"Abenteuer Platte" Ein neuer Bildband zeigt das Leben in der "Platte", wie Sie es noch nicht gesehen haben

An das Leben in der "Platte" gibt es vielfältige Erinnerungen. Ein neuer Bildband mit Fotos von Harald Kirschner, der selbst vier Jahrzehnte in Leipzig-Grünau lebte, eröffnet noch einmal andere Perspektiven. Der Fotograf zeigt, wie sich Kinder Abenteuerspielplätze eroberten oder wie Jugendliche ihre erste Liebe erlebten. Eine längst vergangen scheinende Welt, die plötzlich wieder nah ist, selbst wenn man sie nicht persönlich erlebt hat.

Foto aus dem  Bildband 5 min
Auch wenn der Spielplatz karg war, fanden Kinder dennoch ihren Spaß Bildrechte: Mitteldeutscher Verlag

Der Fotograf Harald Kirschner lebt und arbeitet seit 40 Jahren in Leipzig-Grünau, einer der größten Plattenbausiedlungen der ehemaligen DDR. Ein so langes Leben in der "Platte" ist natürlich Expertise genug für einen Bildband über dieses mehr als nur bauliche Phänomen, über das es eine ganze Reihe von Büchern und auch Bildbänden gibt. Doch Kirschner hat sich in seinem Buch auf eine bestimmte Zeit und einen speziellen Blick festgelegt.

Spannendes Leben auf einer Baustelle

Foto aus dem  Bildband
Abgestellte Kabeltrommeln wurden zu Rutschen Bildrechte: Mitteldeutscher Verlag

Kirschner geht es um den großen Abenteuerspielplatz draußen vor der Stadt, den Grünauer Kinder und Jugendliche in den Jahren von 1981 bis 90 hier zu ihrem Revier gemacht haben. In dem vorne schon gewohnt und hinten noch gebaut wurde.

Wie ein Foto von zwei Kindern zeigt, die schlammverschmiert auf provisorischen Laufbrettern in der Pfützenlandschaft ihres Wohnkomplexes unterwegs sind. Nicht hin zum nächsten langweiligen Spielplatz, auf dem man, wie ein paar Seiten weiter zu sehen, im Kollektiv der kleinen Sportler vielleicht Umschwung üben konnte. Aber wer dachte Anfang der 80er in Grünau schon an Umschwung oder gar eine Wende?

Warnungen und Abenteuerspielplätze

Foto aus dem  Bildband
Der Fotograf Harald Kirschner Bildrechte: Harald Kirschner

Da warnte an einem verrotteten Betonsilo an der bereits bewohnten Wilhelm-Pieck-Allee noch ein Schild des VEB Baukombinats Leipzig, dass das hier alles nur mit Genehmigung des Betriebsdirektors betreten werden dürfe – was ein paar Jungs aber nicht davon abhielt, inmitten eines aufgegebenen Rohrlagers den idealen Platz für ihre Panzerkreuzerspiele zu finden. Und wenn die Eltern der beiden Abenteurer, die ein einsames Förderband zur coolen Schaukel umnutzten, geahnt hätten, auf welch lebensgefährliche Art sich der Nachwuchs hier den Nachmittag vertrieb, wäre ihnen vielleicht das Herz stehen geblieben. Oder auch nicht. Es waren schließlich andere Zeiten.

Foto aus dem  Bildband
Viele Eltern wären schockiert gewesen, hätten sie ihre Kindern beim Spielen gesehen Bildrechte: Mitteldeutscher Verlag

"Jeden Tag waren wir unten. Wenn es regnete, zogen wir unsere Gummistiefel an", schreibt Katja Kirsche in einem das Buch begleitenden Text, der ihre Zeit des Erwachsenwerdens hier in Grünau mit genau der Lakonie beschreibt, die auch aus den Schwarz-Weiß-Fotografien Kirschners entgegenspringt.

Foto aus dem  Bildband
Schmale, provisorische Betonwege Bildrechte: Mitteldeutscher Verlag

Oft waren wir mehr als zehn Kinder zwischen acht und zwölf, die gemeinsam auf dem Hof spielten. Bis es dunkel wurde und Mutti uns zum Abendbrot rief.

Katja Kirsche im Begleittext des Buches

Erinnerungen an kleine und große Veränderungen

Es gibt Bilder, auf denen Kinder größer werden und am Jugendklub Völkerfreundschaft die erste Liebe erleben. Wir sehen zaghafte Umarmungen im Betonstaub und dann diese herausfordernden Blicke bei der Schuldisco über die garantiert nicht mehr erste Zigarette hinweg direkt ins Auge des Betrachters. Da werden alte Zeiten, die der eigenen Jugend wieder wach – und neue bahnen sich an.

Plötzlich zogen Hooligans durch die Straßen. Wenn ich abends im Bett lag, hörte ich, wie sie Nazisprüche auf dem Hof brüllten.

Katja Kirsche
Cover des Bildbandes
Das Buch ist im Mitteldeutschen Verlag
erschienen
Bildrechte: Mitteldeutscher Verlag

Letztens ist Kirsche wieder mal ins Plattenbaugebiet rausgefahren. Ein grauer Tag mit zwiespältigen Eindrücken, erinnert sie sich in dem Buch: "Im Februar, der Himmel hingt tief, fast so tief wie die oberen Etagen der Häuser. Beide hatten die gleiche grau-weiße Farbe. Auf dem Hof spielten keine Kinder. Doros neunzigjähriger Vati schaute aus dem Fenster und winkte mir zu." Und der Vater hat vielleicht auch Sören Pellmann gewählt, den Leipziger Linken-Politiker, der hier neulich bei der Wahl das dritte Direktmandat für seine Genossen geholt und ihnen damit den Fraktionsstatus im Bundestag gerettet hat.

Na wenigstens haben die Nazisprüche von damals keinen allzu großen Nachklang gehabt, denke ich beim Zuschlagen dieses Buches. Das nicht nur für Menschen interessant sein dürfte, die hier in Leipzig-Grünau groß geworden sind.

Das Buch Harald Kirschner: "Abenteuer Platte"
Bildband
128 Seiten, gebunden, 165 × 240 mm
ISBN 978-3-96311-515-8
Mitteldeutscher Verlag

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. Oktober 2021 | 13:15 Uhr