Berliner Mauer am 11.11.1989.
Jubelnde Menschen am 11. November 1989 auf der Berliner Mauer Bildrechte: dpa

Ausschnitt aus der Erzählung "Glückliche Menschen"

"Fünf Etagen, alle offen und verbunden, im Keller Friseur und Kosmetiksalon, Massage, Nagelpflege, das ganze Programm, man will ja sauber und adrett sein für sich und die anderen, Genuss fängt mit dem schönen Körper an", sagt der Mogul, "dazu zwei Restaurants, ein Café und ein kleiner Laden, dahinter das Saunaland mit dem Garten, schön blickdicht, und von dort in die Swinger-Oase, alles in warmem Licht, kein Darkroom, nichts Schmuddeliges."

Brachflächen in Berlin 1992
Nach der Wende kamen die Kräne und die Brachflächen verschwanden: Ost-Berlin Anfang der Neunzigerjahre Bildrechte: dpa

Sozialkritisches Kammerspiel, Erotic-Lit und Satire im Nachwende-Berlin

"Glückliche Menschen" ist ein bittersüßes Szenenspiel eines Paares im Ost-Berlin der Nachwendezeit, dessen Beziehung langsam auseinanderdriftet und irgendwann in die Unaufrichtigkeit führt. Dabei entsteht ein tragikomisches wie auch sozialkritisches Kammerspiel, das sich, in sachlicher Manier, zwischen Retro-Chic, Urban-Trash, Erotic-Lit und Satire einordnen lässt und eine besondere Lesespannung erschafft.

Cover von Andreas Montag: Glückliche Menschen: Eine schematische Darstellung eines Schwimmbeckenrands mit Einstiegsleiter.
Bildrechte: Quintus Verlag

Weitere Informationen "Glückliche Menschen" von Andreas Montag
Verlag Quintus
112 Seiten, Hardcover
ISBN: 978-3-96982-042-1

Redaktionelle Bearbeitung: Thilo Sauer

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. August 2022 | 18:50 Uhr

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